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Zwischen Stille und Schrei

FOKUS
Schneelöwe - © llustration von Michael Roher aus „Schneelöwe“, Tyrolia 2022

„Schneelöwe“ und „Was zählt, bis du“: Innen und außen

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Erkenntnisreiche Spiegelbilder im Bilderbuch: „Schneelöwe“ von Heinz Janisch und „Was zählt, bist du“ von Magda Hassan.

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Erkenntnisreiche Spiegelbilder im Bilderbuch: „Schneelöwe“ von Heinz Janisch und „Was zählt, bist du“ von Magda Hassan.

D as Blaue vom Himmel erzählen. Blaumachen. Blau sein. Oder auch to feel blue, also nicht betrunken, sondern depressiv oder traurig sein: Die Palette der sprachlichen Assoziationen ist breit und wird gestützt von den Farbvarianten des Blau und deren unterschiedlichen Konnotierungen – vom Nachtblau bis zur blauen Stunde. Als komplementäre Farbe zum titelgebenden allegorischen Tier („Schneelöwe“) wählt der Illustrator Michael Roher dieses Blau. Es ist in seinem Fall ein Blau, das nahe am Dunkelgrau liegt. Es verdeutlich damit den Kontrast zum Weiß und bettet ihn dennoch weich: Diesem Blau mutet jene Melancholie an, die im poetischen Text von Heinz Janisch zum Stilmittel wird.

Mythisch anmutend lenkt ein erzählendes Ich den Blick vom Äußeren auf das Innere und begibt sich auf die Spuren des Selbst. Es wird befragt und mit dieser Befragung erst (diskursiv) hervorgebracht: Was verbirgt sich in unserem Inneren? Was macht uns im Eigentlichen aus? Die philosophische, auch religiös lesbare Frage erhält hier den Charakter des magischen Realismus; denn die beiden arrivierten und vielfach ausgezeichneten österreichischen Künstler wählen Tierfiguren, um das zum Ausdruck zu bringen, was im Sinne einer Gesamtheit des Geis­tigen und Emotionalen als Seele verstanden werden kann.

Der weiße Schneelöwe im Inneren des erzählenden Ich verdichtet und verbildlicht gleichermaßen die eigenen Empfindlichkeiten („An manchen Tagen höre ich mehr als andere“) wie die eigenen Ängste und Stärken („Ich kann auch gefährlich knurren, wenn jemand glaubt, andere ärgern zu müssen“). Das, was rasch ins Esoterische kippen könnte, wird durch die sprachliche wie illustratorische Kunstfertigkeit zu einer stillen Annäherung, die nach und nach ihre besondere Kraft entfaltet.

Michael Roher arbeitet dabei auf faszinierend intensive Weise mit Kugelschreiber. Ganz dem Erzählten entsprechend nutzt er einen ganz alltäglichen Gegenstand, um einen introspektiven Blick nach außen zu spiegeln. Die Kraft seiner Bilder entsteht dabei durch den Kontrast des neutralen, nicht weiter ausdifferenzierten äußeren Erscheinungsbildes seiner Figuren und den vielfach fotorealistisch anmutenden Wesen, die sich im Inneren verbergen. Deren Haut, Felle, Muster und Körperstrukturen werden berückend eingefangen; und der Selbsterkundungs­prozess des erzählenden Ich wird damit gleichermaßen konkretisiert wie in Schwebe gehalten. Der zeichenhafte Schneelöwe wird offengelegt und bleibt dennoch verborgen – gipfelnd in einer Doppelseite, auf der das Vexierbild des Inneren durch aufklappbare Seiten für einen kurzen Blick darauf freigegeben wird.

Zeichenhaftes Tier

Nicht der mythische Schneelöwe, sondern der ganz reale (aber natürlich fiktionale) Gepard ist es, der im Bilderbuch „Was zählt, bist du“ von Autorin Magda Hassan (unter dem Pseudonym Mia Kirsch Teil des Künstler­kollektivs ASAGAN) und der zuletzt mit ganz unterschiedlichen Arbeiten und Stilen sichtbar gewordenen Illustratorin Raffaela Schöbitz als zeichenhaftes Tier inszeniert wird.

Fokussiert wird in der explizit an Kinder adressierten Bilderbuchgeschichte nicht auf das Innere, sondern den (falschen) Schein des Äußeren. Ihn gilt es zu relativieren. Gemeint ist damit das Unnahbare, das Unbekannte, das Fremde, das sich im strahlenden Gelb des Gepardenfells mit den zahllosen Punkten spiegelt. Diese Punkte aber sollen eben nicht zahllos bleiben; sie zu zählen heißt, sich den Geparden vertraut zu machen.

Nicht dem kleinen Prinzen kommt diese Aufgabe zu, sondern einer ringelsöckigen Mädchenfigur, die von einer maskierten, dynamischen Frauenfigur zur Annäherung an den Geparden motiviert wird. Denn wer zählt, dem steht auch die Möglichkeit offen, (sprachspielerisch) zu erkennen, was zählt. Und: Jede, jeder zählt. Auch wenn sich seine oder ihre Besonderheit vorerst hinter dem wilden Äußeren verbirgt.

Dieser illustratorisch durchaus mit exotischen Abenteuermotiven aufgeladene Erkenntnisprozess wird in ein stilisiertes Dschungelpanorama gesetzt. Wie einst Florian seine Reise über die Tapete angetreten hat, bewegt sich auch dieses Kind durch die Kulisse einer Selbst- und Fremd­erfahrung. Schritt für Schritt nähert es sich dem Geparden an, spiegelt dessen Gesten und Körperhaltungen und beginnt damit, im wörtlichen wie übertragenen Sinn, seine Punkte zu zählen. „Wie im Traum.“ Auch hier eröffnet sich damit letztlich sehr spielerisch ein Spiegelbild. Nicht das eines Schneelöwen und dennoch ein nicht minder erkenntnisreiches.

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