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Literatur

„Ich bin so himmelwärts“

1945 1960 1980 2000 2020
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Friederike Mayröcker setzt mit ihrem neuen Fußnoten-Text die Radikalität ihrer Literatur fort.

Tabletten, um Schlaf zu finden. Zitternde Hände, eine verkrümmte Wirbelsäule und alles so mühsam. Zwischen Tränenströmen, Bedürfnislosigkeit, Angst und einer „zerfetzten Nacht“ trotzdem noch schreiben, exzerpieren, dem Vorbeisausenden, Herbeigeträumten, Hingeweinten eine Sprache schenken, neben „Staubzettelchen“ Worte sammeln, die beim Erwachen im Gedächtnis bleiben, wenn es raschelt, weil so viele kleine Papierfetzchen im Bett verstreut sind.

Diese Arbeitsweise ist bekannt, und sie leuchtet noch radikaler aus Friederike Mayröckers „Ich bin in der Anstalt“. 243 Fußnoten. Kein Roman. Eigentlich ein nicht geschriebenes Werk. Mayröcker hat es der Literaturwissenschaft noch nie leicht gemacht, ihr Werk textanalytisch zu verorten, ihr Schreiben hat immer schon konsequent alle Grenzen überschritten.

Alter und Tod

Die erste Fußnote enthält in Anlehnung an Jacques Derrida eine Warnung an die Leserschaft, Bekenntnisse nicht mit der Wahrheit zu verwechseln, auch wenn ihr Schreiben eng mit dem Leben verwachsen ist. Das letzte Geheimnis nehme man ohnedies mit ins Grab.

Insgesamt konzentriert sich Mayröcker hier vornehmlich auf die Auseinandersetzung mit dem Alter und dem Tod, auf die Reflexion der Natur, des Schreibens, der Erinnerungen und der Begegnungen mit Freunden. All diese thematischen Fäden werden nicht in ein fortlaufendes narratives Textgespinst gewebt, sondern wie immer mit eigenwilliger Interpunktion in den Fluss einer assoziativ generierten Sprache gesenkt. Auch wenn sie klagt, dass der Wortstrom abzureißen beginnt („dasz mir immer weniger Worte zur Verfügung standen nämlich dasz meine Sprache zum Skelett also ade“) oder begonnene Sätze oft nur mit Anstrengung zu Ende gedacht werden könnten, so ist von dieser „Verwundung“ und vom Ringen nach Worten in diesem Text nichts zu spüren. Die „Durchblutung“ ihrer Sprache versagt ihr den Schlaf, denn Mayröcker schöpft aus einem osmotisch wahrgenommenen Außen und Innen.

Das Alter macht sich auch in der alltäglichen Bewältigung des Alltags bemerkbar, den sie schonungslos und mit harten Schnitten kartografiert: „meine Natur probiert den Absprung in fremdes Land – meine Därme öffnen sich die Kloake empfängt mich ich bade in Glück, die Markise der Haare schirmt meine Augen 1 Woge des Wahnsinns hebt mich über mich selbst hinweg wie lange soll dieses Spiel noch dauern, …“ Daneben die fixe Idee, auf das Ende nicht vorbereitet zu sein. Der hinfällige Körper, Stürze, Gebrechlichkeit, „die Nacktheit des Alters“, dessen Griff in das Gesicht und eine schwierige Haltung zum Tod klingen immer wieder an. Da ist der Gedanke, nicht mehr in die eigene Haut zu passen, oder die Frage, welche Lebensphase die unsterblichste gewesen sei, wann sie also am deutlichsten gelebt habe: „ich bin so himmelwärts.“

Sprache als Knospe

Die Auseinandersetzung mit der Leere nach dem Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl, dieses Menschen voller Geheimnisse, der ihr jeden Tag neu war, zieht eine Tränenspur durch diesen Text, sein einsames Sterben im Krankenhaus, das sie bis heute noch nicht überwunden hat, und die Vorwürfe, ihm nicht genügend uneingeschränkte Zeit geschenkt zu haben. Daneben der berührende Abschied von ihrer Schriftstellerkollegin Elfriede Gerstl, die „zwischen den Träumen gestorben“ und kurz vor ihrem Tod „zum Katholizismus übergetreten“ sei, die Tränen bei der Bestellung des Kranzes aus Narzissen und Rosen.

Schließlich schiebt sich das zarte Erinnerungsgeflecht an Vater und Mutter dazwischen, an die Schwertlilien in Deinzendorf und die Kirschen über dem Ohr, diese große Liebe zur Natur, die Sommer in Rohrmoos („Sense im entlaubten Baum“), die stille Sehnsucht nach dem Nolde-Garten der Mutter, ein Hochsommertag in Angelika Kaufmanns Garten mit dieser Wiese „zu unseren Füszen“. Das Drastische wird von einer üppigen Metaphorik („der parfümierte Morgen“) unterfüttert: „1 Träne auf der Wange der Zeit, Tagore, er weht durch die Lüfte er ist so ewig Feldblume“. In Friederike Mayröckers Texten pulst lebendige Poesie oder um es mit ihren Worten zu sagen: „Sprache springt auf als Knospe“.

Ich bin in der Anstalt

Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk. Von Friederike Mayröcker. Suhrkamp 2010 190 S., geb., e 20,40