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Feuilleton

Rodung des Herzens: Gedichte von Rakusa

1945 1960 1980 2000 2020

Dem Bann der oft schwer entschlüsselbaren Lyrik der in der Schweiz lebenden Dichterin kann man sich kaum entziehen.

1945 1960 1980 2000 2020

Dem Bann der oft schwer entschlüsselbaren Lyrik der in der Schweiz lebenden Dichterin kann man sich kaum entziehen.

Neunzig Neunzeiler enthält der Lyrikband von Ilma Rakusa. Bis hin zur äußeren Aufmachung entblättert sich hier ein strenger Wille zur Form. Rakusa läßt ihn wie "einen Strich" durch die gesamte Gedichtsammlung ziehen.

Ihre Vorliebe für bestimmte Ordnungsprinzipien, mit denen sie "dem Wort alle Potenzen zu entlocken" sucht, kennt man von früher. Aufzählungen, Wiederholungen, komplizierte formale Gesetze, all diese lyrischen Register beherrscht die Autorin meisterhaft. Nicht umsonst ist für sie Dichten "ein Denken in Rhythmen". Ihre Grazer Poetik-Vorlesungen geben Einblick in ihre Werkstatt.

Ihr Verhältnis zur Literatur wurde früh geprägt. Zunächst durch das Märchen: "Das Märchen am Abend, wenn ich zu Bett ging, das Märchen am Tag, wenn ich krank lag, das Märchen gelesen, das Märchen geträumt." Dann folgten verbotene Schätze aus dem Bücherschrank der Eltern, vor allem Dostojewskij. Mit 14 entdeckte sie die Bibel, die Schöpfungsgeschichte mit ihren "suggestiven Wiederholungen", später Gertrude Stein, Quirinus Kuhlmann, Inger Christensen und Danilo Kis. Stapel von Büchern ließen sie "Urmuster des Erzählens" für sich entdecken.

Raoul Schrott hat die Lyrik einmal als Gattung bezeichnet, in der "ein Maximum von Ideen mit einem Minimum an Mitteln" umgesetzt werden kann. Rakusa ergänzt, daß quasi "alles gesagt" wird, "auf wenig Raum, unter Aufhebung der Zeit". In ihrem Gedichtband verzichtet sie völlig auf Titel und Interpunktion und wirft in lakonischen Zeilen Blitzlichter auf Alltägliches. Der Themenfächer entfaltet Liebe, Erinnerung, Abschied, Vergänglichkeit, Trauer oder ganz Banales. Gewühlt wird in Existenzerfahrungen, eigentlich in allem, was das Leben an Wahrnehmbarem bietet.

Erlebtes, Träume, Sehnsüchte komprimieren sich zu poetischen Bildminiaturen - schräge Gedankensplitter, scheinbar zusammenhanglos, impulsiv. Der kunstvolle Umgang mit dem Wortmaterial entreißt dieser Lyrik des öfteren den herkömmlichen, spontan erschließbaren Sinn. Überhaupt tappt der Leser oft im Dunkeln, läßt sich treiben vom Sog der Worte. Selbst der Titel läßt aufs erste wenig erahnen.

Sie seziert beim Schreiben Sprachschichten und schachtelt sie neu zusammen. Ungewöhnliche Wortfügungen von eindringlicher Anschaulichkeit stehen neben einfachen Wirklichkeitsausschnitten. So mag man sich vorstellen, wie "die Nacht krötenweich übers Land steigt und alles dümpelt". An anderer Stelle sticht die "vergletscherte Migräne" ins Auge. Zu den phantasievollen Kraftakten gehören Wortschöpfungen, die die Texte auf erfrischende Weise beleben. "Wortklaviere" schleichen sich ein, "ein Mosaikfries aus Licht" oder das bezwingende Bild einer "alt tränenden Kerze". Das lyrische Ich "rodet das Herz", und irgendwann findet man sich wieder "im Vierkanthof der Einsamkeit". Kühn versiegelt sie Empfindungen mit einer hermetischen Kordel.

Unter den gewidmeten Texten tauchen Namen wie Friederike Mayröcker, Gennadij Ajgi, Valeria Narbikova auf oder Joseph Brodsky, dem sich Rakusa in besonderer Weise verbunden fühlt. Verhalten tastet sie sich hier an Abschied und stille Trauer heran: Brodsky hat "sich auf leisen Lippen davongemacht", eine berührende Erinnerung an den verstorbenen Dichterfreund. Ihre jüngste Herausgabe eines Brodsky-Lyrikbandes bei Suhrkamp dokumentiert ihre nachhaltige Beschäftigung mit seiner Literatur.

Die in der Tschechoslowakei geborene Autorin lebt als Übersetzerin, Kritikerin und Universitätslektorin in Zürich. Ihre Lyrik trägt eine ungewöhnliche Handschrift: mitunter schwer zugänglich, doch ihrem Bann kann man sich schwer entziehen.

