Religion

In Israel über Israel

1945 1960 1980 2000 2020

Der Nahost-Konflikt als jüdische Normalität in Israel.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Nahost-Konflikt als jüdische Normalität in Israel.

Ein Forschungsaufenthalt in Jerusalem. Israel versteht sich als jüdischer Staat, Juden bilden die Mehrheit der Bevölkerung. Hier treten quälende Themen in den Hintergrund, die sich Juden als Minderheit in der Diaspora stellen: Antisemitismus, verzerrte Judenbilder in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, Rollenzuschreibungen als Mahner und Bewahrer der Erinnerung an die Schoa - keine Dauerthemen in Israel. Stattdessen, jüdische Normalität, halleluja?

Wie man's nimmt: Am vergangenen Freitag wurden Frauen, die an der Klagemauer einen Gottesdienst halten wollten, von Hunderten ultra-orthodoxen Männern beschimpft und bespuckt. Die für die Klagemauer zuständigen Rabbiner gehören zur Orthodoxie, die solche Gottesdienste ablehnt. Die Orthodoxie ist in Israel aus historischen Gründen Staatsreligion, so dass Glaubensfragen auch Machtfragen sind. Apropos Machtfragen: Kurz vor der Parlamentswahl am 9. April muss Premierminister Benjamin Netanjahu mit einer Anklage wegen Korruption rechnen. Der Wahlkampf steht wieder einmal im Zeichen des Nahost-Konflikts. Jüdische Normalität in Israel.

Diese Art Normalität hatte der Nationaldichter Chaim Nachman Bialik nicht vor Augen, als er schrieb, die Juden würden erst dann ein normales Volk sein, wenn es jüdische Diebe und jüdische Prostituierte gebe. Er wollte nicht den idealistischen Anspruch aufgeben, mit dem der jüdische Staat gegründet wurde.

In Israel wird die Spannung zwischen Ideal und Realität allerdings mit der Lupe betrachtet, zumal sich manche Konflikte nur unter den Bedingungen staatlicher Souveränität stellen. Auch wenn man diese Souveränität selbst als erfülltes Ideal betrachtet, darf man die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit auch aus der Diaspora kritisieren, wo jüdische Normalität von anderen Fragen bestimmt wird.

Der Autor ist Wissenschafter am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam.

Ein Forschungsaufenthalt in Jerusalem. Israel versteht sich als jüdischer Staat, Juden bilden die Mehrheit der Bevölkerung. Hier treten quälende Themen in den Hintergrund, die sich Juden als Minderheit in der Diaspora stellen: Antisemitismus, verzerrte Judenbilder in der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, Rollenzuschreibungen als Mahner und Bewahrer der Erinnerung an die Schoa - keine Dauerthemen in Israel. Stattdessen, jüdische Normalität, halleluja?

Wie man's nimmt: Am vergangenen Freitag wurden Frauen, die an der Klagemauer einen Gottesdienst halten wollten, von Hunderten ultra-orthodoxen Männern beschimpft und bespuckt. Die für die Klagemauer zuständigen Rabbiner gehören zur Orthodoxie, die solche Gottesdienste ablehnt. Die Orthodoxie ist in Israel aus historischen Gründen Staatsreligion, so dass Glaubensfragen auch Machtfragen sind. Apropos Machtfragen: Kurz vor der Parlamentswahl am 9. April muss Premierminister Benjamin Netanjahu mit einer Anklage wegen Korruption rechnen. Der Wahlkampf steht wieder einmal im Zeichen des Nahost-Konflikts. Jüdische Normalität in Israel.

Diese Art Normalität hatte der Nationaldichter Chaim Nachman Bialik nicht vor Augen, als er schrieb, die Juden würden erst dann ein normales Volk sein, wenn es jüdische Diebe und jüdische Prostituierte gebe. Er wollte nicht den idealistischen Anspruch aufgeben, mit dem der jüdische Staat gegründet wurde.

In Israel wird die Spannung zwischen Ideal und Realität allerdings mit der Lupe betrachtet, zumal sich manche Konflikte nur unter den Bedingungen staatlicher Souveränität stellen. Auch wenn man diese Souveränität selbst als erfülltes Ideal betrachtet, darf man die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit auch aus der Diaspora kritisieren, wo jüdische Normalität von anderen Fragen bestimmt wird.

Der Autor ist Wissenschafter am Institut für Jüdische Theologie der Universität Potsdam.