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Verrückter Leser

Cervantes' "Don Quijote" und das Verwirrspiel um Lesen und Wirklichkeit.

Der mit den Windmühlen, natürlich! Wer kennt ihn nicht, Don Quijote, den selbsternannten Ritter. Doch wer hat je die zwei Teile des Romans von Miguel de Cervantes gelesen? Don Quijote gehört wohl wie so viele seiner Kollegen zu jener Sorte literarischer Figuren, die aus ihren Texten längst herausgetreten sind, ein interessantes, von Künstlern wie Goya, Daumier, Dalí oder Picasso ermöglichtes Eigenleben führen, aber kaum aus der Lektüre bekannt sind.

Außerdem: Wen interessieren heute noch Ritterromane? Ein heutiger Don Quijote müsste vielleicht orf-Familiensagas für bare Münze nehmen und nachleben - doch dieser Vergleich trifft's natürlich nicht, denn: der Leser Alonso Quijano, wie Don Quijote "eigentlich" heißt, wird ja nicht einfach nur das gelesene Triviale in Person, sondern er macht sich Werte zu eigen, die zwar noch in den Büchern leben, aber in der Welt der untergehenden Großmacht Spaniens verloren gegangen sind: Ritterlichkeit, Mut, Tapferkeit, Ehre und Schutz der Armen. Die Handlungen des Narren sind uneigennützig und sehr menschlich. Seine Phantasie vermag die Wirklichkeit tatsächlich zu verändern. Und seine Liebe macht sympathisch anders sehend.

Hirnverrückte Erdichtungen

Prägend auch heute noch aber bleibt das Bild vom wahnsinnigen Alonso Quijano in seiner Bücherstube, verdorben durch allzu viel und die falsche Literatur. "Schließlich versenkte er sich so tief in seine Bücher, daß ihm die Nächte vom Zwielicht bis zum Zwielicht und die Tage von der Dämmerung bis zur Dämmerung über dem Lesen hingingen; und so, vom wenigen Schlafen und vom vielen Lesen, trocknete ihm das Hirn so aus, daß er zuletzt den Verstand verlor. Die Phantasie füllte sich ihm mit allem an, was er in den Büchern las, so mit Verzauberungen wie mit Kämpfen, Waffengängen, Herausforderungen, Wunden, süßem Gekose, Liebschaften, Seestürmen und unmöglichen Narreteien. Und so fest setzte es sich ihm in den Kopf, jener Wust hirnverrückter Erdichtungen, die er las, sei volle Wahrheit, daß es für ihn keine zweifellosere Geschichte auf Erden gab."

Alonso Quijano ist einer der berühmtesten Leser, dem seine Leidenschaft für Bücher, für Ritterromane, die damaligen Bestseller, nicht bekommt; der dadurch den Sinn für Realität verliert und beschließt selbst ein fahrender Ritter zu werden, und das zu Beginn des 17. Jahrhunderts! Seine Geschichte kennt jeder: Alonso Quijano steigt in eine rostige Rüstung, zerrt den - seit Picasso ganz besonders klapprigen - Gaul Rosinante aus dem Stall, nennt sich "Don Quijote", lässt sich zum Ritter schlagen und will die Realität so verstehen, wie sie in Ritterromanen erscheint: so werden religiöse Prozessionen zu feindlichen Rittern und Schafherden zu Soldaten.

Gar nicht so erfunden

So erfunden wird Cervantes' wahnsinniger Leser vielleicht gar nicht gewesen sein: wer weiß, wie viele Leser an die Faktizität der in der Literatur geschilderten Gestalten und Ereignisse geglaubt haben. Die Ritterromane täuschten mit Titeln wie "wahrhaftige Geschichte" oder "Historia", mit erfundenen Quellenangaben und angeblicher Übersetzung von Vorlagen historische Authentizität vor - und Leser nahmen dieses Wahrhaftigkeitsangebot auch gerne an.

Auch Alonso Quijano. Welche Lektüren ihn in den Wahn geführt haben, zeigt die Begutachtung des Gelesenen durch Alonsos Freunde: in der Bibliothek des Verrückten scheint die gesamte Fiktionsliteratur seiner Zeit versammelt, selbst Cervantes' "La Galatea" ist mit dabei, so herrlich selbstironisch ist Cervantes. Die geplante Rettung - die Freunde verbrennen die Bücher - bleibt erfolglos: denn Don Quijote hat die Bücher, wie das bei leidenschaftlichen Lesern so ist, längst in seinem Kopf. Und weiter geht der Wahnsinn, diesmal mit Sancho Pansa, über die Landstraßen von La Mancha Richtung Windmühlen und zu einem der berühmtesten Abenteuer.

Don Quijote ist als aus der Bahn geratener Leser nicht allein. Allerlei literarische Geschwister stehen ihm zur Seite, denen ebenfalls das Lesen nicht zum Besten gereichte, weil es sie (auch sexuell) verführte. Goethes Werther etwa las seiner Lotte die Gesänge des Ossian vor und verlor dabei seine Selbstkontrolle. Auch Francesa da Rimini, die man in Dantes "Divina Commedia" im zweiten Kreis der Hölle treffen kann, wurde durch einen Roman verführt. Ebenfalls längst Literaturgeschichte: Emma Bovary.

