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PETER HENISCH ERGREIFT SEIT JAHREN PARTEI: ALS SCHRIFT-STELLER UND ESSAYIST.

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PETER HENISCH ERGREIFT SEIT JAHREN PARTEI: ALS SCHRIFT-STELLER UND ESSAYIST.

Ein Schriftsteller, der auch für die Zeitung schreibt. Seit Jahrzehnten schätzen interessierte Leserinnen und Leser die Beiträge eines Großen in der deutschsprachigen Literatur zu politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen in wichtigen Druckmedien wie auch der FURCHE. Seine Texte kommentieren Krisen, menschliche Tragödien und Skandale, aber auch literarische Ereignisse und Persönlichkeiten. Der Band "Außenseiter aus Passion" (Sonderzahl 2013) enthält über 80 Texte von Peter Henisch, die zwischen 1972 und 2013 erschienen sind.

Multiperspektivisch

Schon beim Durchblättern wird deutlich, dass man es hier im Vergleich mit den Einzeltexten mit etwas qualitativ Neuem zu tun hat. Die Sammlung dokumentiert eine Facette im Werk des Peter Henisch, von der wir zwar wussten, die wir aber so noch nicht gesehen oder erlebt hatten. "Dieser Band", so der engagierte Leiter des Sonderzahl-Verlages Dieter Bandhauer, "hat einen geheimen, aber sehr wirksamen Mit-Autor, nämlich die Zeit." Tatsächlich ergibt die chronologisch-thematische Sammlung eine multiperspektivische, gleichzeitig aber überraschend kohärente Sicht auf Österreich und Mitteleuropa seit Beginn der Kreisky-Jahre, also seit der widersprüchlichen "Modernisierung" vieler Bereiche unseres Lebens. Der "Außenseiter aus Passion" (letzteres Wort im doppelten Sinn) weiß in der Auseinandersetzung zwischen den "Einen" und den "Anderen" immer genau, wo er hingehört: zu Letzteren. Er kämpft gegen die repressive, von der Mehrheit diktierte Normalität.

Peter Henisch hat bei dem jüngst in der Wiener Alten Schmiede abgehaltenen Kolloquium zu seinem 70. Geburtstag an einem Abend sowohl aus diesen Texten als auch aus seinem neuen Italien-Roman "Mortimer &Miss Molly" gelesen. Dabei wurde schon durch Tonfall, Timbre und Sprachmelodie klar, dass sich eine Aufgliederung in nicht-fiktionale Sachprosa und "Literatur" verbietet. Henisch ist eben kein Journalist. Die Energie und Schärfe seiner essayistischen Kulturkritik liegt in der sprachlichen und stilistischen Reflektiertheit - in der Tradition von Ralph Waldo Emerson, aber auch von Karl Kraus. Schreiben für ihn ist unteilbar, er schreibt nicht in einem Fall so (an einem Roman) und im anderen anders (an einem Artikel). Hier ist ein charakteristischer Satz: "Wir sind lauter Einzelne, aber manchmal tut es gut zu bemerken, dass wir nicht allein sind." Die aphoristische Spannung zwischen (ver-einzelten) Einzelnen und der Möglichkeit von Gemeinsamkeit, zwischen kritischer Selbstverortung und Aufforderung zum Tun, wird hier auf den sprachlich-essayistischen Punkt gebracht. Das Feuilleton klingt sonst anders.

Eines von Henischs dringlichsten Themen ist die Ausländerfeindlichkeit und die ungesetzliche, unmoralische Behandlung von Flüchtlingen in Mitteleuropa, "diesem harten Herzen des Kontinents". Nach der jüngsten Katastrophe vor Lampedusa, die Hunderten von Flüchtlingen das Leben kostete, liest man diese Beiträge, der früheste 1999 zur Berichterstattung der Krone zum Tod von Marcus Omofuma, mit besonderer Bestürzung. Dabei werden, typisch Henisch, nicht nur die regierenden Pharaos aufs Korn genommen, sondern wir alle, deren Verständnis vom "herrschenden Fastfoodbewusstsein" beeinträchtigt und beschränkt ist. Wir tun zwar international, leisten uns "Sommers und Winters Fernreisen in potemkinsche Hoteldörfer, in denen es so aussieht, wie es sich gehört, also ungefähr so wie in der Shopping City Süd, nur mit Strand dahinter, echt Meer". Aber von den Menschen aus den "Hinterländern", aus dem Osten Europas, aus Asien und Afrika, haben wir keine Ahnung; die lehnen wir ab. Gesellschaftskritik, politische Kritik und Kulturkritik gehen hier Hand in Hand.

Partei ergreifen

Peter Henisch ist ein unkonventioneller, da auch religiös motivierter und inspirierter Autor, mit einem starken Hang zum urchristlichen Ethos, was sich in der liebevoll ironisierten Prophetenschar unter seinen Protagonisten genauso manifestiert wie in den Essays in diesem Band. Es beginnt mit der Kritik an der institutionalisierten Religion -"Die Kirche soll nicht parteipolitisch agieren, aber natürlich muss sie Partei ergreifen. Für die Erniedrigten und Beleidigten, für jene, die anklopfen und denen nicht aufgetan wird." Henisch spricht "dem Kardinal" Mut für einen solchen Einsatz zu und erinnert an die "sich nach wie vor christlich gebärdende Partei, die vergaß, was Nächstenliebe ist." Im vergangenen Wahlkampf (aber auch schon bei Haider) durften wir allerdings erleben, dass sie noch nicht komplett vergessen ist. Die Nächstenliebe muss als christlicher Begriff doch noch operativ sein, sonst wäre auch die Pervertierung durch seinen Bezug auf die "unsrigen" heimischen Nächsten statt auf die Nächsten im christlichen Sinn (die, die unserer besonderen Unterstützung bedürfen), nicht möglich gewesen.

Es geht aber nicht nur um die Kritik an missbrauchten "religiösen" Diskursen und Verhaltensmustern, sondern auch um Religion als Antidot zur "Profanisierung der Welt". Der (selbstzerstörerische Konsumwahn in dieser "globalen Flipperhalle" hat mit der Tatsache zu tun, dass diese Welt "von Gott verlassen" ist. Im jüngsten Essay des Bandes hebt Henisch die Bedeutung des Papstbesuches auf Lampedusa hervor, wo Franziskus "großartige Worte gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit" fand. Der argentinische Papst musste nicht um die Welt fahren, um zentrale Probleme der Globalisierung zu finden und er ortete sie nicht nur in der Außenwelt, sondern auch im Inneren des Menschen. "Francesco und ich", sagte mir Henisch mit erfrischender Nonchalance, "haben ähnliche Interessen." Und zur Aussage des Papstes, in dieser Welt liefe vieles falsch, fügte er hinzu: "Dass niemand mehr die Evangelien liest, ist ein Jammer."

Irgendwie jenseitig

Die Protagonistin in Henischs Roman "Der verirrte Messias" (2009) fühlt sich von der rätselhaften messianischen Wiederkehrerfigur "spirituell belästigt". Henischs Essays, unter ihnen auch reichhaltige Kommentare zu eigenen Werken und denen anderer sowie alternative "Reisebilder", argumentieren nicht nur, sie "belästigen" einen im Innersten. Das ist nicht immer angenehm, zeigt aber, dass man noch am Leben ist. Wenn man schon lange keine Essays gelesen hat, so sollte man mit dem vorliegenden Band wieder einsteigen. Wenn man die Gattung schätzt, wird man der Faszination gerade dieser Texte schnell erliegen. Das Buch ist, mit einem Wort Henischs, auf jeden Fall "irgendwie jenseitig".

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