Bewahrer auf gut katholisch

Am 5. Mai wird der große Denker und bekennende Katholik Robert Spaemann 85 Jahre alt. Kaum eine intellektuelle Debatte der letzten Jahre kam ohne den Konservativen aus.

Lang ist der Weg, dunkel und steil. Wer alle 14 Kreuzwegstationen auf dem Waldweg abgehen und gar beten will, braucht einen guten Atem. Belohnt wird er mit einem prächtigen Blick von der auf einer Anhöhe thronenden Trappistenabtei Mariawald. Ihr Ort: die Eifel im äußersten Westen Deutschlands. Hierher verirrt man sich nicht, hierher kommt man bewusst. Weil man das strenge, von harter körperlicher und geistlicher Arbeit und vom Rhythmus der Liturgie gepulste Leben gezielt sucht. Weil man seinem Reiz vielleicht schon von Kindheit an erlegen ist. So wie einer der wohl bekanntesten katholischen Intellektuellen und Philosophen der Gegenwart: Robert Spaemann.

Nach einer jahrzehntelangen Gelehrtenkarriere an deutschen Universitäten - von Münster über Stuttgart, Heidelberg und München - und seiner Emeritierung 1992 hat er sich mit nunmehr 85 Jahren in den Dienst der Abtei nehmen lassen. Warum? Wegen seiner Vorliebe für das monastische Leben, das er selbst früher einmal anstrebte, aber wohl auch, weil man hier oben in der Eifel zum vorkonziliaren "Alten Ritus“ zurückgekehrt ist; eine Form, die er liebt und für deren Wiederzulassung er bei Papst Benedikt XVI. heftig geworben hatte. Nun kommen die Mönche in den Genuss, in Vorträgen und Exerzitien dem großen alten Mann der Philosophie bei seinem Denken "live“ auf die Finger zu schauen. Doch was hat er noch zu sagen? Was ist seine Botschaft? Und findet sie überhaupt noch einen Weg hinaus aus klösterlichem Gemäuer und hinein in die Foren der zivilen Öffentlichkeit?

Der Konter-Revolutionär

Wer ihm nach-denken möchte, muss sich auf seine Biografie einlassen. Auf den ersten Blick liest sie sich wie eine klassische Gelehrtenvita, bestimmt von Lektüre und Studium, aber auch geprägt von einer tiefen familiär gelebten Religiosität. So berichtet Spaemann etwa in dem jüngst erschienenen autobiografischen Gesprächsband "Über Gott und die Welt“ davon, dass er bereits als Dreijähriger "Wohlbehagen“ empfand, als er "auf dem Schoß seiner Mutter liegend aufwacht beim Psalmodieren der Mönche, das ihn auch schon in den Schlaf gesungen hatte.“ Nach dem Tod der Mutter wurde sein Vater Priester, früh keimte in ihm der Wunsch, Mönch zu werden. Die Benediktiner im nordrhein-westfälischen Kloster Gerleve hatten sein Herz erobert. Doch es kam anders, es kam die Philosophie - getragen von der stets brennenden Sehnsucht nach einer Heimat, die "uns allen in die Kindheit scheint, wo aber noch keiner war“, wie er in Anlehnung an Ernst Bloch schreibt.

Aus dieser biografischen Melange heraus erwuchs auch seine durch und durch anti-faschistische und die Nazis rundheraus ablehnende Haltung schon als Schüler. Dem Eid auf Adolf Hitler entzog er sich durch simulierte Krankheit, und schon als Schüler galt er in den Augen seiner Mitschüler als "konterrevolutionär“ im Sinne seiner Gegnerschaft zu den Nazis. "Es war für mich ein Ehrentitel: Ich war konterrevolutionär.“

Dies sollte er lebenslang auch in anderen Debatten bleiben: Nichts lag ihm ferner, als einem revolutionären Gestus zuzuarbeiten, der im Rausch des Umbruchs Traditionen und Grundüberzeugungen wegwischte. Seine Liebe gilt dem Bleibenden, wie er es bei Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin findet. Aus ihnen schöpfend beharrt er bis heute auf einem Naturrechtsdenken. Wissend um die damit einhergehenden erkenntnistheoretischen Probleme hält er zumindest an den Basisbestimmungen fest, dass es ein solches Wesen geben müsse, denn "gäbe es kein von Natur Rechtes, so ließe sich über Fragen der Gerechtigkeit gar nicht sinnvoll streiten“. Gott als Initialzündung dieses Rechtsbegriffs, als Schöpfergott, und Vernunft schließen sich bei Spaemann nicht aus - im Gegenteil. Vernunft rotiert auf der Stelle, wo sie nicht ihre eigene Begrenztheit, ihre Einbettung in den größeren, mit der Chiffre Gott versehenen Horizont erfährt.

