Im Rausch der Wortkaskaden

Mit dem lapidaren Satz "(indes ich 11 Wochen in Klostergarten und Krankensaal,)" eröffnet die bald 94-jährige österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker ihren jüngsten Prosaband "Pathos und Schwalbe". Am 25. Juli 2015 muss sie ins Franziskus-Krankenhaus "übersiedeln" und verbringt dort die Sommermonate abseits ihrer Wohnung, ihres "Schreibgehäuses", wie die Malerin Linde Waber Mayröckers Arbeitsuniversum bezeichnet. Für die Dichterin bedeutet das eine Ausnahmesituation, da sie gezwungen ist, gerade den Ort zu verlassen, an dem sie schreiben kann. Ihre Wohnung mit den Papiertürmen und Zettelburgen, den Korrespondenzwaschkörben und Büchern -mittlerweile gibt sie hier auch keine Interviews mehr - ist ihr Schreibrefugium, ihr Rückzugsort. Denn Schreiben geht nur alleine, einsam, gleich einer Eremitin in dieser ganz speziell inspirierenden Umgebung, auch wenn sich der Schreibprozess selbst vor allem aus dem Sehen, aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, Träumen oder auch Lektüren speist. Im Film "1 Häufchen Blume 1 Häufchen Schuh", den Carmen Tartarotti über sie gemacht hat, erklärt Mayröcker, dass sie aber auch unabdingbar die Außenwelt als Referenzrahmen braucht. Sie versetzt sich in Dinge hinein und notiert sie, mitten auf der Straße, in der Betrachtung von Objekten. In "Pathos und Schwalbe" heißt es dazu: "oft hat man mich gefragt, ob ich, ehe ich sie aufschreibe, die Sätze höre, o nein, ich sehe sie vor mir". Ganz offen bekennt sie: "Alles ist geliehen!" Im Krankenhaus habe sie sich, wie dem Klappentext zu entnehmen ist, immer wieder protokollartige Notizen gemacht, die zur Basis dieser Prosa geworden sind.

Der Alltag im Krankenhaus samt Schmerzund Altersmetaphorik sowie die außergewöhnliche Mayröckerische Weltwahrnehmung ziehen sich wie ein roter Faden durch dieses Werk. Formal gesehen webt sie wieder kraftvoll und radikal zugleich eine experimentelle Ebene ein, die sie selbst unterstreicht: "Ich bin Avantgarde!" "Schwöre dem plot ab". Das zeigt sich nicht nur in einem äußerst freien ("närrischen") Umgang mit der Interpunktion, den sie als Reminiszenz ihrer Liebe zur Jazzmusik sieht ("ich sage das sind Synokopen Synkopen-Engel eine Zeit der Synkope, also Blütezeit Grammo-Zeit mit Blick in den gestirnten ich meine Volkshimmel"), und der Satzstruktur, sondern auch im Spiel mit der grafischen Ausrichtung ihres Textes oder in der Verwendung unterschiedlicher Zeichen und Bilder. Als neues Element taucht eine Datumsschiene auf ("Wir schreiben den "), die unregelmäßig als zeitliche Matrix sichtbar wird.

Elliptisches Schreiben

Werke von Friederike Mayröcker zu lesen bedeutet stets, in einen flirrenden, glänzenden poetischen Kosmos einzutauchen. Auf das Schreiben ist alles ausgerichtet ("man verblutet sich ja so schön beim Schreiben"); ihr gesamtes Dasein, das Leben -selbst ein Krankenhausaufenthalt - wird verdichtet, verfremdet und hineingestellt in ein brausendes und sausendes Assoziationsfluidum. Auf diese Weise dringen Realitätsfragmente in ihre Texte ein. Diesmal finden sich sogar Begriffe aus den neuen Kommunikationstechnologien wie Skypen, YouTube oder iPad im wogenden Wortmeer wieder oder Hinweise auf gesellschaftspolitische Ereignisse: "kommt nun zum Brexit auch der Grexit?" oder "Trump läszt eine Mauer aufrichten eine grosze mexikoabgewandte Mauer". Dann wieder poppen -das ist neu -unmotiviert ganz knappe Meldungen auf: "Harnoncourt gestorben" oder "die Queen ist neunzig". Immer wieder reflektiert Mayröcker den Schreibprozess, der sich manchmal schwierig gestaltet. Mit Bezügen zu anderen Autoren, etwa Goethe, stellt sie sich in eine Tradition: "nun ja die GEBROCHENEN ZEI-LEN, [] Goethe hat beim Schreiben auch oft abgekürzt". Sie selbst spricht von einem "elliptischen Schreiben" und erklärt ihre Technik so: "ich meine arbeite mit älteren Aufzeichnungen, collagiere diese mit neuen Erfindungen und Delirien so dasz ein vielgestaltiger Prosatext (entsteht) vergleichbar Max Ernst's dripping-Technik der 50er-Jahre".

Oft wird mit der Sprache gerungen: "an diesen Sätzen ganze Nächte geschrieben"; gar von "Schreibblockaden" ist - gemessen an einem Wort Peter Handkes -die Rede: "'so stell ich mir manchmal auch das Schreiben vor: es musz scharf sein und zugleich das Zittern -das ist sehr sehr wichtig, dieses Zittern der Existenz, des Menschen in der Literatur. Das ist Literatur ' [ ] Bei mir hat es jedoch in den letzten 3 Tagen nicht gezittert, ich bin untröstlich und ich musz warten, bis das Zittern = die Erschütterung wiederkommt : zurückkommt". Zwischen all den mannigfaltigen Verweisen auf bildende Künstler, Autoren, auf Lektüreimpulse oder Musik -sie sind fester Bestandteil ihres textuellen Assoziationsgewebes ("cross-over-Sprache") - verschmelzen Wahrnehmungsräume, Erinnerungen, Traum und Wirklichkeit im Blick auf ein überspannendes größeres Ganzes: "Dieser Teil der Weltseele, schau! Sage ich ein Ästchen auf dem Trottoir". Die Natur ist in diesem halluzinatorischen Schreiben omnipräsent: "Pflücke Adjektiv wie Blume aus Beet dasz die Träne mir droppe". An anderer Stelle heißt es: "die Sprachekstase neben der Sprachlinearität, hochsommers. Das Blattgold im Fenster an jedem Julimorgen, langfristig die Mondsucht". Und dann rauschen wieder Emotionen durch den Text und machen ihn zu einem "Alabasterspiegel der Stimmungen und Gefühle":"meine Poesie, sagst du, sei eine Poesie der überstürzten Gedanken".

Auch wenn Mayröcker über eine "Wortschatzverringerung" klagt und das Alter schonungslos in ihr Schreiben integriert, gibt es bereits Pläne für Neues ("nächstes Buch soll die Umnachtung heiszen"). Vitalität und Glanz ihrer Prosa suchen noch immer ihresgleichen -mit Horizonten, die die Sprache sprengen, und rauschhaften "Wortkaskaden" im synästhetischen Ausloten aller Dimensionen ekstatischen Schreibens. Friederike Mayröcker gehört zu den ganz großen deutschsprachigen Autorinnen und kann wahrlich von sich sagen: "ich verkoste die Sprache: schmeckt köstlich!"

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