Lesen kann gefährlich sein, so die Auffassung, die sich breit machte, nachdem Lektüren durch den Buchdruck für jeden interessierten individuellen Lesekundigen möglich waren - und damit auch nicht mehr kontrollierbar war, wer was wann wie viel las. Gerade das Lesen zur reinen Unterhaltung hatte etwas Verdächtiges an sich, der auf Plato zurückgehende Vorwurf lautete: "wer Romans list, der list Lügen". Den Ausführungen zu den angeblichen schlechten Auswirkungen der Phantasie durch Lektüren mangelte es ihrerseits nicht an Phantasie. In seinem 1795 erschienenen Buch "Über die Pest der deutschen Literatur" vermutete etwa Johann Georg Heinzmann, dass "thierische Triebe der Wollust in unsern neuaufblühenden Geschlechtern durch die Romanlektüre außerordentlich verbreitet worden" seien. Die gefährliche "Romanleserey" führe zu pathologischen Symptomen, die an jene der Drogensucht erinnerten: Die Leser "leben nicht mehr in der wirklichen Welt, sie sind in den höchsten Träumen der Einbildung ihren Mitmenschen entrissen".

Mehr als eine Satire

Cervantes' "Don Quijote" ist aber weit mehr als eine Satire auf die zeitgenössische Ritterliteratur und ihre möglicherweise schädliche Auswirkung auf die Gehirne von Lesern. Vielen gilt das vielschichtige Werk als einer der ersten modernen Romane. Vom Vorwort an, in dem Cervantes dem Leser das Recht zuspricht, mit dem Text machen zu können, was er will, und indem er ihm zugleich vorführt, wie lustvoll und einfach Quellenzitate erfunden werden können, erweist sich das Buch als ein Roman über Fiktion und Wirklichkeit. Die Verwirrung von Realität und Fiktion nimmt vor allem im zehn Jahre später verfassten zweiten Teil zu - gezwungener Maßen, weil inzwischen eine Fortsetzung seines Romans aus fremder Feder erschienen und im Umlauf war. Don Quijote ist inzwischen eine literarische Berühmtheit, er trifft auf Menschen, die seine Abenteuer gelesen haben und den Roman auch diskutieren.

Vieles lässt Cervantes spielerisch im Ungewissen: Autor, Namen, Örtlichkeiten. Cervantes sprengt zudem die Grenzen des Genres, baut Novellen, Erzählungen, Liebesromane, Komödien und vieles mehr ein. Cervantes' "Don Quijote" signalisierte den Lesern den Roman als fiktive Welt. Alberto Manguel schreibt ihm daher die "Erfindung des Lesers" zu, Romanciers wie Laurence Sterne in seinem "Tristram Shandy" werden das Spiel mit dem Leser später bis zur Meisterschaft betreiben. "Am Ende des Ersten Buches erfahre ich, dass dies alles sei, was der Autor über Don Quijote vorgefunden habe, und alles Folgende vom Historiker Cide Hamete Benengeli stammende Übersetzung aus dem Arabischen. Warum dieser Kunstgriff? Weil ich, der Leser, nicht so leicht hinters Licht zu führen bin, und da ich die meisten angeblich wahren Begebenheiten der Geschichte als Schwindeleien entlarve, lasse ich mich gern in dieses Spiel mit den wechselnden Perspektiven hineinziehen. Ich lese einen Roman, ich lese eine wahre Geschichte, ich lese die Übersetzung einer wahren Geschichte, ich lese eine korrigierte Tatsachendarstellung."

Was ist wirklich?

Und so ist der Roman mehr als ein Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit bzw. ist er das, was dieses Spiel immer auch ist: nämlich Verunsicherung über eine angeblich mit Sicherheit gewusste Wirklichkeit. "Don Quixote wird von den Klugen verlacht, weil er immerfort alles für etwas anderes hält, als es ist. Wie recht er doch hat!" setzt Michael Ende dem Verwirrspiel denn auch passend die Krone auf.

Dass die Leser selbst eher den Wunsch nach Identifizierung und nach endloser Fiktion hatten und nicht nach Desillusionierung, die am Ende Don Quijote einholt und den Leser (wie im Grunde nach jeder Lektüre) auch, mag dadurch bewiesen sein, dass der zweite Teil, der mit dem Tod des Don Quijote endete, weit weniger beliebt war. Cervantes "Don Quijote" wurde jedenfalls durch die bunte Rezeptionsgeschichte weit über die Buchdeckel hinaus (es sei nur Jorge Luis Borges erwähnt, der mit "Pierre Menard" einen "Autor des Quijote" erfand, den viele Leser für eine reale Person hielten) zu einem Buch über Leser und Text, über die Wirkungen der Literatur und über eine sehr vieldeutige Wirklichkeit. Oder, um es mit dem Schriftsteller Carlos Fuentes zu formulieren: "Don Quijote glaubt, er reise, um die Einheit von Mensch und Glaube, der seine Gewissheit ist, wiederherzustellen; in Wirklichkeit reist er, um sich in einer neuen Umgebung wieder zu finden, wo alles problematisch geworden ist, angefangen von dem Roman, den Don Quijote lebt."

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