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Die Kraft des Widerstands

FOKUS
Südtiroler "Feuernacht" - Die „Feuernacht“, 11. /12. Juni 1961, war der Höhepunkt der Anschläge des „Befreiungsausschusses Südtirol“. 37 Strommasten wurden gesprengt – einige von Heinrich Oberleiter. 60 Jahre später setzen sich die Tiroler Landeshauptmänner und Bundespräsident Van der Bellen für eine Begnadigung Oberleiters ein.<br />
  - © Foto: picturedesk.com / SZ-Photo / amw

Südtirol-Konflikt: Ein „Bumser“ ohne Hass

1945 1960 1980 2000 2020

Heinrich Oberleiter ist einer der letzten noch lebenden Südtirol-Aktivisten. Im FURCHE-Gespräch erzählt er von den Motiven, die ihn vor 60 Jahren in den Widerstand gegen Italiens Repressionspolitik trieben.

1945 1960 1980 2000 2020

Heinrich Oberleiter ist einer der letzten noch lebenden Südtirol-Aktivisten. Im FURCHE-Gespräch erzählt er von den Motiven, die ihn vor 60 Jahren in den Widerstand gegen Italiens Repressionspolitik trieben.

Anstatt sich den Weg freizuschießen, warf Heinrich Oberleiter seine Pistole in einem unbeobachteten Moment aus dem Jeep, mit dem ihn italienische Polizisten zum Verhör samt der damals für Südtiroler „Bumser“ üblichen Folter bringen wollten. „Für meine Freiheit ein Blutbad anrichten konnte ich nicht“, sagt Oberleiter. Er nahm stattdessen „den Herrgott in die Pflicht“ und betete, dass dieser ihm eine Gelegenheit zum Freikommen schaffe. Mit einer Autopanne, die Oberleiter trotz Minusgraden zum Sprung in einen reißenden Bergbach und anschließender Flucht über die andere Uferseite nützen konnte, wurde sein Gebet erhört. Das war im Dezember 1963. Heute noch staunt Oberleiter darüber, wie viel göttlichen Beistand er damals hatte. Bei dieser Flucht, aber auch schon vorher, wenn er selbstgebaute Sprengladungen an Strommasten anlegte oder diese bei Rohrkrepierern wieder entschärfen musste.

Die FURCHE erreicht den 79-Jährigen im unterfränkischen Gössenheim nahe bei Würzburg. Den Südtiroler Dialekt hat er auch nach Jahrzehnten im anfangs erzwungenen, mittlerweile lange zur zweiten Heimat gewordenen Exil nicht abgelegt. Über eine Stunde lang nimmt er sich Zeit für ein ausführliches Telefonat, in dem er von seiner Herkunft und seinen Beweggründen erzählt, die aus ihm einen der „Pusterer Buben“ und damit meistgesuchten und 1967 in Abwesenheit zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilten Südtirol-Aktivisten des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) werden ließen.

Einen „Schauprozess“ nennt Oberleiter das damalige Gerichtsverfahren, in dem er und die anderen Pusterer Buben des Mordes an einem Carabinieri schuldig gesprochen wurden. Die zuständige Staatsanwaltschaft der italienischen Stadt Brescia sieht das mittlerweile aufgrund entlastender Zeugenaussagen genauso und hat dem von Oberleiters Kindern für ihren Vater eingebrachten Gnadengesuch zugestimmt. Die Landeshauptmänner von Tirol und Südtirol sowie Bundespräsident Alexander Van der Bellen machten sich ebenfalls für Oberleiter beim italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella stark – bisher ohne Erfolg. „Kompatscher hat mir zum neuen Jahr geschrieben und zugesagt, sich weiter für mich einzusetzen“, sagt Oberleiter. Bis auf diese Zusicherung des Südtiroler Landeshauptmanns „ist mit meinem Gnadengesuch aber nichts passiert“. In Italien scheinen die Fronten noch immer verhärtet. Nicht zuletzt, weil Rechtspopulisten wie Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini nach wie vor die Auslieferung Oberleiters und anderer noch lebender BAS-Aktivisten an Italien fordern.

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