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Die Angst vor dem Unterschied

In Diskussionen über grundlegende Geschlechter-Unterschiede geht es heute zumeist nicht um deren Art und Bedeutung, sondern fast ausnahmslos um deren De-facto-Leugnung -bis hin zum Geschlechtskörper, der nur durch soziale Zuschreibungen "performiert" würde. Freilich bestreitet niemand Ernstzunehmender die Formbarkeit von Geschlecht/Gender - sehr wohl aber, dass es ausschließlich sozial konstruiert wäre.

Damit würden alle Unterschiede zwischen Frauen und Männern wie auch die (grosso modo) Zweigeschlechtlichkeit selbst bestritten. Selbst genetische, hormonelle oder physiologische Faktoren werden als sekundär gesehen. Während ich beispielsweise bisher die Gebärfähigkeit -also nicht den Penis! - für den entscheidenden Geschlechtsunterschied hielt, wurden mittlerweile auch schon männliche Uterus-Reste gefunden, sodass auch Männer angeblich gebären könnten (freilich nur per Kaiserschnitt). Aber: wozu eigentlich?

Zugleich wird die breite anthropologische Sicht, wonach alles Leben "biopsycho-sozial" begründet sei, um die "Bio"-Dimension verkürzt, in manchen oberflächlich-soziologistischen Betrachtungen auch um das "Psycho"(das sich dem Sozialen gegenüber ja auch widerständig erweisen kann). Jedenfalls sei das, was aus Buben und Mädchen würde, einzig von sozialen Einflüssen abhängig, was auch als "fortschrittlich" empfunden wird. Mir erscheint hingegen die Vorstellung, wir könnten Mädchen und Jungen quasi je nach Bedarf -zum Beispiel des Arbeitsmarktes - formen, gar nicht so "fortschrittlich". Freilich sollten Mädchen und Jungs und später Frauen und Männer gleiche Chancen haben - aber sie deshalb gleich zu Unterschiedslosen zu erklären?

"Abschaffung" von Zweigeschlechtlichkeit?

Unterschiede wie diese machen offenbar Angst, weil sie immer auf etwas Anderes, Fremdes verweisen, das dann dämonisiert wird: Zweigeschlechtlichkeit ist folglich "bipolar" und der Urgrund für Herrschaft von Männern über Frauen. Außerdem sei sie Schuld an der Diskriminierung minderheitlicher, nicht eindeutig zuordenbarer Menschen. Andere Gründe verschwinden dabei zusehends und das "Hetero" wird zum Hauptfeind. Als ob Menschen mit besonderem sexuellen Erleben oder anderer Orientierung allein wegen der Mehrheit heterosexuell Liebender ausgegrenzt und unterdrückt würden? Verdienen sie nicht gerade als "Andere" besondere Rücksicht und Respekt? Spannungen und Konflikte zwischen den Geschlechtern und mit Andersempfindenden zu lösen, indem man die Unterschiedlichkeit der Geschlechter oder die Zweigeschlechtlichkeit selbst "abschafft", erscheint bestenfalls als unrealistische Pseudolösung.

Vielleicht ist es aber auch die Begrenztheit, "nur" einem Geschlecht anzugehören, die die omnipotente Vision, aus sich machen zu können, was man will, beflügelt. Für Menschen, die an die Machbarkeit von allem glauben, ist es eine narzisstische Kränkung, sich mit dem Gegebenem arrangieren zu müssen und sich nicht selbst jeweils neu erschaffen zu können.

| Der Autor ist Bildungwissenschaftler an der Universität Innsbruck und Psychoanalytiker |

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