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Zeitlebens ein Konter-Revolutionär

Er hat es einem nicht leicht gemacht. Er gehörte zu jener Spezies von Gelehrten, die man ob ihrer Argumentationskunst und Prinzipientreue bewunderte, ohne diesen Weg selber mitgehen zu können, ahnte man doch, dass dies den Geist einer vergangenen Welt atmete. Stets lag daher auch eine gewisse Tragik in den letzten Wortmeldungen Robert Spaemanns, des im besten Sinne des Wortes katholischsten deutschsprachigen Philosophen. Ob Gender, Homosexualität, der "Alte Ritus" in der Messe, Atomenergie oder Fragen der Menschenwürde: Kaum ein Thema, in dem er nicht querdachte. Applaus bekam er dabei vor allem von zweifelhafter Seite -von restaurativen Hardlinern politischer, philosophischer und auch kirchlicher Provenienz. Auf den ersten Blick liest sich Spaemanns Biografie wie eine klassische Gelehrten-Vita: Geboren 1927 in Berlin, wuchs er nach dem Tod seiner Mutter bei seinem sodann zum Priester geweihten Vater auf. Er studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik in Münster, München, Fribourg und Paris, lehrte bis 1992 in Stuttgart, Heidelberg und München. Ein Leben geprägt von Lektüre und Studium, aber auch von einer tiefen familiären Religiosität. Schon früh entwickelte Spaemann daher einen Geschmack für den Wert der Tradition -nicht jedoch für die Restauration. Denn nie ging es ihm um eine plumpe Wiederherstellung des Vergangenen, sondern darum, den Schmerz des Verlustes als Basis einer menschenwürdigen Zukunft zu erinnern: "Mein Plädoyer für die Moderne wurzelt in der Verehrung des Untergehenden." Entsprechend vehement lehnte Spaemann auch alle (neo)faschistischen Tendenzen ab: Schon als Schüler verweigerte er den Eid auf Hitler, galt seinen Mitschülern als "konterrevolutionär" - eine Zuschreibung, die er selber als "Ehrentitel" auffasste - und tatsächlich sollte er dies auch zeitlebens im übertragenen Sinn bleiben: ein Konter-Revolutionär. Denn nichts lag ihm ferner, als einem revolutionären Gestus zuzuarbeiten, der im Rausch des Umbruchs Traditionen und Grundüberzeugungen wegwischte. Im Zentrum seines Denkens stand somit auch die Gottesfrage, das Postulat: Gott muss sein. Denn ohne Gott rotiert die Vernunft auf der Stelle. Ein Denken, das die Präsenz Gottes verbannt, bedeutete ihm daher "eine Art Abdankung des Denkens". Nicht umsonst erinnert dies an einen anderen großen deutschen Denker ähnlich hohen Alters, der ebenfalls zeitlebens die Untrennbarkeit von Glaube und Vernunft verteidigt hat: den emeritierten Papst Benedikt XVI., der Spaemann zu seinen Vertrauten zählte.

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