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Mythos statt Distanz

Carmen Tartarotti hat in „Das Schreiben und das Schweigen“ die Dichterin Friederike Mayröcker begleitet.

„Eigentlich ist das Umgehen mit der Poesie auch schon ein Liebesgedicht”, sagt Friederike Mayröcker in Carmen Tartarottis Film „Das Schreiben und das Schweigen“. Und: „Ich bin mir fremd, und obwohl ich mir fremd bin, gibt es Augenblicke, in denen ich mich zu durchschauen glaube.“ An dieser Stelle schaut die Kamera auf verschiedene Fotos der Autorin, und an anderer Stelle schaut sie auf die Schreibmaschine, den überwuchernden Schreibtisch mit den vielen Notizzetteln, Blättern und Büchern, kurz auf das ganze geordnete Chaos einer Wohnung, in der „leben“ ganz zuerst „schreiben“ heißt.

Alles kann zur Notiz werden

Was immer die Autorin auf ihren Wegen sieht und hört, kann zu einer Notiz werden, die dann in den vielen Körben voll Papier landet und in den Büchern ein Eigenleben beginnt: Schriftspuren aller Art bilden immer schon potentielle Fäden in ihren Texten. Mayröckers Stimme kommt fast durchwegs aus dem Off. Ein kleiner Platz auf einem Tisch ist für die Gespräche und das Tonbandgerät reserviert. Und während die Autorin Antworten gibt und erzählt, geht der Blick der Kamera von der Wohnung hinaus aus dem Fenster zum Himmel und wieder zurück, geht auf die Straße, geht der Autorin nach, wenn sie ihre Spaziergänge macht und Menschen trifft, denen sie Gedichte gewidmet hat. Einmal fragt sie sich selber, weshalb sie noch Interviews gebe und antwortet darauf, dass sie einfach nicht nein sagen könne. Dabei sei es anstrengend, denn eigentlich bekomme sie immer die gleichen Fragen gestellt und gebe auch immer die gleichen Antworten.

Auch in diesem Film erzählt die Autorin von Dingen, die den meisten Lesern wahrscheinlich schon bekannt sind, und auch diesmal ist die Art und Weise, in der sie es tut, eigentümlich einnehmend und ansteckend. Denn obwohl Friederike Mayröcker sagt, dass sie nicht gern spricht, sind ihre Antworten unbefangen und zuweilen von einem sehr dezenten Witz. „Ich lebe so gerne“, sagt sie, und es wird spürbar, woher das Glück solch unscheinbarer Sätze rührt: aus der Bindung an eine Sache, die ihre tragende Kraft niemals verloren hat.

Dieser Kraft gegenüber nehmen sich diverse filmische Blicke auf die Verwaltung, Bewahrung und Veröffentlichung von mancherlei schriftstellerischem Material ein wenig komisch aus: Zu sehen, was da alles im Leben eines Schriftstellers Bedeutung bekommt (durch wen eigentlich?), hat auch etwas Befremdendes.

Das Schreibleben einer Autorin

Wenn der Film etwa die im Wiener Literaturarchiv verstaute Plattensammlung von Ernst Jandl zeigt, fragt man sich, ob denn Texte, deren Kraft so unbändig und stark ist wie jene Jandls und Mayröckers, die Mythisierung ihrer Autoren brauchen? Und leistet nicht Tartarottis Film einer solchen Mythisierung, wenn auch ungewollt, Vorschub? Der Film will sich von der brachialen journalistischen Annäherung an Schriftstellerinnen und Schriftsteller absetzen, und er will dem Schweigen Raum geben. Dabei bedient er sich allerdings ganz des Schreiblebens der Autorin, ihrer Wohnung, ihrer Musik und ihrer alltäglichen Gewohnheiten. Er nimmt sich viel von dem, was in den Texten ohnehin auf ganz eigene Weise erzählt wird. Vielleicht hätte sich mehr vom Schweigen vermittelt, wenn der Film mehr Distanz und Zurückhaltung bewahrt hätte.

Das Schreiben und das Schweigen

D/I/A 2008. Regie: Carmen Tartarotti. Mit Friederike Mayröcker, Edith Schreiber, Peter Huemer, Julia Danielczyk. Verleih: Stadtkino. 90 Min.

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