Vor Kurzem wurde eine neue Studie über junge Muslime in Wien veröffentlicht. Dazu wurden 700 Jugendliche mit afghanischem, syrischem, tschetschenischem, kurdischem, türkischem und bosnischem Migrationshintergrund sowie ohne Migrationshintergrund in Wien befragt. Eines der meist kommentierten Ergebnisse war das Verhältnis junger Muslime zur Demokratie. Dabei zeigt die Studie, wie sehr die Sozialisation und der kulturelle Hintergrund dieser Jugendlichen eine entschei-
dende Rolle bei ihrer Einstellung spielen.

Während die jungen Menschen mit afghanischem Migrationshintergrund der Demokratie etwas skeptischer gegenüberstehen (74 Prozent Zuspruch), findet sie bei den jungen Menschen mit einem bosnischen Hintergrund hundertprozentigen Zuspruch als beste Staatsform. Und daher wundert es nicht, dass gerade die Mehrheit der Jugendlichen mit einem afghanischen Hintergrund einen starken Herrscher, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss, befürwortet, während diese Vorstellung von der absoluten Mehrheit der bosnischen Muslimen abgelehnt wird. Diese Ergebnisse zeigen, wie stark sich die globalen Verhältnisse auf die Einstellungen der Menschen hierzulande auswirken. Das heißt, die Probleme einiger Muslime mit der Demokratie bzw. anderen modernen Werten sind globale Probleme solcher Gesellschaften. Die geringere Bejahung demokratischer Werte durch manche Gruppen in Österreich ist nur das Symptom eines Problems in anderen Gegenden dieser Welt. Gerade Menschen, die in autoritären Strukturen aufwachsen und die Demokratisierung dieser dringend benötigen, sind skeptisch gegenüber der Demokratie. Denn sie kannten demokratische Werte in ihrer Lebenswirklichkeit nicht. Hier liegt der Schlüssel zur Lösung: Die jungen Menschen müssen diese Werte bei uns als gelebte Praxis erfahren können. Nur so werden sie selbst zu Demokraten.

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster

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