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Die Kraft des Widerstands

FOKUS
Sophie Scholl - Ihr Name setzt Assoziationen frei. Ob sie heute bei „Fridays for Future“ wäre? Oder eine Freundin der Sea-Watch- Kapitänin Carola Rackete? Wer weiß das? Klischees schaffen Chiffren.<br />
  - © Foto: picturedesk.com / AFP / Gedenkstätte deutscher Widerstand

Wem gehört Sophie Scholl?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Vorzeigefrau im NS-Widerstand bleibt eine unbequeme Heldin. Hinterfragt gehören zu ihrem 100. Geburtstag die vielen Instrumentalisierungen der „deutschen Jeanne d’Arc“.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Vorzeigefrau im NS-Widerstand bleibt eine unbequeme Heldin. Hinterfragt gehören zu ihrem 100. Geburtstag die vielen Instrumentalisierungen der „deutschen Jeanne d’Arc“.

Kein langes Leben: 9. Mai 1921 bis 22. Februar 1943. Nicht einmal 22 Jahre. Aber auch hundert Jahre nach ihrer Geburt und 78 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod durch die „Fallschwertmaschine“ in der Münchener Justizvollzugsanstalt Stadelheim ist Sophie Scholl ein Thema: Schulen, Straßen, Plätze sind nach ihr benannt. Ein Straßenbahnwagen genauso wie eine Strauchrose. Frühstückstassen, T-Shirts und Stofftaschen tragen das Konterfei von Sophie Scholl: das „ernste Mädchen“ (Carl Muth) mit Haarsträhnen im Gesicht. Seit Jahren wird ein Geschwister Scholl-Preis ausgelobt, es gibt die Weiße-Rose-Stiftung, Konstantin Wecker schrieb 2017 den Song „Die Weiße Rose“ („Es ging ums Tun und nicht ums Siegen“). Filme und Theaterstücke, neuestens eine Instagram-Serie. Die Deutsche Post ehrt sie 2021 erneut mit einer Briefmarke, das Finanzministerium mit einer Silber-Gedenkmünze mit einem Geldwert von 20 Euro. Ein neues Gebäude des Europaparlaments in Brüssel wurde nach ihr benannt: Sophie Scholl als EU-Adresse!

Ziel: Hitler beseitigen!

Und München? Vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität der Geschwister Scholl-Platz und in die Pflastersteine eingelassene Flugblätter. Wer nicht genau hinschaut, meint, es handele sich um achtlos weggeworfene Papiere. Wenige Meter hinter der Fassade: der Lichthof der Universität, wo Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 das sechste Flugblatt auflegten – und dabei geschnappt wurden. Einem Hörsaaldiener fielen herunterfallende Blätter auf, er hielt die beiden bis zum Eintreffen der Gestapo fest. Bis heute ist unklar, ob sich der Stapel selbstständig gemacht oder ob Sophie Scholl nachgeholfen hat. Bei den Verhören hielt Sophie Scholl fast bis zum Schluss dicht. Roland Freisler vom Volksgerichtshof reiste für den Schauprozess eigens aus Berlin an. „Wehrkraftzersetzung“, „Feindbegünstigung“, „Vorbereitung zum Hochverrat“: Die Geschwister wurden zusammen mit Christoph Probst am 22. Februar 1943 zum Tod verurteilt und am selben Tag hingerichtet. Zehntausende Flugblätter hatten sie zusammen mit ihren Freunden im ganzen Deutschen Reich verteilt: Hitler beseitigen!

In der von Leo von Klenze geschaffenen „Walhalla“ in Donaustauf (Landkreis Regensburg), wo seit 1842 bedeutende Persönlichkeiten „teutscher Zunge“ geehrt werden, ist Sophie Scholl seit 2003 vertreten: Marmorbüste Nummer 131. Ihr wurde der letzte Platz neben der Tür zugewiesen. Neben ihr soll keine weitere Büste aufgestellt werden. „Im Gedenken an alle, die gegen Unrecht, Gewalt, Terror des ,Dritten Reiches‘ mutig Widerstand leisteten“, heißt es auf ihrer Tafel. Kein Wort über den Freundeskreis um ihren älteren Bruder Hans Scholl, aus dem sich der Kern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ bildete.

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