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Tätersuche unter Bäumen

Neun Jahre nach dem Genozid ist die Bevölkerung Ruandas aufgerufen, sich an der Suche nach den Schuldigen zu beteiligen. Vor tausenden Dorfgerichten sollen sich Täter und Angehörige der Opfer aussöhnen.

Es ist keine normale Beerdigung, die in Nyamata, 40 Kilometer südlich von Ruandas Hauptstadt Kigali, stattfindet. 200 Trauergäste haben sich in der schlichten katholischen Kirche versammelt. Vor dem Altar steht ein Sarg, in dem sich die Überreste von zwei Männern, einer Frau und drei Kindern befinden. Die sechs gehörten dem Volk der Tutsi an und wurden im April 1994 umgebracht, von den Menschen, mit denen sie zuvor als Freunde zusammen gelebt haben.

Nicodem Bagaragaza ist einer der Mörder. Mit einer Keule hat er seine Nachbarn erschlagen und anschließend in den Schacht einer Coltan-Mine geworfen. "Unser Dorfvorsteher hat gesagt, dass die Tutsi uns töten werden. Alle Hutu wurden daher mobilisiert, um ihnen zuvor zu kommen. Der Reihe nach haben wir alle Tutsi unseres Distrikts umgebracht."

Chronologie des Mordens

Das Morden begann am 7. April 1994, einen Tag, nachdem das Flugzeug des gemäßigten Hutu-Präsidenten Habyarimana unter ungeklärten Umständen abgeschossen worden war. Wie errechnet wurde, hat man die Tutsi in einer dreimal höheren Geschwindigkeit ausgerottet als die Juden beim Holocaust, was den Ruandesen den zweifelhaften Ruhm einbrachte, den effizientesten Massenmord seit den Atombomben von Hiroshima und Nagasaki verübt zu haben. Vor dem Morden lebten siebeneinhalb Millionen Menschen in Ruanda, davon 85 Prozent Hutu und 15 Prozent Tutsi. In hundert Tagen hat man mindestens 800.000 Menschen umgebracht. Drei Viertel der Tutsi-Bevölkerung wurden ausgerottet sowie tausende Hutu, die sich der Mitwirkung am Massaker widersetzt hatten. Es endete, als die Patriotische Front Ruandas, eine im Ausland formierte Tutsi-Rebellengruppe, das Land im Juli 1994 unter ihre Kontrolle brachte.

Neben dem Friedhof steht die alte Kirche. Sie ist heute ein Denkmal des Völkermords. Der damals 13-jährige Jean de Dieu hatte darin im April 1994 mit mehreren tausend Menschen Zuflucht gesucht. Zwei Tage lang konnten sie sich gegen die anstürmenden Hutu verteidigen, doch dann bekommen die Angreifer Unterstützung von der Präsidentengarde. Sie werfen Granaten und feuern mit Maschinengewehren in die Menge. Noch heute kann man die Löcher der Granatsplitter im Wellblechdach des Gebäudes sehen und das eingetrocknete Blut der Opfer an den Wänden. Als der Widerstand geschwächt war, drangen die Hutu-Bauern in die Kirche ein. Die Frauen wurden vergewaltigt, bevor sie getötet wurden.

"Schon beim ersten Granatenangriff stürzte ich zu Boden und wurde unter Leichen begraben," erinnert sich Jean, "die Mörder dachten, ich sei tot. Als sie sicher waren, dass sie alle umgebracht hatten, verließen sie die Kirche. Es gelang mir, mich von den Leichen über mir zu befreien und in der Dunkelheit zu fliehen." In einer Gruppe von 30 Tutsi versucht er, nach Burundi zu kommen. Er ist der einzige, der sein Ziel erreicht.

Der Völkermord in Ruanda war keineswegs der unkontrollierte Ausbruch eines althergebrachten Stammeshasses. Eine kleine Elite der Hutu-Mehrheit hatte ganz bewusst Hass und Angst vor der Tutsi-Minderheit verbreitet, um ihren Machterhalt zu sichern. Es war bereits ein Friedensvertrag mit der Patriotischen Front Ruandas ausgehandelt, der unter anderem die Rückkehr geflohener Tutsi erlaubt und einen gewissen Ausgleich zwischen den Volksgruppen gewährleistet hätte. Doch die radikalen Hutu wollten die Macht nicht teilen. Sie ließen billige Macheten aus China importieren, so dass jeder dritte erwachsene Hutu mit einer Waffe ausgestattet werden konnte - alle Tutsi zu erschießen, wäre zu teuer gekommen. In jedem Dorf des Landes wurden genaue Listen mit Tutsi und oppositionellen Hutu erstellt, und die Radiosender verbreiteten Angstpropaganda. Nach dem Tod des Präsidenten rissen die radikalen Hutu die Kontrolle an sich und bedienten sich für das Blutbad seiner Maschinerie und seiner Autorität. Als im Juli 1994 der Geruch verwesender Leichen über den Hügeln Ruandas lag und die Blutorgie beendet war, hatten sich die meisten Organisatoren des Völker- mords bereits ins Ausland abgesetzt. 15 sind mittlerweile vom internationalen Strafgerichtshof für Ruanda im Tansanischen Arusha verurteilt worden.

