Martin Luther und Hirnforscher: Es gibt keinen freien Willen

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Im Jahre 1525 veröffentlichte Martin Luther seine Schrift "Dass der freie Wille nichts sei". Darin erteilte er seine Antwort auf die ein Jahr zuvor erschienene Abhandlung "Vom freien Willen" des Humanisten und katholischen Gelehrten Erasmus von Rotterdam. Die Debatte zwischen Erasmus und Luther stellt nicht nur den Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Humanismus und Reformation dar. Sie ist auch für das kontroverstheologische Gespräch zwischen evangelischer und katholischer Theologie über die Rechtfertigungslehre von grundlegender Bedeutung. Bis zur "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" von Lutherischem Weltbund und römisch-katholischer Kirche geht die Auseinandersetzung fort.

Luther bekämpfte die Lehre von der Willensfreiheit so entschieden, weil der darin einen fundamentalen Angriff auf die paulinische Rechtfertigungslehre sah. Nicht nur seine katholischen Gegner, auch der heutige Protestantismus tut sich mit Luthers radikaler Position schwer. Unter-gräbt sie nicht jede Moral?

Unterstützung erhält der Reformator heute allerdings von ganz anderer Seite, nämlich von der Neurobiologie. Aus der Sicht führender Hirnforscher wie Gerhard Roth oder Wolf Singer ist der freie Wille eine Illusion des menschlichen Gehirns. Subjektiv erleben wir uns als frei, objektiv aber sind die sämtliche Vorgänge in unserem Gehirn, also auch das unser Handeln begleitende Empfinden eines freien Willens, kausal determiniert.

Für die meisten Hirnforscher ist freilich auch Luthers den Sünder allein aus Gnaden durch den Glauben rechtfertigende Gott eine Illusion, weil sie eine von der Materie unterschiedene geistige Dimension leugnen.

Das Gespräch zwischen Theologie und Hirnforschung steht noch ganz am Anfang. Es dürfte eine der spannendsten Auseinandersetzungen der nächsten Zukunft werden.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Syste-matische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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