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"Die Wissenschaft muß sich besser verkaufen"

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"Wissenschafter sind kluge Leute, aber man versteht sie nicht." Ein Gespräch mit der Vize-Chefin des Universitätsprofessorenverbandes über das Image der Wissenschaft in der Öffentlichkeit, Studienzeiten und Frauen in einer Männerdomäne.

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"Wissenschafter sind kluge Leute, aber man versteht sie nicht." Ein Gespräch mit der Vize-Chefin des Universitätsprofessorenverbandes über das Image der Wissenschaft in der Öffentlichkeit, Studienzeiten und Frauen in einer Männerdomäne.

dieFurche: Das IMAS-Institut hat gemeinsam mit dem Universitätsprofessoren-Verband eine Umfrage vorgestellt: "Wissenschaft in der öffentlichen Wahrnehmung". Was halten die Österreicher von der Forschung?

Stefanie Tschegg: Das Bild der Wissenschaft in der Öffentlichkeit ist erstaunlich gut. Der Universitätsprofessor gilt als kompetent, klug und hart arbeitender Mensch. Damit ist das Image, daß sich die Professoren nur auf Ausruheposten befinden, zerstört.

dieFurche: Im Gegensatz dazu stehen aber "Wissenschaft und Forschung fördern" erst an 13. Stelle der Wunschliste an die Politik. Kann sich die Wissenschaft nicht "verkaufen"?

Tschegg: Möglicherweise ist sie zu wenig publikumswirksam. Man muß am Verständnis der breiteren Öffentlichkeit arbeiten, daß Wissenschaft etwas Wichtiges ist und daß sie nicht einfach nur für sich besteht. Sie treibt ja viel voran, ohne daß man das in der Öffentlichkeit wahrnimmt. Man muß sich bemühen, der breiten Öffentlichkeit klarzumachen, daß Wissenschaft enorm wichtig ist, um die Kultur, die Technik und die Medizin weiterzutreiben.

dieFurche: Haben Sie Vorstellungen, wie man das den Österreichern klarer machen kann?

Tschegg: Die Wissenschafter sollten die Nähe zu Fernsehen und Zeitungen suchen und verständlich darstellen, was sie wirklich arbeiten. Allerdings wird in der Umfrage der Vorwurf erhoben, daß wir uns zu wenig verständlich ausdrücken. Das ist sicherlich der Fall. Wenn Wissenschafter reden, dann gehen sie gleich in die Materie. Da müssen wir lernen, in einer klaren Sprache zu sprechen, die auch der versteht, der nicht mit dem Fach vertraut ist.Wir müssen dem Bürger klarmachen, warum wir etwas tun.

dieFurche: Wäre das nicht die Aufgabe einer Wissenschaftspolitik?

Tschegg: Das Ministerium könnte uns sehr helfen - indem es die Mittel bereitstellt und die Forschungsleistung publik macht und evaluiert. Die Gelder soll man nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilen; nachher soll durchaus beobachtet werden, ob da wirklich was herausgekommen ist.

dieFurche: Mehr Förderung?

Tschegg: Die Forschungsförderung ist in unserem Land sicher sehr zu kurz gekommen. Statistiken zeigen, daß nur 1,63 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Forschung fließen. Die geplante "Reform" des Forschungetats - eine Erhöhung auf 2,4 Prozent bis 2005 - verdient ja nicht einmal den Namen Förderung. Ich würde das höchstens als dotieren bezeichnen.

dieFurche: Die Forschung beklagt sich immer wieder, von der Politik stiefmütterlich behandelt zu werden. Worin sehen Sie die Ursache?

Tschegg: Ein Politiker verfolgt kurzfristige Ziele, die leicht nachvollziehbare Konsequenzen haben. Der Wissenschafter muß auch hin und wieder eine längere Entwicklung abwarten - der Politiker nicht, er will immer sofort etwas haben, das er präsentieren kann. Hinzu kommt, daß wir von der Forschung uns vielleicht zu wenig um Publikumsinteresse bemüht haben.

dieFurche: Die Universitäten sollen ja nicht nur Forschen - sondern auch ausbilden. Da werden oft die langen Studienzeiten kritisiert. Studieren die Österreicher zu lange?

Tschegg: Unser Hochschulsystem ermöglicht es jedem zu studieren. Das ist sicher gut so und birgt auch ein demokratisches Element in sich. Aber sehr viele Leute inskribieren aus bürokratischen Gründen und wollen tatsächlich nie studieren. Andere bringen leider die Voraussetzungen nicht mit - sei es die fachliche Eignung oder die finanzielle Stärke. An einer Elite-Universität können ja nur die Besten beginnen, die dann meistens sehr ehrgeizig sind. In der Regel bekommen diese Studenten von vornherein das nötige Geld mit, um nicht nebenbei arbeiten zu müssen. Und der Job neben dem Studium kostet eben Zeit.

dieFurche: Wie würden Sie Studienzeiten verkürzen?

Tschegg: Schon zu Beginn sollten die Universitäten den Studienwilligen klar machen, ob sie für das Studium geeignet sind. Darüberhinaus sollte der Lehrplan kritisch beobachtet werden. Verschiedene Elemente kann man durchaus verkürzen und auf einiges muß man verzichten. Wenn man das überlegt anpackt, schadet das einer guten Ausbildung nicht. Wir müssen den richtigen Mittelweg finden: Die Studierenden sollen optimal ausgebildet werden, aber dafür nicht zu lange brauchen.

dieFurche: Sind die Kurzstudien (Stichwort: Bakkalaureat) da ein Ausweg?

