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Feuilleton

Der Grusel an der Kirchhofsmauer

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Totentänze von der Antike bis heute: Die Untoten hatten es den Lebenden immer schon angetan.

Totentänze überall in Europa. Hans Holbein d. J. lässt 1534 den Tod den Papst grade in dem Moment holen, da ihm der Kaiser die Füße küsst. Abraham a Sancta Clara sorgt 1677 in seiner Eigenschaft als Geistlicher Vater der Wiener Totenbruderschaft dafür, dass der Tod nur noch Hand an eine Säule mit der Tiara legt, aber nicht an Seine Heiligkeit höchstselbst, was man als (in Italien zu der Zeit bereits gängige) Antwort auf den Totentanz des Protestanten Holbein verstehen darf. Auf einem Kupferstich von Daniel N. Chodowiecki von 1791 wird der General von zwei Gerippen brutal vom Pferd geholt. Honoré Daumier zeichnet 1870 den Sensenmann, der sich bei Bismarck für die hohen Kriegsverluste der Franzosen bedankt. Bei Frans Masereel wird 1941 ein unübersehbarer Flüchtlingsstrom auf dem Weg ins Verderben von einem Skelett angeführt. In HAP Grieshabers "Basler Totentanz" von 1966 führen zwei Gerippe einen Mann mit Judenstern ab. Kiki Kogelnik lässt im Beinhaus von Stein im Jauntal 1997 kurz vor ihrem Tod die Tode tanzen.

Viele Städte haben Totentänze. In Kirchen, an Friedhofsmauern, in Krypten, ganz zu schweigen von den Totentänzen in Buchform. Klappererkarls Allgegenwart erinnerte den Gläubigen im Interesse seines Seelenheils an seine Vergänglichkeit, stärkte aber auch die Bindung an Klerus und Kirche. Sie zeigte, wie der Tod den Menschen unvorbereitet mitten aus dem Leben reißt. Heute mutet man das Thema Tod auch den Gläubigen lieber nur zu passenden Anlässen zu. Wie jetzt, vor Allerheiligen. Der neue Bildband "Der Tanz in den Tod - Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart" von Uli Wunderlich traf also gerade zur rechten Zeit ein. Die Verfasserin ist Präsidentin der Europäischen Totentanz-Vereinigung - was es alles gibt!

Die tanzenden Toten, erfahren wir, eroberten Europa von Spanien aus. Im Baskischen, bekanntlich einer besonders urtümlichen Sprache, heiße, schreibt sie, "maca" Gespenst, "obri" oder "hobi" Grab, im Arabischen bedeute "maqbara" Grab und der Plural "maqábir" könne auch für Friedhof stehen. Naheliegend also, dass der Begriff des Makabren gemeinsam mit der makabren Kunst der Totentänze von Spanien und Südfrankreich aus in die Schweiz, nach Österreich und Deutschland vordrang. Die Vermutung, dass es sich auch bei den Totentänzen ursprünglich um Bräuche handelte, die von der Kirche nicht ausgetilgt werden konnten und daher mit einer neuen Bedeutung belegt wurden, liegt nahe. Die These von der nichtchristlichen Herkunft verträgt sich auch besser mit den tanzenden Gerippen Indiens und Lateinamerikas, ganz zu schweigen von den antiken Totentänzen und silbernen Skeletten, die diese Ansicht ebenfalls stützen. Die antiken und außereuropäischen Totentanz-Kulturen werden ebenfalls mit reichem Bildmaterial dokumentiert.

Von der Antike bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte sei es, so Uli Wunderlich, üblich gewesen, "die verstorbenen Angehörigen an bestimmten Gedenktagen zu besuchen und ihr Andenken in oder auf den Grabanlagen mit Speisen und Getränken zu feiern. Dass dabei gesungen und getanzt wurde, ist mehr als wahrscheinlich. Mittelalterliche Quellen belegen, dass die Kirche dieses heidnische Brauchtum lange Zeit vergeblich bekämpfte. Es war also naheliegend, den ursprünglich positiv belegten Feiern eine negative Bedeutung zu verleihen und den Tanz - besonders den in der Nähe der Gräber - als etwas Gefährliches darzustellen".

Der Sensenmann fasst Fuß in Basel und Ulm und reist dann ein Stück den Rhein hinauf. Er macht auch von Spanien und Frankreich einen kühnen Satz nach Lübeck, dessen Totentanz direkt auf die südländischen und nicht auf die oberdeutschen Vorbilder zurückgeht.

Ein makabres Buch im urtümlichen Sinn des Wortes, vor allem aber auch ein seriöses und kulturhistorisch wichtiges Werk. Die Autorin geht dem Einfluss, dem Nachleben, wenn das Wort hier gestattet ist, und den Umformungen des Holbein'schen Totentanzes ebenso gründlich nach wie dem Totentanz im Barock oder der Emanzipation des Totentanzes von der Kirche ab der Aufklärung.

Steven Kings Ahnen

Dass der Erfolg der Danza de la Muerte und der Danse Macabre ein von oben verordneter war, ist übrigens mehr als fraglich. Wahrscheinlich fanden die Menschen den Grusel an den Wänden im Mittelalter so unwiderstehlich wie heute die Romane von Stephen King. Die Untoten hatten es den Lebenden eben immer schon angetan.

Ein besonders interessantes Buchkapitel befasst sich mit den politischen Bedeutungen, welche die Moderne bis herauf zur Gegenwart dem Knochenmann an die Knochen hängt. Einst entführte eine Schar übermütiger Gerippe eine sich in ihr Schicksal fügende Äbtissin. Nonnen tanzten mit Gerippen. Der gesamten sozialen Pyramide vom Papst bis zum Bettler und allen Berufen wurde in den Totentänzen die Vergänglichkeit ihres Fleisches drastisch vor Augen geführt, und zwei Tode führten auch ein Kindlein zum Tanz. Faszinosum für Totentanz-Touristen, die im Band denn auch ein Verzeichnis der deutschen, österreichischen und Schweizer Totentänze finden, auch der modernen.

Heute freilich demonstrieren Tode und Gasmasken gegen Kernkraftwerke. Heute stirbt der Knochenmann mit dem Wald, wie in Heinz Diekmanns Holzschnitt "Totentanz der Bäume" aus dem Jahr 1989, oder er ringt, wie in Michael Kutzers 1996 entstandenem "Memento mori", vor einem Wald tödlicher Raketen verzweifelt die fleischlosen Hände.