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Feuilleton

Viel Lebensfreude

1945 1960 1980 2000 2020

IN IHRER PROSASCHRIFT SETZT DIE WIENER AUTORIN FRIEDERIKE MAYRÖCKER KONSEQUENT DEN BEGON-NENEN LITERARISCHEN WEG FORT.

1945 1960 1980 2000 2020

IN IHRER PROSASCHRIFT SETZT DIE WIENER AUTORIN FRIEDERIKE MAYRÖCKER KONSEQUENT DEN BEGON-NENEN LITERARISCHEN WEG FORT.

Experimentelle Radikalität hat sich Friederike Mayröcker bereits seit Jahren zum Prinzip gemacht. Ungebrochen ist auch in ihren Altersschriften ihr literarischer Impetus, ja ihre buchstäbliche Hingabe an das Schreiben, das schon lange zu ihrem ausschließlichen Lebensinhalt geworden ist. Ihre jüngste Prosa, diesmal um kleine Zeichnungen erweitert, setzt das Begonnene fort, konsequent, avantgardistisch und bewundernswert frisch. Die Sprache, die sie anstrebt, ist "zart und zerbrechlich", voll poetischer Intensität. In ihrem Buch bekennt sie, dass sie "mit der Seele" schreibe, sie leuchte dabei "die finstersten Winkel der Welt" aus. Ihr "inwendiger Blick" fördert das "Echo des inneren Regenbogens" zutage.

Ely, eine Sigle für den geliebten Lebensbegleiter Ernst Jandl, taucht als Angesprochener auf, als konstantes Gegenüber im Rausch durch Imaginationsflächen, die von Erinnerungen und einverleibten Gegenwartspartikeln durchweht sind. Auch hier löst Mayröcker narrative Sinngebirge auf, sobald sie Konturen anzunehmen scheinen. Ein poetisch aufgeladenes Textuniversum, das eine osmotische Durchlässigkeit zeigt zwischen Traum und Wirklichkeit, angereichert durch die Außenwelt. Die lose eingestreuten Alltagsfragmente sind oft ganz profan, sogar verknüpft mit der modernen digitalen Welt: "mit anderen Freunden bestand die Unterhaltung aus dem gegenseitigen /wechselseitigen Vorzeigen der neuesten i-phones, auf welche die rosa Rosenblütenblätter niedergeschwebt waren." Andere Fenster zur Realität sind der Tod Schlingensiefs oder Brigitte Schwaigers.

Impulse von Malerei

Derrida, Genet, Waterhouse und Ponge fungieren als Initialzünder für ihre explosive literarische Wirklichkeitsaneignung: "Durch das Lesen und Exzerpieren einen Anstosz empfangen für das eigene Schreiben, oft genügte ja 1 Wort, 1 Zeile, 1 Absatz". In Mayröckers Texträumen findet man eine radikale Beschneidung der Sätze bis hin zur völligen Auflösung der Syntax. Diesmal arbeitet sie auch mit Wiederholungen und leitmotivartig eingewirkten Sätzen, die das Textbild strukturieren.

Impulse kommen von der Malerei, aber vor allem auch von Erinnerungen, Reisen und von der Natur. Die üppige Floralmetaphorik speist sich schier unendlich aus dem Kindheitsglück des "glitzernden" Gartens in Deinzendorf, der elegischen Sehnsuchtsspur ihrer Schreibwelt: "Was den Garten in D. angeht , ist Muzette oder Mama mit Sichel und Mond unterwegs um Malven weisze Lilien Glyzinien und Iris zu roden bis 1 Strausz gebüschelter Kuckucksstücke".

