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Kleine Frau ganz groß

Peter Henisch ist 65 - und hat uns zu seinem Geburtstag ein neues Buch geschenkt.

Nicht dass Peter Henisch sich nicht hineinschreiben könnte in eine fremde Kultur: Sein letztes Buch Die schwangere Madonna vergegenwärtigt geradezu einen bestimmten Landstrich Italiens; und schon seit Morrisons Versteck taucht er ein in Amerika. Aber Wien lässt ihn dennoch nicht los. Seiner Stadt kann er immer wieder neue Seiten abgewinnen. Und neue Wege. Wege im buchstäblichen Sinn: Viele seiner Texte sind wie im Gehen geschrieben, bewegen sich in sinnlicher Konkretheit entlang einer genau vermessenen Strecke und haben die Details im Blick. Details am Rande.

Am Rande der Stadt, an der Peripherie, in der Henisch aufgewachsen ist, und am Rande herkömmlicher Deutungsmuster, die einer Ideologie, oder modischer, irgendeiner correctness verpflichtet sind.

Im Gehen erzählt

Im neuen Buch geht Peter Henisch, der diese Woche seinen 65. Geburtstag feiert, ganz konkrete Wege, die in die Vergangenheit führen: zurück hinter die aus seinen Büchern vertraute Nachkriegszeit, in die Erste Republik. In die Jugendzeit seiner Großmutter. Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Roman Die kleine Figur meines Vaters hat sich Henisch wieder auf den Weg in die eigene Familiengeschichte gemacht.

Aber anders als bei seinem Vater, mit dem er Gespräche auf Tonband aufnahm, war er bei der Großmutter fast ganz auf Erinnerungen angewiesen. "Den Erinnerungen eine Chance geben", war sein "Programm" für dieses Buch. Er verweist dabei auf Doderers "frei steigende Erinnerung".

Genau gesagt verweist der Erzähler des Romans darauf. Aber dieser Erzähler ist so unverkennbar Peter Henisch wie die Großmutter seine wirkliche Großmutter ist; sogar Lage und Details seiner neuen Wohnung sind in den Roman eingegangen. Und doch ist es eben ein Roman und der Erzähler ebenso unverkennbar nicht Peter Henisch, sondern Paul Spielmann, nach Jahren als Literaturdozent an einer amerikanischen Universität nach Wien zurückgekehrt, ein Ex-Autor, der das Schreiben aufgegeben hat.

Wie schon in Schwarzer Peter schafft sich Henisch hier ein Alter Ego, eine Spielfigur, die Wege in ein sehr vertrautes Wien ermöglicht und es zugleich in ein fremdes Licht taucht. Und der Leser bekommt nicht einen "fertigen" Roman vor die Nase gesetzt, sondern wird Zeuge, wie er entsteht und sich selbst reflektiert.

In die Großmutter versetzt

Paul Spielmann also ist unterwegs in Wien, und gerade dadurch kann er sich in seine Kindheit hineinversetzen, in der die Großmutter so viel mit ihm herumspaziert ist. Und in die Großmutter. "Das sollte doch möglich sein: sich in den Kopf der Großmutter zu versetzen", sagt er sich - im Wissen, dass sich gerade das immer wieder als unmöglich erweist. Und das Buch zeigt ja - erzähltechnisch konsequent -, wie sie in zwei Personen zerfällt: in die Großmutter eben, die sie für den kleinen Buben war, und in Marta, das junge Mädchen von einst, das er aus den Großmutter-Erzählungen und den eigenen Erinnerungen zu rekonstruieren versucht.

Marta, die Tochter des jüdischen Kohlengroßhändlers Augustin Glück, war in ihrer Jugend sogar eine kurze Zeit in Paris; danach hat sie einen "Fehltritt" begangen und von dem böhmischen Friseur Jaroslav Spielmann ein Kind bekommen. Und der hat sich aus dem Staub gemacht. Doch ein "anständiger" Mann hat sie aufgefangen: Wilhelm Prinz, Postangestellter, Patriarch und ein Nazi der ersten Stunde. Martas jüdische Herkunft kannte er - sie musste verheimlicht werden. "Und Marta bemühte sich, Frau Prinz zu sein."

Ihr Bemühen tut noch beim Lesen weh: Wie sie zur Hausfrau "erzogen" wird, wir ihr Bub ins Internat muss, dann als Sonderling nach Hause kommt und von Herrn Prinz verprügelt wird; wie sie wenigstens durch ihre Bücher noch ein paar Träume hat.

Jüdische Herkunft tabu

Herr Prinz geht auf gefährliche Nazi-Versammlungen, Herr Prinz wird verhaftet, Herr Prinz stirbt: aber nicht, weil er ein Nazi ist, sondern im Hotel mit einer andern Frau am Silvesterabend. Und Marta lernt das Alleinsein, hat ein bisschen Protektion und schlägt sich als Krankenschwester durch. Nach dem Krieg wird der Enkel ihr Ein und Alles, ihre "letzte Liebe", wie es in der Familie heißt. Zu ihm kommt sie vom Spital: ein Weg durch sechs Bezirke und vier Besatzungszonen. "Die kleine Großmutter mit ihrer Hebammentasche".

Die Großmutter erzählt und erzählt: Wilhelm Tell, Krieg und Frieden oder Jenseits von Eden - sie hatte alles im Programm. Und unvergessliche Sätze, die den Erinnerungsstrom von Paul Spielmann wie Netze durchziehen; und Peter Henisch zum Erzähler machten. "Aber wenn man erzählt, sagte die Großmutter, dann ist das, wie wenn man einen Weg geht. Einen Weg, an dessen Rand man von Schritt zu Schritt mehr sieht."

Mit jedem Schritt führt das Erzählen immer tiefer hinein in das Lebensdickicht der Großmutter, in die schmerzhafte Kindheit des Vaters, der hier noch einmal in einem anderen Licht erscheint als in der Kleinen Figur, in die Kindheit von Paul Spielmann/Peter Henisch und in die Zeitumstände.

Einfach genau komponiert

Hier wird die Lektüre der Großmutter noch einmal produktiv. Wie das Lesen von Jenseits von Eden und Vicky Baums Menschen im Hotel mit Martas Leben sowie mit dem Anschluss an Deutschland parallelisiert werden, zeigt große erzählerische Meisterschaft. Peter Henisch versteht sich auf intertextuelle Bezüge - man sehe sich nur die Schwangere Madonna daraufhin an. Aber selten sind sie so einfach zu erkennen wie in diesem Buch. Wie hier überhaupt alles ganz einfach und ohne literarische Vorbildung lesbar - und trotzdem bis ins Letzte komponiert und durchdacht ist.

Es gibt Interpreten, die hören hinter den unerbittlichen Monologen bei Thomas Bernhard - Paul Spielmann verurteilt ihn sehr harsch - noch immer seinen Großvater sprechen. Ebenso könnte man aus dem dialogischen Erzählen von Peter Henisch seine Großmutter heraushören. Und in diesem Roman hört man sie auch gehen und Klavier spielen. Von der Abfindung, als sie in Pension geschickt wird, hat sie sich einen Bösendorfer gekauft.

Eine sehr kleine Frau.

Roman von Peter Henisch

Deuticke Verlag, Wien 2007.

288 Seiten, geb., € 20,50

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