Feuilleton

Zivilisation ade? Erneutes Aus für Österreichs Kulturstätten

1945 1960 1980 2000 2020

Walter Dobner über den zweiten Lockdown für Österreichs Kultur.

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Walter Dobner über den zweiten Lockdown für Österreichs Kultur.

Ihr blute das Herz, dieser Lockdown sei allerdings alternativlos, ließ die für Kultur zuständige Staatssekretärin kurz verlauten. Seit wenigen Tagen sind erneut Österreichs Kultureinrichtungen zu. Oder sollte man besser sagen „Freizeiteinrichtungen“? Denn in der dieser sehr kurzfristigen Entscheidung zugrundeliegenden, von Bundesminister Anschober erlassenen Verordnung finden sich Theater, Konzertsäle und -arenen, Kinos, Varietés, Kabaretts und Museen unter dieser Bezeichnung in einem Atemzug genannt mit Schaustellerbetrieben, Freizeit- und Vergnügungsparks, Bädern, Einrichtungen des Bäderhygienegesetzes, Tanzschulen, Wettbüros, Automatenbetrieben, Spielhallen, Casinos, Schaubergwerken, Indoor-Spielplätzen, Paintballanlagen, Museumsbahnen, Tierparks, Zoos, aber auch „Einrichtungen zur Ausübung der Prostitution“ (sic!).

„Eine Kultur besteht aus einer Reihe sinnlicher Vorlieben“, hat der frühere Direktor des Center for Culture and Technology der Universität Toronto, Herbert Marshall McLuhan, formuliert. Dass er damit Kultur unter Freizeit subsumiert, diesen Begriff zudem so weit gespannt hätte, wie die Verfasser dieser Covid-19-Schutzmaßnahmenverordnung, lässt sich aus seiner Definition nicht erschließen. Aber auch, was die Regierung am Ende ihrer Debatten dazu gezwungen hat, im Rahmen dieses mittlerweile zweiten Lockdowns ein weiteres Mal Theater, Opernhäuser, Museen und Kinos zuzusperren, ist nicht nachvollziehbar. Abgesehen davon, dass es zunächst so ausgesehen hat, dass etwa Museen doch geöffnet bleiben dürfen. In all diesen Institutionen hat es keine Fälle gegeben, die eine solche Maßnahme rechtfertigte. Oder gibt es Vorfälle, die ein anderes Bild vermitteln? Dann diese und die begleitenden Zahlen auf den Tisch. Und zwar nicht irgendwann, auch nicht sofort, sondern unverzüglich!

Gerade die Kultureinrichtungen, die sich nunmehr gefallen lassen müssen, offensichtlich zu nichts anderem zu taugen als zur Behübschung der sonst wohl noch langweiligeren Freizeit, haben alles unternommen, um die Ansteckungsgefahr durch Corona bestmöglich zu verhindern. Aber ohne entsprechende Lobby tut man sich schwer. Kultur, bis dato als wichtigste Nebensache apostrophiert, scheint endgültig vom Tisch. Dies gerade in Zeiten heftiger Freiheitsbeschränkungen, in denen Kunst und Kultur eine sinnvolle Hilfe zum Ertragen dieser außergewöhnlichen Situation wäre. „Kultur ist nur ein dünnes Apfelhäutchen über einem glühenden Chaos“ befand schon der weit in die Zukunft blickende Friedrich Nietzsche. Wer Kultur leugnet, geringschätzt, gar verhindert, indem er verbietet, Kultur öffentlich zu realisieren, vermittelt nicht nur einen Einblick in seine grundsätzliche Wertschätzung der Zivilisation, sondern auch von deren innovativsten Protagonisten: den Kulturschaffenden.