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Das Gefängnis als Spiegel der Gesellschaft

Gefängnisse sind zu Stein gewordene Katastrophen: Mehr als die Hälfte der Gefangenen kommt nach der Freilassung innerhalb von fünf Jahren wieder in Haft - von Resozialisierung keine Spur. Und sowohl Gefangene als auch Wachpersonal leiden unter dem aktuellen Reform- und Einsparungsdruck.

Singen statt brummen: In Russland konnten sich Ende Oktober Strafgefangene ihre Freilassung ersingen. 800 der 800.000 russischen Häftlinge hatten sich für den Bewerb "Superstars hinter Gittern" beworben, 23 kamen ins Finale, zwei Frauen und vier Männer schafften es mit Eigenkompositionen, Pop und Rap in die Freiheit. Kommentar der begeisterten Jury: "Talent bleibt auch hinter Gittern Talent."

Für Wolfgang Gratz ist diese Einsicht nicht überraschend: "Das Gefängnis ist keine Gegenwelt, sondern ein Ort, wo sich drinnen die gesellschaftlichen Phänomene von draußen ziemlich genau abbilden." Gratz, Soziologe, Jurist und Universitätsprofessor für Kriminologie leitet das "Fortbildungszentrum Strafvollzug" in Wien - eine Einrichtung, die sich um die Weiterbildung von Justizwachebeamten kümmert.

Auch die Beamten "sitzen"

Den Vollzugsbeamten gehe es nämlich wie den Strafgefangenen, sagt Gratz: "Die Öffentlichkeit will von beiden Gruppen nichts wissen. Die Gefangenen sollen unauffällig ihre Haftzeit absitzen, und die Wachebeamten sollen ebenso unauffällig und unbedankt ihren Dienst versehen." Das Schlimmste, was einem Gefängnis passieren kann, fügt Gratz hinzu, ist, dass Ruhe und Ordnung ins Wanken geraten. Gratz war Leiter einer Justizanstalt und weiß, wovon er redet, wenn er resümiert: "Reibungslose Anpassung an die Gefängnismaschinerie ist das, was wirklich zählt." Das ist auch einer der Gründe, warum das Gefängnis als Besserungsanstalt so wenig leistet, meint Gratz, denn "die perfekte Gefängnisanpassung bedeutet Lebensuntüchtigkeit". Nicht umsonst heißt ein Gefängnissprichwort: "Er war ein guter Gefangener, er kommt wieder."

Zuwenig Platz für zuviel Haft

Die Strategie der Justizanstalten entspreche laut Gratz der von erfahrenen Häftlingen: in Deckung gehen, nur nicht auffallen, möglichst wenig unternehmen, was zum Vorwurf gereichen könnte. Trotzdem sind die österreichischen Gefängnisse jetzt in die Schlagzeilen geraten: Zuwenig Platz für zuviele Häftlinge, lässt sich die aktuelle Problematik zusammenfassen. Den 29 heimischen Justizanstalten mit einer Kapazität von 8.000 Insassen stehen 8.204 Strafgefangene gegenüber. Das bedeutet, dass sich sowohl die Haftbedingungen für die Gefangenen als auch die Arbeitsbedingungen für die 3.500 Justizwachebeamten dramatisch verschlechtern. "Momentan ist man nur damit beschäftigt, das Werkl am Laufen zu halten", beschreibt Gratz die Situation. Hermann Deisenberger, Referent für Gefangenenseelsorge der Diözese Linz, gibt ihm Recht: "So wie das jetzt läuft, liegt der Schwerpunkt auf Überwachung - die Betreuung der Insassen kommt zu kurz."

Deisenberger, der sieben Jahre als Gefängnisseelsorger in der Justizanstalt Garsten gearbeitet hat, verweist auf den Sozialbericht der Kirchen Österreichs, der schon vor einem Jahr gewarnt hat: "Es scheint, dass wir von einem humanen Strafvollzug noch weit entfernt sind. Im Vordergrund des Strafvollzugs sind die Delikte, Strafen, die Sicherheit, jedoch nicht die Person."

Reform- und Spardruck

Als Faktoren, die die angespannte Situation in den Gefängnissen weiter verschärfen, nennt Deisenberger: steigende Aggressionen wegen des Platzmangels; wachsende Zahl an Süchtigen; stark zunehmende Zahl der ausländischen Gefangenen - bis zu 70 Nationalitäten in einer Anstalt; steigende Zahl von psychisch schwer gestörten Häftlingen; und dazu kommt noch der hohe Reform- und Einsparungsdruck der Politik.

Strafen vs. Resozialisierung

Keine guten Voraussetzungen für eine Resozialisierung der Straftäter. Die Erfahrung zeige aber, so Seelsorger Deisenberger: "Je sicherer Rechtsbrecher verwahrt werden und je mehr die Gefängnisse den Strafbedürfnissen entsprechen, desto geringer sind die Chancen einer Besserung der Inhaftierten." Und ernüchternd fährt er fort: "Der Widerspruch zwischen Sicherung und Strafen einerseits und Resozialisierung andererseits scheint unauflösbar."

Udo Jesionek, der frühere Präsident des Wiener Jugendgerichtshofes, beschreibt in diesem Sinn die Hauptaufgabe des Strafvollzugs als den Versuch, die Schäden möglichst gering zu halten, die durch den Strafvollzug entstehen. Rechtfertigen lassen sich Gefängnisse für Jesionek nur als Verwahrungsorte für besonders gefährliche Straftäter und als Sühneorte für schwere Verbrechen - in allen anderen Fällen "schadet das Gefängnis mehr, als dass es nützt". Wenn es so weiter geht, haben wir bald amerikanische Verhältnisse, bedauert Jesionek. Mit Wehmut denkt er an die Zeit, wo es in den Jugendgefängnissen noch Vollbeschäftigung gegeben hat. "Die Probleme sind hausgemacht", kritisiert der Präsident a. D.: "Die Gesetze wurden verschärft und die Judikatur im Osten Österreichs ist zu streng." Am meisten stört Jesionek, dass man das gute Gesprächsklima in der Justizpolitik zerstört hat: "Früher versuchte man, Konzepte zu machen, heute baut man ruck-zuck neue Zellen."

Steinerne Katastrophen

Statistisch gesehen sind Österreichs Gefängnisse "zu Stein gewordene Katastrophen", schildert Wolfgang Gratz die Misere: Mehr als die Hälfte der Entlassenen kehrt innerhalb von fünf Jahren wieder ins Gefängnis zurück. Und obwohl Gefängnisse Häftlinge und Wachpersonal tendenziell unglücklich machen; und obwohl Gefängnisse in modernen Gesellschaften bizarre Relikte vergangener Epochen sind - Gratz sagt den Gefängnissen eine sichere Zukunft voraus: "Gerade das Archaische macht sie so erfolgreich. Es spricht das an, was wir nach wie vor in uns haben: Angst, Hass, Schuldgefühle, Aggression, Sexualneid."

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