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Zwischen Stille und Schrei

FOKUS
Wolken 6 und 7 - © Foto: iStock

„So long, Annemarie“ von Andreas Unterweger: Wenn das Herz ins Stolpern kommt

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Ein Student lässt während seines Auslandsjahres den Verlust seiner Liebe Revue passieren und begibt sich auf eine literarische Entdeckungsreise. Ironisch leuchtet Andreas Unterweger in seinem Roman "So long, Annemarie" die emotionale Exzentrik seines Protagonisten aus. 

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Ein Student lässt während seines Auslandsjahres den Verlust seiner Liebe Revue passieren und begibt sich auf eine literarische Entdeckungsreise. Ironisch leuchtet Andreas Unterweger in seinem Roman "So long, Annemarie" die emotionale Exzentrik seines Protagonisten aus. 

Annemarie in Graz oder in Sevilla. Immer aber in Danis Kopf. Allerdings ist Dani nicht bei ihr, sondern in Nantes, wo er gerade dem aus Graz kommenden Zug am Gare de Nantes entstiegen ist. Eigentlich wollte er zuerst nur zwei Wochen mit Carmen in Madrid zusammenleben. Doch jetzt deutet alles darauf hin, dass seine langjährige Beziehung nach mehreren holprigen Anläufen, sie zu beenden, tatsächlich endgültig aus und vorbei ist, was für ihn aber noch lange nicht heißt, dass die Annemarie-Zeit abgehakt ist.

Ungefähr so steckt der österreichische Autor, Übersetzer und manuskripte-Herausgeber Andreas Unterweger das inhaltliche Szenario am Beginn seines neuen Romans „So long, Annemarie“ ab. Dass man dem auktorialen Ich-Erzähler dieser Prosa – wie bereits Professor Stendhal weiß – jedoch niemals trauen darf, kristallisiert sich bereits nach der Lektüre der ersten Seiten heraus. Denn die verlorene Liebe und die Trauer darum werden noch zusätzlich auf eine vielschichtig angelegte literarische Metaebene mit musikalischem Soundtrack gehievt.

Auf den ersten Blick könnte man in diesem Roman sogar autobiografische Parallelen aufblitzen sehen. Denn Unterweger hat, wie man nachlesen kann, als Student in Graz ein Auslandsjahr in Nantes verbracht. Aber in einem Interview anlässlich der Zuerkennung des manuskripte-Preises im Jahr 2016 hat er bereits einmal darauf verwiesen, dass seine Texte eigentlich von der Unmöglichkeit, autobiografisch zu schreiben, erzählen. Mit Elementen der Autofiktion spiele er bloß. Das experimentelle Spiel mit der Imagination überhöht Unterweger in seinem Roman sogar noch einmal mit der Figur einer übergroßen, „fußlahmen Maus“, die in einer Art Personifikation das Trauergepäck symbolisiert, das der Protagonist Dani lange Zeit in einem Rucksack mit sich herumschleppt. Es handelt sich auch nicht um irgendeine Maus, sie geht, so heißt es, vielmehr auf ein Gedicht in einer Literaturzeitschrift zurück, in dem von ihrem gewaltsamen Tod berichtet wird. In diesem gleichnishaften Text manifestiert sich metaphorisch der sukzessive Beziehungsbruch zwischen Annemarie und Dani.

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