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Sorge ums Wohl der Stadt

Den 250. Geburtstag des Wiener Stadtpatrons Klemens Maria Hofbauer nimmt die Erzdiözese Wien zum Anlass, um beim "Großstadtsymposion" vom 17. bis 21. Oktober über Kirche in der Stadt nachzudenken.

Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass Repräsentanten der katholischen und der evangelischen Kirche gemeinsam so heikle Themen wir Petrus Canisius, den katholischen Gegenreformer, oder Klemens Maria Hofbauer, den Erneuerer der Stadt pastoral in einem gemeinsamen Symposion bearbeiten werden?" freut sich Herwig Sturm, der Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich. Vor 250 Jahren wurde Klemens Maria Hofbauer, der Stadtpatron von Wien geboren. Ganz im Zeichen seines Jubiläums steht das "Großstadtsymposion".

Der heilige Klemens stammte aus Böhmen, die Zeit, zu der er lebte, war der heutigen in manchem ähnlich. "Sich die Person im Kontext ihrer Zeit anzusehen, ist eine gute Gelegenheit, ein Stück Geschichte aufzuarbeiten", meint Christine Gleixner, die katholische Vorsitzende des Ökumenischen Rates der Kirchen: "Die Zeit wird oft glorifiziert, in Wirklichkeit gab es damals leere Kirchen. Es gab viele verheiratete Priester, Klemens Maria Hofbauer hat sich sogar in Rom beim Papst für die Protestanten eingesetzt. Er verstand, dass sie aus tiefer Frömmigkeit heraus mit dem Evangelium leben wollten." Schon im Juni, bei einer Vorfeldveranstaltung zum Symposion, hat Gleixner mit Vertretern anderer Kirchen über das damalige und das heutige Verhältnis der Kirchen in Wien nachgedacht: "Das Wichtigste ist, sich auf einen Prozess einzulassen."

Die Großstadt ist eine Ansammlung, ein Konglomerat verschiedener Prozesse, das Großstadtsymposion will von 17. bis 21. Oktober weitere in Gang setzen. "Christsein darf sich nicht auf fromme Innerlichkeit beschränken und die Augen verschließen vor dem, was in der Welt geschieht", meint Hugo Unterberger, Pfarrer von St. Elisabeth in Wien-Wieden und Leiter des Ausschusses "Großstadtpastoral". Es freut ihn besonders, dass die Symposionseröffnung unter dem Thema "Bemüht euch um das Wohl der Stadt", ein Wort des Propheten Jeremia, im Festsaal des Wiener Rathauses stattfindet. Kardinal Godfried Danneels, Erzbischof von Mecheln-Brüssel, wird dort ebenso sprechen wie Wiens Bürgermeister Michael Häupl und Dora Stepanek, die Leiterin der Telefonseelsorge: Sie hat wohl wie kaum sonst jemand das Ohr an den Sorgen der Menschen.

Party für hl. Klemens

Danach breitet sich das Großstadtsymposion aus, vervielfältigt sich, wandert weg vom Rathaus an sieben verschiedene "Klemens-Orte" in Wien und Umgebung. Dort wird auf unterschiedliche Art diskutiert, gefeiert, begegnet. So feiert St. Clemens in Simmering eine Geburtstagsparty für Klemens, Klassik und Techno reichen sich dabei musikalisch die Hand, in der Minoritenkirche, dem Zentrum der italienischen Gemeinde, feiert man die italienisch-österreichische Freundschaft. Eine Gedenkstunde gibt es auf dem Romantikerfriedhof in Maria Enzersdorf: der heilige Klemens setzte sich mit den Künstlern seiner Zeit auseinander, Dorothea Schlegel, die Geschwister Brentano oder Josef von Eichendorff zählten zu seinem Bekanntenkreis. Diese Facette des Heiligen war schon vor dem eigentlichen Symposion Anlass zu einer von vielen Vorfeldveranstaltungen: Ein kompetentes, prominent besetztes Podium reflektierte im September das Verhältnis Kunst und Kirche.

Bei einem dieser "Vorsymposien" diskutierte man zur Frage: "Was weiß ein Fremder?" auch die Ausländerthematik. Die grüne Wiener Gemeinderätin Maria Vassilakou kam dabei genauso zu Wort wie Tourismusseelsorger Joseph Farrugia, P. Piotr Lesniak von der polnischen Gemeinde, Ivan Zupa von der Minderheitenredaktion des ORF, Caritas-Präsident Michael Landau und die FP-Integrationssprecherin, Barbara Schöfnagel: Die kulturelle Bereicherung durch das Fremde, eigene Erfahrungen der Ausländer am Podium, die Mängel der momentanen Gesetzgebung kamen dabei zum Ausdruck, ebenso aber auch die oft geringe Wertschätzung durch Inländer. Umgang mit den Fremden wird auch in Zukunft ein wesentliches Thema der Großstadtpastoral sein.

Viele Katholiken haben die gravierenden Veränderungen in der Stadt aber noch nicht wahrgenommen. "Während sich 1981 bei der Volkszählung noch 71 Prozent der Wiener zur katholischen Kirche bekannten, waren es 1991 nur noch 58. Im Jahr 2000 ist die Katholikenzahl in Wien bereits unter 50 Prozent gesunken", rechnet Pfarrer Unterberger vor. Gleichzeitig sind die aus der Kirche ausgetretenen Christen die zweitgrößte "Konfession" geworden. Das Thema "Den Menschen heute das Evangelium bringen" wird im Rahmen des Großstadtsymposions daher auf einer Tagung im Wiener Kardinal-König-Haus behandelt. Unter anderem werden sich dabei der Erfurter Bischof Joachim Wanke und der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner zu Wort melden. Arbeitsgruppen, die Vorstellung von pastoralen Initiativen am "Markt der Möglichkeiten" und "Werkstätten" laden dazu gemeinsamem Austausch zu vertiefen. Hugo Unterberger hofft, dass nach diesen vielen Impulsen die Saat aufgeht: "Eigentlich beginnt das Großstadtsymposion nach dessen Ende - also am 22. Oktober."

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