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Feuilleton

Eine Prise Hölderlin

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Friederike Mayröckers neuer Lyrikband folgt Hölderlins Spuren.

"Eine Prise Hölderlin" ist gegenwärtig im Turmzimmer in Tübingen mit den roten Blumen in der Vase. Der als zerrüttet geltende und lange verkannte Dichter hat es 36 Jahre lang bewohnt. Hier im Stadtturm, wo ihn ein Tischlermeister aufgenommen hat, arbeitet Hölderlin weiter an seinem Werk, trotz des Wahnsinns, den man ihm attestiert. Seine Gedichte unterzeichnet er fortan mit dem Namen Scardanelli.

Der neue Lyrikband Friederike Mayröckers folgt den Spuren dieses Dichters ("ich möchte / leben Hand in Hand mit Scardanelli"). Worte, Verse, gepflückt aus Hölderlins Gedichten, ziehen sich als leichte, luftige Fäden durch ihr poetisches Textgespinst und setzen einen kühnen Wortrausch frei, dessen thematischer Gestus durch das Ineinanderfließen von Erinnerung und Gegenwart geprägt ist. Reise-Eindrücke, Begegnungen und der liebevolle Blick auf die Natur verschwimmen in schnellen Schnitten mit den Beschwerden des Alters ("der grüne Staub / in den Adern das kontinuierliche Altern : du kannst zusehen : dieser / Schritt in die Ewigkeit") und einer berührenden Auseinandersetzung mit dem Tod zwischen Vanitas, Einsamkeit und Tränen. Fast alle 40 Gedichte sind von Jänner bis September 2008 entstanden. In ihnen schimmern Konnotate des Gelesenen und das Fluidum minutiöser Wahrnehmung.

Besuch im Hölderlinturm

Das erste stößt mit der Erinnerung an einen Besuch des Hölderlinturms diesen musikalisch inspirierten elegischen Ton an. Einzelne Bilder etwa aus Hölderlins Gedicht "Wenn aus dem Himmel" legen leitmotivartig ein Imaginationsgewölk frei, das sich losgeeist von der Vergangenheit mit dem Jetzt überlagert, weil Mayröcker es zu einem Assoziationsgebüsch verknotet: "und saszen auf der Bank inmitten Tannen und Gebüschen küszten / uns nicht vielmehr an Händen haltend, dämmernd 1 Wald : 1 / Hausberg, Kogel' in Winterbach ich glaube, 55, da auf den Wiesen / auch verweilten diese Schaafe, und jetzt nach so viel Jahren / Tränenjahren mitten im Winter Blättchen sprieszend (,wo / die verborgenen Veilchen sprossen') unter halb hochgezogenen Blenden mein Bibelchen mein Flügelhorn ich habe dich doch / überall geheiratet".

Immer wieder geht der Blick zurück nach Deinzendorf, wo sie glückliche Kindersommer verbracht hat ("Mystifikation eines / Lebens 80 liebliche Sommer"), übermalt mit der Natur, die ihr konsequent als lichter Schreibfaden dient. Auch das Bild der Mutter ist da oder die Erinnerung an Ernst Jandl ("wir waren / uns eins ich spürte die Fülle seines Geistes … sein / Herz … das für mich schlug, jedes Eckchen der / Erde jede Hecke Halde Blume des Dichters : warme / Asche"). Viele Gedichte hat Mayröcker Freunden gewidmet, viele sind als Weggefährten präsent wie der früh verstorbene Dichterfreund Thomas Kling.

Diese kunstvolle, wunderbare Lyrik mit ihren oft aufgerissenen Torsosätzen und der metaphorischen Leichtigkeit zeigt, dass hier eine in geflügelten Sprachwohnungen wohnt. "In diesem Jahrtausend zu leben, zu leben von / der Substanz, schreiben je nach Lektüre … Diese Sehnsuchtsberge …"

Scardanelli

Von Friederike Mayröcker

Suhrkamp 2009

52 S., kart., e 15,30

Friederike Mayröckers neuer Lyrikband folgt Hölderlins Spuren.