Entsprechendes Unbehagen empfindet er immer dort, wo die Menschheit vermeint, den Rockzipfel der Geschichte selbst fest in den Griff zu bekommen, mehr noch, sich selbst zum Maßstab der Geschichte zu machen. So blieb ihm die 68er-Bewegung, die er als Professor an der Universität Stuttgart miterlebte, ebenso fremd wie der sich anbahnende philosophische Paradigmenwechsel. Suspekt blieb ihm die Rede vom "herrschaftsfreien Diskurs“, denn Diskurse, so seine Überzeugung, können nie jene Begründungstiefe erlangen, die reflektierte Erfahrungen, die Einsichten in naturrechtliche Gegebenheiten besitzen.

Stetiger Wanderer zwischen den Welten

Unangepasst auch sein Umgang mit dem Urdatum allen aufklärerischen Vernunftdenkens: der Französischen Revolution und ihrer Rezeption. Schon früh galt sein Interesse vor allem jenen Denkern, die die Geschichte der Revolution gegen den Strich zu bürsten versuchen - wie etwa die französischen Philosophen der Restauration, vor allem Vicomte de Bonald, über den er dissertierte. Die Idee der Volkssouveränität, der Ermächtigung des Volkes, war für de Bonald der Sündenfall schlechthin, die Destruktion der im Symbol des Monarchen komprimierten Gegenwart Gottes. Ein Denken, dass die Präsenz Gottes aus dem Erdkreis verbannt, bedeutet aber auch Spaemann bis heute "eine Art Abdankung des Denkens“.

Er war stets ein Wanderer zwischen den Welten. Vom katholischen Elternhaus aus machte er sich auf die Reise - von weit links und den Marxismus über die scholastischen Klassiker des Mittelalters, die Aufklärung bis hin ins gefährliche rechte Eck eines Carl Schmitt. Ihn haben stets die geistigen Gratwanderungen gereizt. Aber Spaemann wäre nicht Spaemann, wenn man ihn eines leichtfertigen Vernunft-Defätismus oder gar restaurativer Leidenschaft für das Gottesgnadentum überführen könnte. Nie ging es in einer Befassung mit den Denkern der Restauration um Wiederherstellung des Vergangenen, stets aber um die Bewahrung des Geschmacks für das Verlorene und den Rückgriff auf nicht Abgegoltenes, auf weiterhin Gültiges. "Mein Plädoyer für die Moderne wurzelt in der Verehrung des Untergehenden“, schreibt er.

Von unseligen Koalitionären vereinnahmt

Es sind die als verfemt geltenden Disziplinen der Metaphysik, des Naturrechtsdenkens und der Teleologie - d.h. der Rekonstruktion einer das Sein durchwebenden Zielgerichtetheit -, die Spaemann immer einen Exoten bleiben ließen - die ihm aber auch mehrfach Einladungen nach Castel Gandolfo zu Gesprächen mit Johannes Paul II. und Benedikt XVI. eingebracht haben.

Ein Exot zieht zugleich jedoch auch unselige Koalitionäre an. So steht Spaemann nicht zuletzt durch seine intensive Befassung mit Carl Schmitt, mit den Denkern der französischen Reaktion und durch seine persönliche Vorliebe für den Alten Messritus im Geruch, rechte Strömungen zu bedienen. Spaemann wird in diesen Fällen vereinnahmt, er selbst tut nichts dazu. Aber vielleicht manchmal zu wenig dagegen.

Gewiss, seine ungebrochene Katholizität mag heutigen Zeitgenossen fast unerträglich erscheinen, seine Resistenz gegen philosophische Abenteuer, der bewahrende Gestus, den sein ganzes Werk ausstrahlt, ebenso - vielleicht lässt sich dies alles nur richtig einschätzen vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen, seiner Biografie. Wer in Zeiten der Zerrüttung aufwächst, sucht das Ganze, sucht zu retten durch eine unrettbar verlorene Zeit hindurch.

Über Gott und die Welt

Eine Autobiographie in Gesprächen.

Von Robert Spaemann (Mitarbeit: Stephan Sattler) Klett-Cotta 2012. 240 Seiten, geb.

€ 25,70

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