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Zwischen Stille und Schrei

FOKUS
Wolke - © Foto: iStock

Jaroslav Rudiš: „Das schöne Wetter halte ich für überbewertet“

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Hinausgelesen: Brigitte Schwens-Harrant las die Poetik Vorlesungen von Jaroslav Rudiš

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Hinausgelesen: Brigitte Schwens-Harrant las die Poetik Vorlesungen von Jaroslav Rudiš

„Ich mag, wenn die Stadt und das Umland von Wind gepeitscht werden und in dichten Wolken verschwinden. Im Schneetreiben. Oder im Nebel“, schreibt Jaroslav Rudiš in seinen „Stefan Zweig Poetikvorlesungen“. „Denn das spornt die Fantasie an. Das schöne Wetter halte ich für völlig überbewertet. Wenn die Sonne scheint und das Wetter schön ist, ist es einfach nur schön und das war’s dann auch, damit ist die ganze Geschichte auch schon erzählt. Und noch einen Vorteil hat das schlechte Wetter: Dann ist man an den Orten, die man besuchen möchte, meistens allein, wie der alte Winterberg sagt. Und die Menschen treibt es in die Wirtshäuser, wo sie dann beim Bier sitzen und erzählen.“

Im Wirtshaus, genauer „im Perronnord in St. Gallen, in einem Lokal mit Bahnblick“, sitzt Rudiš im gesamten ersten Teil seiner Poetikvorlesungen, die unter dem Titel „Durch den Nebel. Drei Erzählungen über das Erzählen“ unlängst bei Sonderzahl erschienen sind. Der Blick auf die Bahn kommt nicht von ungefähr, da ja auch im Zug Menschen und Leben unterwegs sind und zusammenkommen, also viele Geschichten aufzuspüren sind. „Es sind die Eisenbahnschienen, die alles und alle in Europa verbinden und zusammenhalten. Überall kann ich einsteigen und weiterfahren und durch Europa reisen. Oder auch tatsächlich nach Hause fahren“, schwärmt Rudiš. „Es sind aber auch Geschichten, in die man einsteigen kann und die uns verbinden. Die guten Geschichten. Die schlechten Geschichten. Das alles bildet eine einzige große mitteleuropäische Erzählung, von der wir alle mit unseren Sorgen und Freuden ein Teil sind.“

Als Teil dieser mitteleuropäischen Erzählung liest sich auch das Leben von Jaroslav Rudiš, der 1972 in Turnov geboren wurde, in Lomnice aufgewachsen ist, in Liberec, Zürich und Prag studiert hat und nun in Berlin lebt. Man kann ihm in diesem Band an einige dieser Stationen folgen. Sein Blick gilt aber nicht nur den Plätzen, wo Reisende zusammen-treffen, sondern auch Orten wie etwa Liberec, „im Norden von Tschechien“, „abgelegen und abgehängt“. „Vielleicht ist es auch genau das, was mich an solchen Orten interessiert – diese Randlagen. Und auch die Rand­figuren, die ich immer wieder ins Zentrum meiner Geschichten hole und zu Hauptfiguren mache. Die Träumer. Die Verrückten. Die Ganoven. Die Nachtgestalten.“

Über „Nachtgestalten“ hat Rudiš 2021 gemeinsam mit Nicolas Mahler eine großartige Graphic Novel gestaltet. Rudiš’ Beschreibung dieses Gemeinschaftswerks verrät einiges von seiner Poetologie, von der Bedeutung, die er dem Erzählen zuschreibt. „Die Nachtgestalten ziehen von Haus zu Haus, sie betteln um das letzte Bier, sie erzählen und erzählen, denn sie wissen, dass das Erzählen vielleicht ihre einzige Rettung ist. Das Erzählen und auch der Humor. Die Ironie. Und auch die Selbstironie. Wer sich in Böhmen zu ernst nimmt, ist erledigt.“

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