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Gesellschaft

Klipp & Klar: Menschenrecht mal zwei?

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Beim EU-Gipfel in Nizza Anfang Dezember steht die "Charta der Grundrechte der Europäischen Union" zur Entscheidung an. Experten der EU-Mitgliedstaaten haben sie unter Vorsitz des früheren deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog beschlussreif gemacht. Viele Formulierungen dürfen mit Recht auf Vorschussbeifall zählen. Dennoch bleibt Unbehagen.

So verbietet der Entwurf "reproduktives Klonen von Menschen". Nur um ein Genie zu multiplizieren, darf nicht ein genetisches Ebenbild produziert werden. Das sollte in der Tat selbstverständlicher Ausdruck allgemeiner Achtung der Menschenwürde sein. Der Pferdefuß liegt im Wort "reproduktiv", wird damit doch signalisiert, dass "therapeutisches Klonen" erlaubt ist. Aber haben Menschen, derer man sich zu heilmedizinischen Zwecken bedient, keine Würde? "Wir erzeugen vorsätzlich Leben, das wir dann vorsätzlich umbringen," bringt der Moraltheologe Günter Virt die Kritik auf den Punkt.

Hier haken Kritiker ebenso ein wie bei dem Widerspruch, dass die Europäische Menschenrechtskonvention jedem "Menschen" ein Recht auf Leben zuschreibt, der Entwurf der Grundrechte-Charta aber nur jeder "Person". Hier wird mit Grund befürchtet, dass diese Formulierung vielfältiger Manipulation am Menschen, von Schwangerschaftsabbruch bis Euthanasie, Tür und Tor öffnen soll.

Mängel werden von christlicher Seite auch an der starken Abschwächung der Formulierungen über den Wert der Familie und den ziemlich unverbindlichen Ausführungen über die gemeinsamenWerte Europas und deren Herkunft geortet. Schließlich fragt man sich überhaupt, ob es nicht klüger wäre, die EU machte sich die Menschenrechtskonvention (die ohnehin bindend ist) auch formell zu eigen, statt eine abgeschwächte und noch dazu rechtlich unverbindliche, aber doch bewusstseinsbildende Zweitversion selbst zu produzieren.

Fazit: Über alle diese Fragen hätten die Regierungen der EU-Länder mit ihren Völkern ausführlich reden müssen. Kaum eine hat es getan. Warum eigentlich nicht?

Hubert Feichtlbauer ist freier Publizist und Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche".