Glaubensfrage

Wer oder was ist heilig?

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Was ist heilig? Was macht Menschen heilig? Der Tora-Abschnitt, der am kommenden Samstag in der Synagoge gelesen wird (Leviticus 19,1–20,27), gibt darauf Antworten des Judentums unter dem Titel „Kedoschim“, vom hebräischen Wort „kadosch“ für heilig. Er enthält eine Vielzahl von Geboten, die unterschiedlichste Lebensbereiche betreffen. Es geht um den Respekt vor den Eltern (19,3), den Opferkult im Tempel (19,5–8), die Entweihung des Gottesnamens (19,12), sexuelle Beziehungen, den Umgang mit Tauben und Blinden (19,13–14) und viele andere Fragen des menschlichen Lebens. Diese Vielfalt von Regelungen soll illustrieren, dass jedes menschliche Handeln und Verhalten auch die Beziehung zwischen Gott und Mensch und damit den Bereich des Heiligen betreffen.
Was aber ist dann das Heilige? Der Schlüssel zum jüdischen Verständnis dieser Frage steht am Anfang des Textes. In der Übersetzung des jüdischen Gelehrten Leopold Zunz (1794–1886) lautet er: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott“ (19,2). In der biblischen Theologie ist dies kein Gebot, Eigenschaften Gottes, etwa Mitgefühl und Fürsorge, nachzuahmen („imitatio dei“). „Heilig“ heißt vielmehr „anders“ oder „besonders“ zu sein. Gott ist vom Wesen her anders als der Mensch; die Israeliten gehören (zu) Gott und sollen die göttliche Präsenz in ihrem Leben durch Einhaltung seiner Gebote zeigen. Dadurch werden sie anders, eigen, heilig, wie der Sabbat anders ist als die Wochentage.
Heilig und besonders werden Menschen, wenn sie ihr ganzes Handeln in Beziehung zu ihrem Gott sehen. Heiligkeit bedeutet, sich Gott zugehörig zu wissen, eine Erwählung durch eigenes Tun zu beantworten. Ohne dem Judentum etwas von seiner Besonderheit zu nehmen, kann ein solches Gebot,
„heilig“ zu sein, allen Menschen gelten.

Der Autor ist Wissenschafter am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam

Was ist heilig? Was macht Menschen heilig? Der Tora-Abschnitt, der am kommenden Samstag in der Synagoge gelesen wird (Leviticus 19,1–20,27), gibt darauf Antworten des Judentums unter dem Titel „Kedoschim“, vom hebräischen Wort „kadosch“ für heilig. Er enthält eine Vielzahl von Geboten, die unterschiedlichste Lebensbereiche betreffen. Es geht um den Respekt vor den Eltern (19,3), den Opferkult im Tempel (19,5–8), die Entweihung des Gottesnamens (19,12), sexuelle Beziehungen, den Umgang mit Tauben und Blinden (19,13–14) und viele andere Fragen des menschlichen Lebens. Diese Vielfalt von Regelungen soll illustrieren, dass jedes menschliche Handeln und Verhalten auch die Beziehung zwischen Gott und Mensch und damit den Bereich des Heiligen betreffen.
Was aber ist dann das Heilige? Der Schlüssel zum jüdischen Verständnis dieser Frage steht am Anfang des Textes. In der Übersetzung des jüdischen Gelehrten Leopold Zunz (1794–1886) lautet er: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott“ (19,2). In der biblischen Theologie ist dies kein Gebot, Eigenschaften Gottes, etwa Mitgefühl und Fürsorge, nachzuahmen („imitatio dei“). „Heilig“ heißt vielmehr „anders“ oder „besonders“ zu sein. Gott ist vom Wesen her anders als der Mensch; die Israeliten gehören (zu) Gott und sollen die göttliche Präsenz in ihrem Leben durch Einhaltung seiner Gebote zeigen. Dadurch werden sie anders, eigen, heilig, wie der Sabbat anders ist als die Wochentage.
Heilig und besonders werden Menschen, wenn sie ihr ganzes Handeln in Beziehung zu ihrem Gott sehen. Heiligkeit bedeutet, sich Gott zugehörig zu wissen, eine Erwählung durch eigenes Tun zu beantworten. Ohne dem Judentum etwas von seiner Besonderheit zu nehmen, kann ein solches Gebot,
„heilig“ zu sein, allen Menschen gelten.

Der Autor ist Wissenschafter am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam