Digital In Arbeit
Feuilleton

Der Kampf um das Recht auf Straße

1945 1960 1980 2000 2020

Deftige Auseinandersetzungen zwischen Radlern und anderen Verkehrsteilnehmern gibt es seit der Erfindung des Fahrrads. Auch heute stellt sich die Frage: Wer muss vor wem geschützt werden?

1945 1960 1980 2000 2020

Deftige Auseinandersetzungen zwischen Radlern und anderen Verkehrsteilnehmern gibt es seit der Erfindung des Fahrrads. Auch heute stellt sich die Frage: Wer muss vor wem geschützt werden?

Mit dem wärmer werdenden Wetter kommen die Radfahrer zurück auf die Straße -und mit ihnen auch die Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern. Immer wieder kommt es zu Krisenherden. Erst letzte Woche demonstrierten Mountainbiker vor dem Wiener Parlament für die Benutzung der für Radfahrer gesperrten Forststraßen. "Radfahren im Wald ist durch das Forstgesetz klar und zukunftsweisend geregelt", zeigt sich Franz Titschenbacher, Vorsitzender des Ausschusses für Forst-und Holzwirtschaft der Landwirtschaftskammer, wenig einsichtig für die Interessen der Radfahrer. "Damit Wanderer und alle anderen Waldbesucher auch weiterhin Ruhe und Erholung finden können, ist Mountainbiken nur auf den eigens dafür freigegebenen Routen erlaubt."

Konflikte dieser Art sind fast so alt wie das Fahrrad selbst. Bereits ein Jahr nach Erfindung der "Laufmaschine", wie das Fahrrad damals genannt wurde, wurden seitens der Regierungen Versuche unternommen, die Benutzung zu reglementieren, erzählt Matthias Breit, Leiter des Museums Absam in Tirol. Im frühen 19. Jahrhundert waren es vor allem Fußgänger, die vor den neuen Verkehrsteilnehmern geschützt werden sollten. Problematisch für Radfahrer waren die kaum asphaltierten Straßen, die für den Pferdeverkehr ausgelegt waren. "Bei Schlechtwetter konnten diese Straßen nicht mit dem Fahrrad befahren werden. Wer trotzdem fahren wollte, musste auf den asphaltierten Bürgersteig ausweichen. Das hat Unfälle verursacht und Streit ausgelöst", so Breit. Fußgänger begannen, ihre Hunde auf Radfahrer zu hetzen. Diese wiederum wehrten sich mit sogenannten "Radfahrer-Bomben": Die Knallkörper wurden an der Lenkstange befestigt und bei Bedarf durch Ziehen losgelöst.

Heftiger Schlagabtausch

Aber auch heute haben es die Stadtverkehrsplaner nicht leicht. Derzeit wird vermehrt auf die Schaffung von baulich getrennten Radwegen gesetzt. Benachteiligt fühlen sich hier oft die Autofahrer, wie ein aktuelles Projekt am Wiener Getreidemarkt zeigt. Dort soll bis September ein Radweg zwischen Mariahilferstraße und Lehargasse entstehen, der zum Wegfall einer Fahrspur führt. Der FPÖ-Stadtrat für Stadtentwicklung und Verkehr, Anton Mahdalik, kritisierte die Pläne der Stadtregierung und sprach davon, dass man künftig über "Hass-Aktionen gegen Autofahrer" als neuen Straftatbestand sinnieren solle.

Das Hickhack zwischen Auto-und Radfahrern verdeutlicht auch ein Twitter-Posting des ORF-Journalisten Hanno Settele. Dieses löste unlängst eine Diskussion über das rowdyhafte Verhalten mancher Radfahrer aus: "Zwei Radler mit Vollgas. Von links. Stoppschild -who cares? Zeigen mir den Vogel. Ok: Nächstes mal keine Vollnotbremsung mehr. Schau mer mal." Zugleich wurden Forderungen nach einem Führerschein für Radfahrer laut, ebenso wie eine Kennzeichnungspflicht für Fahrräder. Das ist historisch gesehen nicht neu: Dokumenten aus dem 19. Jahrhundert zufolge war es auch in Wien üblich, einen "Fahrradschein" zu lösen, mit dem man polizeilich genehmigt Radfahren durfte. Mit dem Aufkommen des Niedrig-Rades, das im großen Stil produziert wurde und damit auch einer breiten Schicht zugänglich war, stieg dann aber die Zahl der Radfahrer. Je mehr Radfahrer, desto schwieriger die Kontrolle -und so verschwanden schließlich die Fahrradlizenzen.

Lösungen für die wiederkehrenden Konflikte seien nicht leicht, so Breit, denn: "Das Fahrrad gilt als das individuellste Verkehrsmittel. Der Staat will Menschen und Verkehrsströme lenken; das steht aber gerade hier im Widerspruch zur Individualität."