"Eine Prise Hölderlin" ist gegenwärtig im Turmzimmer in Tübingen mit den roten Blumen in der Vase. Der als zerrüttet geltende und lange verkannte Dichter hat es 36 Jahre lang bewohnt. Hier im Stadtturm, wo ihn ein Tischlermeister aufgenommen hat, arbeitet Hölderlin weiter an seinem Werk, trotz des Wahnsinns, den man ihm attestiert. Seine Gedichte unterzeichnet er fortan mit dem Namen Scardanelli.

Der neue Lyrikband Friederike Mayröckers folgt den Spuren dieses Dichters ("ich möchte / leben Hand in Hand mit Scardanelli"). Worte, Verse, gepflückt aus Hölderlins Gedichten, ziehen sich als leichte, luftige Fäden durch ihr poetisches Textgespinst und setzen einen kühnen Wortrausch frei, dessen thematischer Gestus durch das Ineinanderfließen von Erinnerung und Gegenwart geprägt ist. Reise-Eindrücke, Begegnungen und der liebevolle Blick auf die Natur verschwimmen in schnellen Schnitten mit den Beschwerden des Alters ("der grüne Staub / in den Adern das kontinuierliche Altern : du kannst zusehen : dieser / Schritt in die Ewigkeit") und einer berührenden Auseinandersetzung mit dem Tod zwischen Vanitas, Einsamkeit und Tränen. Fast alle 40 Gedichte sind von Jänner bis September 2008 entstanden. In ihnen schimmern Konnotate des Gelesenen und das Fluidum minutiöser Wahrnehmung.

Besuch im Hölderlinturm

Das erste stößt mit der Erinnerung an einen Besuch des Hölderlinturms diesen musikalisch inspirierten elegischen Ton an. Einzelne Bilder etwa aus Hölderlins Gedicht "Wenn aus dem Himmel" legen leitmotivartig ein Imaginationsgewölk frei, das sich losgeeist von der Vergangenheit mit dem Jetzt überlagert, weil Mayröcker es zu einem Assoziationsgebüsch verknotet: "und saszen auf der Bank inmitten Tannen und Gebüschen küszten / uns nicht vielmehr an Händen haltend, dämmernd 1 Wald : 1 / Hausberg, Kogel' in Winterbach ich glaube, 55, da auf den Wiesen / auch verweilten diese Schaafe, und jetzt nach so viel Jahren / Tränenjahren mitten im Winter Blättchen sprieszend (,wo / die verborgenen Veilchen sprossen') unter halb hochgezogenen Blenden mein Bibelchen mein Flügelhorn ich habe dich doch / überall geheiratet".

Immer wieder geht der Blick zurück nach Deinzendorf, wo sie glückliche Kindersommer verbracht hat ("Mystifikation eines / Lebens 80 liebliche Sommer"), übermalt mit der Natur, die ihr konsequent als lichter Schreibfaden dient. Auch das Bild der Mutter ist da oder die Erinnerung an Ernst Jandl ("wir waren / uns eins ich spürte die Fülle seines Geistes … sein / Herz … das für mich schlug, jedes Eckchen der / Erde jede Hecke Halde Blume des Dichters : warme / Asche"). Viele Gedichte hat Mayröcker Freunden gewidmet, viele sind als Weggefährten präsent wie der früh verstorbene Dichterfreund Thomas Kling.

Diese kunstvolle, wunderbare Lyrik mit ihren oft aufgerissenen Torsosätzen und der metaphorischen Leichtigkeit zeigt, dass hier eine in geflügelten Sprachwohnungen wohnt. "In diesem Jahrtausend zu leben, zu leben von / der Substanz, schreiben je nach Lektüre … Diese Sehnsuchtsberge …"

Scardanelli

Von Friederike Mayröcker

Suhrkamp 2009

52 S., kart., e 15,30