EIN STRICH DURCH ALLES Neunzig Neunzeiler von Ilma Rakusa Verlag Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997 104 Seiten, geb., öS 204,-

Neunzig Neunzeiler enthält der Lyrikband von Ilma Rakusa. Bis hin zur äußeren Aufmachung entblättert sich hier ein strenger Wille zur Form. Rakusa läßt ihn wie "einen Strich" durch die gesamte Gedichtsammlung ziehen.

Ihre Vorliebe für bestimmte Ordnungsprinzipien, mit denen sie "dem Wort alle Potenzen zu entlocken" sucht, kennt man von früher. Aufzählungen, Wiederholungen, komplizierte formale Gesetze, all diese lyrischen Register beherrscht die Autorin meisterhaft. Nicht umsonst ist für sie Dichten "ein Denken in Rhythmen". Ihre Grazer Poetik-Vorlesungen geben Einblick in ihre Werkstatt.

Ihr Verhältnis zur Literatur wurde früh geprägt. Zunächst durch das Märchen: "Das Märchen am Abend, wenn ich zu Bett ging, das Märchen am Tag, wenn ich krank lag, das Märchen gelesen, das Märchen geträumt." Dann folgten verbotene Schätze aus dem Bücherschrank der Eltern, vor allem Dostojewskij. Mit 14 entdeckte sie die Bibel, die Schöpfungsgeschichte mit ihren "suggestiven Wiederholungen", später Gertrude Stein, Quirinus Kuhlmann, Inger Christensen und Danilo Kis. Stapel von Büchern ließen sie "Urmuster des Erzählens" für sich entdecken.

Raoul Schrott hat die Lyrik einmal als Gattung bezeichnet, in der "ein Maximum von Ideen mit einem Minimum an Mitteln" umgesetzt werden kann. Rakusa ergänzt, daß quasi "alles gesagt" wird, "auf wenig Raum, unter Aufhebung der Zeit". In ihrem Gedichtband verzichtet sie völlig auf Titel und Interpunktion und wirft in lakonischen Zeilen Blitzlichter auf Alltägliches. Der Themenfächer entfaltet Liebe, Erinnerung, Abschied, Vergänglichkeit, Trauer oder ganz Banales. Gewühlt wird in Existenzerfahrungen, eigentlich in allem, was das Leben an Wahrnehmbarem bietet.

Erlebtes, Träume, Sehnsüchte komprimieren sich zu poetischen Bildminiaturen - schräge Gedankensplitter, scheinbar zusammenhanglos, impulsiv. Der kunstvolle Umgang mit dem Wortmaterial entreißt dieser Lyrik des öfteren den herkömmlichen, spontan erschließbaren Sinn. Überhaupt tappt der Leser oft im Dunkeln, läßt sich treiben vom Sog der Worte. Selbst der Titel läßt aufs erste wenig erahnen.

Sie seziert beim Schreiben Sprachschichten und schachtelt sie neu zusammen. Ungewöhnliche Wortfügungen von eindringlicher Anschaulichkeit stehen neben einfachen Wirklichkeitsausschnitten. So mag man sich vorstellen, wie "die Nacht krötenweich übers Land steigt und alles dümpelt". An anderer Stelle sticht die "vergletscherte Migräne" ins Auge. Zu den phantasievollen Kraftakten gehören Wortschöpfungen, die die Texte auf erfrischende Weise beleben. "Wortklaviere" schleichen sich ein, "ein Mosaikfries aus Licht" oder das bezwingende Bild einer "alt tränenden Kerze". Das lyrische Ich "rodet das Herz", und irgendwann findet man sich wieder "im Vierkanthof der Einsamkeit". Kühn versiegelt sie Empfindungen mit einer hermetischen Kordel.

Unter den gewidmeten Texten tauchen Namen wie Friederike Mayröcker, Gennadij Ajgi, Valeria Narbikova auf oder Joseph Brodsky, dem sich Rakusa in besonderer Weise verbunden fühlt. Verhalten tastet sie sich hier an Abschied und stille Trauer heran: Brodsky hat "sich auf leisen Lippen davongemacht", eine berührende Erinnerung an den verstorbenen Dichterfreund. Ihre jüngste Herausgabe eines Brodsky-Lyrikbandes bei Suhrkamp dokumentiert ihre nachhaltige Beschäftigung mit seiner Literatur.

Die in der Tschechoslowakei geborene Autorin lebt als Übersetzerin, Kritikerin und Universitätslektorin in Zürich. Ihre Lyrik trägt eine ungewöhnliche Handschrift: mitunter schwer zugänglich, doch ihrem Bann kann man sich schwer entziehen.

EIN STRICH DURCH ALLES Neunzig Neunzeiler von Ilma Rakusa Verlag Suhrkamp, Frankfurt/M. 1997 104 Seiten, geb., öS 204,-