Wie ein transparenter Film ist auch das Alter präsent, als faktische Gegebenheit, nicht als Jammertal: das Aushusten des Schleims am Morgen, der Regenschirm als Prothese ("ich habe ihn eingepflanzt: eingebettet in mein GEHWERK"), der "Blütenhonig am Unterarm" ("die hängenden Gärten des Leibes"). Dann Einsamkeit. Einst hat eine polnische Wahrsagerin Mayröcker ein langes Leben prophezeit und große Einsamkeit. Doch glücklicherweise glänzt ihr Buch vor Agilität und Lebensfreude: "Meine Bewegtheit meine (agile) Bergwelt meine Tränen mein geliebtes Leben von welchem ich mich nicht zu trennen vorhabe."

ich sitze nur GRAUSAM da Von Friederike Mayröcker Suhrkamp 2012 141 S., geb., € 18,50

Experimentelle Radikalität hat sich Friederike Mayröcker bereits seit Jahren zum Prinzip gemacht. Ungebrochen ist auch in ihren Altersschriften ihr literarischer Impetus, ja ihre buchstäbliche Hingabe an das Schreiben, das schon lange zu ihrem ausschließlichen Lebensinhalt geworden ist. Ihre jüngste Prosa, diesmal um kleine Zeichnungen erweitert, setzt das Begonnene fort, konsequent, avantgardistisch und bewundernswert frisch. Die Sprache, die sie anstrebt, ist "zart und zerbrechlich", voll poetischer Intensität. In ihrem Buch bekennt sie, dass sie "mit der Seele" schreibe, sie leuchte dabei "die finstersten Winkel der Welt" aus. Ihr "inwendiger Blick" fördert das "Echo des inneren Regenbogens" zutage.

Ely, eine Sigle für den geliebten Lebensbegleiter Ernst Jandl, taucht als Angesprochener auf, als konstantes Gegenüber im Rausch durch Imaginationsflächen, die von Erinnerungen und einverleibten Gegenwartspartikeln durchweht sind. Auch hier löst Mayröcker narrative Sinngebirge auf, sobald sie Konturen anzunehmen scheinen. Ein poetisch aufgeladenes Textuniversum, das eine osmotische Durchlässigkeit zeigt zwischen Traum und Wirklichkeit, angereichert durch die Außenwelt. Die lose eingestreuten Alltagsfragmente sind oft ganz profan, sogar verknüpft mit der modernen digitalen Welt: "mit anderen Freunden bestand die Unterhaltung aus dem gegenseitigen /wechselseitigen Vorzeigen der neuesten i-phones, auf welche die rosa Rosenblütenblätter niedergeschwebt waren." Andere Fenster zur Realität sind der Tod Schlingensiefs oder Brigitte Schwaigers.

Impulse von Malerei

Derrida, Genet, Waterhouse und Ponge fungieren als Initialzünder für ihre explosive literarische Wirklichkeitsaneignung: "Durch das Lesen und Exzerpieren einen Anstosz empfangen für das eigene Schreiben, oft genügte ja 1 Wort, 1 Zeile, 1 Absatz". In Mayröckers Texträumen findet man eine radikale Beschneidung der Sätze bis hin zur völligen Auflösung der Syntax. Diesmal arbeitet sie auch mit Wiederholungen und leitmotivartig eingewirkten Sätzen, die das Textbild strukturieren.

Impulse kommen von der Malerei, aber vor allem auch von Erinnerungen, Reisen und von der Natur. Die üppige Floralmetaphorik speist sich schier unendlich aus dem Kindheitsglück des "glitzernden" Gartens in Deinzendorf, der elegischen Sehnsuchtsspur ihrer Schreibwelt: "Was den Garten in D. angeht , ist Muzette oder Mama mit Sichel und Mond unterwegs um Malven weisze Lilien Glyzinien und Iris zu roden bis 1 Strausz gebüschelter Kuckucksstücke".

Wie ein transparenter Film ist auch das Alter präsent, als faktische Gegebenheit, nicht als Jammertal: das Aushusten des Schleims am Morgen, der Regenschirm als Prothese ("ich habe ihn eingepflanzt: eingebettet in mein GEHWERK"), der "Blütenhonig am Unterarm" ("die hängenden Gärten des Leibes"). Dann Einsamkeit. Einst hat eine polnische Wahrsagerin Mayröcker ein langes Leben prophezeit und große Einsamkeit. Doch glücklicherweise glänzt ihr Buch vor Agilität und Lebensfreude: "Meine Bewegtheit meine (agile) Bergwelt meine Tränen mein geliebtes Leben von welchem ich mich nicht zu trennen vorhabe."

ich sitze nur GRAUSAM da Von Friederike Mayröcker Suhrkamp 2012 141 S., geb., € 18,50