Tschegg: Es soll den Studierenden die Möglichkeit gegeben werden, sich nicht bis zum Doktorat durchkämpfen zu müssen. Es kann Vorteile bringen. Das braucht jedenfalls eine lange Überlegungszeit. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen alle Studien umkrempeln.

Der ministerielle Erlaß allein bringt aber nichts. Die Universitäten müssen sich sehr genau überlegen, wie sie ihre Ausbildung in Zukunft gestalten. Und mit anderen Universitäten Österreichs koordinieren. Das Wechseln von Salzburg nach Wien oder umgekehrt muß ja dann auch möglich sein.

dieFurche: Wird die Reform angenommen?

Tschegg: Die Universität für Bodenkultur führt die Kurzstudien wahrscheinlich ein.

dieFurche: Die Idee kommt aus dem anglo-amerikanischen Bereich. Dort ist relevant, wo man seinen Abschluß gemacht hat. Hat man das in Österreich auch berücksichtigt?

Tschegg: Nein. Bei uns ist der Staat Erhalter der Hochschulen. Ich bezweifle, daß sich bei uns private Universitäten etablieren können. Dazu fehlt der starke Hintergrund durch die Industrie. Wo man sein Studium absolviert hat, wird hierzulande in absehbarer Zeit nicht diesen Stellenwert erhalten.

dieFurche: Wie hoch ist der Anteil an Frauen unter Wissenschaftern?

Tschegg: Gering. Der Frauenanteil nimmt mit der Höhe der Karriereleiter stark ab. In bestimmten Bereichen gibt es nahezu kein weibliches Lehrpersonal. Schade, daß wir Frauen in wissenschaftlichen Laufbahn kaum höhere Stufen erreichen konnten.

dieFurche: Woran liegt das?

Tschegg: Es liegt wahrscheinlich am Erwartungsprofil an die Frau in der Gesellschaft. Die Frau ist mit der Familie viel mehr verbunden, viel mehr belastet als ein Mann. Frauen müssen da oft die Doppelbelastung auf sich nehmen, um im Berufsleben weiterzukommen. Karriere erfordert eben Engagement.

dieFurche: Das heißt, Frauen müssen sich entscheiden zwischen Karriere und Familie?

Tschegg: Eigentlich ja. Aber die Bereitschaft der Männer, der Frau Belastungen abzunehmen, wird größer. Ich sehe es bei unseren jungen Mitarbeitern.

dieFurche: Wie kann man Frauen nun fördern?

Tschegg: Ein Vorschlag war, die Habilitation abzuschaffen. Angeblich soll sie Frauen im Weg stehen. Da wird oft der Vorwurf geäußert, daß "old-boys-networks", also eingesessene Männer, Frauen behindern wollen. Universitäres Personal muß ein aber entsprechendes wissenschaftliches Niveau erreichen, und da führt an der Habilitation kein Weg vorbei. Wir würden aber das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn wir die Anforderungen zurückschrauben.

Die Bevorzugung von Frauen durch "Kraftakte" ist ungerecht und meist kontraproduktiv. Die Auswahl soll fair und aufgrund der fachlichen Qualifikation erfolgen. Jede Verordnung, die da was erzwingen will, bringt im Endeffekt nichts.

dieFurche: Sehen Sie eine Alternative zu solchen Kraftakten?

Tschegg: Uns Professoren fehlt es an Zeit. Zeit, die wir für Verwaltung brauchen, für Organisation und Bürokratie. Zeit, die ein Mann leichter aufbringen kann als eine Frau mit Kindern. Da eine Arbeitserleichterung zu schaffen, wäre erstrebenswert. Oder mehr administratives Personal. Damit sich die Professorin bzw. der Professor wieder mehr Forschung und Lehre widmen kann, ohne komplett auf Familie und Freizeit zu verzichten. Aber das kostet Geld ... Ich wünsche mir eine gezielte Förderung mit dem Bewußtsein, daß hier ernstzunehmende Arbeit geleistet wird.

dieFurche: Was tut der Universitätsprofessorenverband dabei?

Tschegg: Der Verband ist dazu da, gemeinsam zu überlegen, welche Vorschläge für die Universitäten Vorteile bringen und welche nicht durchführbar sind. Im Ministerium wird da ja oft einiges "ausgeheckt"...

Das Gespräch führte Alexander Dinhobl.

Zur Person Stefanie Tschegg Stefanie Tschegg wurde in Graz geboren. Nach dem Studium der Physik, Mathematik und der Chemie begann sie ihre Universitätskarriere 1968 am Wiener Institut für Festkörperphysik. Sie promovierte 1971. Zahlreichen wissenschaftlichen Auslandsaufenthalten (Boston, Cambridge, Zürich, Kyoto) folgte die Habilitation 1982.

Nach einer außerordentlichen Professur an der Universität Wien lehrt und forscht sie seit 1989 an der Universität für Bodenkultur. Ihr Spezialgebiet ist die angewandte Materialforschung (Holz, Metall, Baustoffe). Stefanie Tschegg ist Inhaberin von 3 Patenten und seit 1996 stellvertretende Vorsitzende des Universitätsprofessorenverbandes.

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