Gerichte im Freien

Nicodem Bagaragaza wurde mit 135.000 anderen 1994 inhaftiert. Anfang 2003 waren noch immer 112.000 Verdächtige in den Gefängnissen des Landes inhaftiert. Die Gerichtsverfahren kamen so schleppend voran, dass es weit über hundert Jahre gedauert hätte, alle Verfahren zu beenden. Daher hat man sich entschlossen, die Wahrheitssuche an 10.000 Dorfgerichte zu übertragen. 25.000 Häftlinge, die ein Geständnis abgelegt haben, wurden inzwischen vorläufig freigelassen. Einer davon war Nicodem Bagaragaza. Er muss sich, wie die Mehrheit der Täter, in den nächsten Monaten vor sogenannten Gacaca-Gerichten verantworten. "Gacaca" bezeichnet das niedrige Gras unter einem Baum. Traditionell hatte sich die Dorfgemeinschaft dort versammelt, um in Streitfällen Frieden und Gerechtigkeit im Dorf wieder herzustellen. In Anlehnung daran hat die Regierung gemeinsam mit Menschenrechtsgruppen und den Kirchen beschlossen, das ganze Volk bei der Aufarbeitung des Genozids zu beteiligen.

In allen Dörfern des Landes hat man jeweils 19 allseits respektierte Personen zu Laienrichtern gewählt. Nach einer einjährigen Pilotphase soll unter ihrer Leitung seit Juni dieses Jahres auf der Graswurzelebene im ganzen Land genau geklärt werden, was 1994 geschehen ist. Am Ende des Gacaca-Verfahrens werden alle Angeklagten einer von vier Kategorien zugeordnet. In die erste Kategorie fallen die Anführer und Organisatoren des Völkermord sowie Sexualverbrecher. Ihre Fälle werden den konventionellen Gerichten übergeben. Im schlimmsten Fall droht ihnen die Todesstrafe. Die meisten Angeklagten fallen in die Kategorie zwei, für Mord und Totschlag. Die Höchststrafe hierfür beträgt lebenslänglich. Täter der Kategorie drei, Körperverletzung, können mit bis zu 7 Jahren Haft bestraft werden, und Angeklagte der Kategorie vier, Eigentumsdelikte, werden freigelassen, müssen aber einen Ausgleich mit den Geschädigten finden.

Geständigen hat man die Halbierung ihrer Strafe in Aussicht gestellt. Da die meisten Häftlinge schon acht oder neun Jahre in Haft sind, dürfen viele damit rechnen, nach ihrem Verfahren freigelassen zu werden, denn die Hälfte der Strafe können sie in Form gemeinnütziger Arbeit ableisten. Ein Geständnis gilt aber erst dann als strafmildernd, wenn der Angeklagte alle Beteiligten nennt. Viele, die bis jetzt unbehelligt blieben, müssen also damit rechnen, als Mittäter genannt zu werden.

Die Häftlinge begrüßen in der Regel das Gacaca-System als Möglichkeit, endlich der Eintönigkeit und der Enge des Haftalltags zu entkommen. Dem Roten Kreuz ist es zu verdanken, dass die Häftlinge bis heute überlebt haben, denn 1994 starben Gefängnisinsassen reihenweise. Die Gefängnisse waren so überfüllt, dass die Häftlinge stehen mussten und nur in Schichten schlafen konnten. Mit Hilfe des Roten Kreuzes, das bis heute die Hälfte der Lebensmittel und die Medikamente liefert, gelang es, die Haftbedingungen so weit zu verbessern, dass das Überleben gewährleistet ist. Dennoch herrscht bis heute eine unvorstellbare Enge in den Gefängnissen. Hunderte von Häftlingen teilen sich einen Wasserhahn, nur ein Mal am Tag gibt es einen Teller Hirse- und Erbsenbrei.

Die größte Kritik am Gacaca-System übt die Hutu-Mehrheit des Landes. Sie beklagt, dass nur der Völkermord einbezogen wird. Doch bei der Eroberung des Landes hat die Patriotische Front der Tutsi, die jetzige Regierungspartei, zahlreiche Menschenrechtsverletzungen an Hutus begangen. Dafür sind aber die Gacaca-Gerichte nicht zuständig. In den Augen vieler Hutus kann es nicht zu einer richtigen Versöhnung kommen, solange nur die Verbrechen einer Seite bestraft werden und die Hutus nur als Täter, nicht aber auch als Opfer gesehen werden. Ein generelles Dilemma Ruandas wird hier deutlich: Die Tutsi-Minderheit, die den Präsidenten Paul Kagame, wichtige Minister und Armeeführer stellt, will zwar Demokratie, gleichzeitig will sie aber auf jeden Fall vermeiden, dass eine demokratische Entscheidung sie dazu zwingt, die Macht abzugeben.

So hat beispielsweise am 26. Mai ein Referendum über eine neue Konstitution stattgefunden, die der Regierung weitere Rechte einräumt. Vorher hat man die größte Oppositionspartei des Landes verboten. Am 25. August sollen Präsidenten- und am 29. September Parlamentswahlen stattfinden. Niemand zweifelt am Ausgang der Wahlen. Von einer wirklichen Demokratie ist man also in Ruanda ebenso weit entfernt wie von der vollständigen Aufarbeitung des Völkermords.

Wieder Nachbarn

Ob es je dazu kommen wird, ist ungewiss. Wenn die internationale Gemeinschaft, die drei Viertel des Budgets finanziert, andere Prioritäten setzt, geht möglicherweise das Geld aus. In vielen einzelnen Fällen kann man dennoch von einem Erfolg sprechen. Nicodem Bagaragaza jedenfalls will am Gacaca-Verfahren teilnehmen und die Angehörigen seiner Opfer um Vergebung bitten. Kann Jean de Dieu ihm verzeihen? "Mir bleibt keine Wahl, als zu vergeben. Meine Toten werden nicht lebendig, ob ich nun vergebe oder nicht. Ich habe mich wieder an die ehemaligen Häftlinge gewöhnt. Wir besuchen dieselbe Bar und trinken miteinander ein Bier, und bei Familienfeiern laden wir einander ein, wie es für Nachbarn üblich ist. Wir sind dabei, die Vergangenheit zu überwinden."

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