Esszimmer  - © Pierre Bonnard „Esszimmer/Vernon“, um 1925, Öl auf Leinwand, 126 × 184 cm; Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen; Foto: Ole Haupt
Feuilleton

Die Poesie des Alltäglichen

1945 1960 1980 2000 2020

Er wagte sich mit seiner Farbmalerei an die Grenzen der Gegenständlichkeit: Das Bank Austria Kunstforum widmet Pierre Bonnard eine Retrospektive – in Kooperation mit der Tate Gallery und der Glyptotek Kopenhagen.

1945 1960 1980 2000 2020

Er wagte sich mit seiner Farbmalerei an die Grenzen der Gegenständlichkeit: Das Bank Austria Kunstforum widmet Pierre Bonnard eine Retrospektive – in Kooperation mit der Tate Gallery und der Glyptotek Kopenhagen.

Ein Kaffee wird serviert, doch das Gesicht der Person, die ihn bringt, ist halb abgeschnitten. Eine Dame beugt sich im Esszimmer hinunter – zu einem Hund, dessen nur teilweise gezeigte Schnauze man gar nicht auf den ersten Blick erkennt. Es waren Momente der Stille im Tagesablauf, Darstellungen des Gewöhnlichen und Ausblicke hinaus auf die Welt, die Pierre Bonnard (1867-1947) interessierten – und doch ist es zu kurz gegriffen, ihn dem lange geltenden Klischee gemäß als harmlosen Chronisten eines großbürgerlichen Alltags oder als Vertreter einer oberflächlichen Harmonie abzutun. Das Bank Austria Kunstforum tritt nun in der in Kooperation mit der Londoner Tate Modern und der Glyptotek Kopenhagen entstandenen Ausstellung mit dem Untertitel „Die Farbe der Erinnerung“ an, das allgemeine Bild dieses Postimpressionisten zurechtzurücken, wobei er erstmals in Österreich ausstellungsfüllend präsentiert wird.

Ein Kaffee wird serviert, doch das Gesicht der Person, die ihn bringt, ist halb abgeschnitten. Eine Dame beugt sich im Esszimmer hinunter – zu einem Hund, dessen nur teilweise gezeigte Schnauze man gar nicht auf den ersten Blick erkennt. Es waren Momente der Stille im Tagesablauf, Darstellungen des Gewöhnlichen und Ausblicke hinaus auf die Welt, die Pierre Bonnard (1867-1947) interessierten – und doch ist es zu kurz gegriffen, ihn dem lange geltenden Klischee gemäß als harmlosen Chronisten eines großbürgerlichen Alltags oder als Vertreter einer oberflächlichen Harmonie abzutun. Das Bank Austria Kunstforum tritt nun in der in Kooperation mit der Londoner Tate Modern und der Glyptotek Kopenhagen entstandenen Ausstellung mit dem Untertitel „Die Farbe der Erinnerung“ an, das allgemeine Bild dieses Postimpressionisten zurechtzurücken, wobei er erstmals in Österreich ausstellungsfüllend präsentiert wird.

„ Nicht das augenscheinliche Glück, sondern die Brüche sind es, die
faszinieren und die oft einen zweiten Blick erfordern. “

Nicht das augenscheinliche Glück, sondern die Brüche sind es, die faszinieren und die oft einen zweiten Blick erfordern. „Sein Stil ist geprägt von gekappten Figuren, verwischter Personenführung und räumlicher Verunklärung“, sagt Kuratorin Evelyn Benesch. „Bonnard erwartet von uns, dass wir innehalten und das Bild langsam abtas ten. Mich fasziniert besonders, dass vieles in Schwebe bleibt und von Bonnard nicht aufgelöst wird.“ Gerade in den späten Gemälden, die den Weg in Richtung Abstraktion weisen und gleichzeitig das Gegensätzliche nicht in Frage stellen, verlangt Bonnard vom Betrachter ein tiefes Eintauchen in das Bild.

Aus seiner „Terrasse im Sonnenlicht“ schälen sich erst nach und nach Formen und eine Figur heraus. Es ist gerade Bonnards Entdeckung des Lichts des Südens und der leuchtend-changierenden Farben des Mittelmeers, auf die sich die Ausstellung im Kunstforum konzentriert und die er vor allem nach seinem Umzug in die Nähe von Cannes zum Mittelpunkt seines Schaffens machte. „Erst mit dem Erleben dieser strahlenden Farbe entwickelte er eine eigene Bildsprache und schuf nicht nur Stimmungen, sondern auch ganze Räume und Kompositionen über das Farbzusammenspiel. Seine Bilder sind durchkonstruiert und spielen damit, wie sich Farben gegenseitig steigern, gegen Ende hin verschwimmen sie überhaupt zur Farbfläche“, so Benesch. Bonnard malt Blicke aus seinem Fenster, die üppige Natur, die kühl-distanzierte Innenwelt des Hauses und die Übergänge zwischen Innen und Außen, Eindrücke von Spaziergängen, seine Frau bei der von ihr fast manisch betriebenen Körperpflege.

Das Anschneiden und Kappen von Figuren sowie das Spiel mit dem Raum hatte er sich auch von japanischen Farbholzschnitten abgeschaut, diese Stilelemente sollten ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen. Zwar zeigt die Ausstellung im Kunstforum auch, wie Bonnard durch Fotografieren seinen Blick schulte, wenn er mit einer leichtgewichtigen Pocket-Kodak experimentierte. Doch stets arbeitete er aus der Erinnerung, er hatte Sorge, das Objekt könnte ihn von der Malerei an sich ablenken. So malte er, was ihm vertraut war, arbeitete sich an manchen Themen ab und baute um sie eine Poesie des Alltäglichen auf. Im Laufe der Jahre wurde die Lesbarkeit seiner Werke immer unwichtiger, nicht umsonst wird er zitiert: „Die Farbe hatte mich mitgerissen. Nahezu unbewusst habe ich ihr die Form geopfert.“

Rätselhafter Meister

„Bonnard blieb immer geheimnisvoll, er arbeitete nie mit der Faust aufs Auge – was ja Picasso an ihm aufregte“, erläutert Benesch der FURCHE. „Es ist oft so, dass man auf den ersten Blick gar nicht weiß, was wo dazugehört, oder dass man überlegen muss: Ist das Fenster überhaupt offen? So sehr Bonnard ein Meister der gegenständlichen Malerei war, so hat er trotzdem einen sehr eigenständigen Weg in seiner Bilddarstellung gefunden.“ Bonnard schlägt dem Betrachter demnach eine neue Wahrnehmung des Gewöhnlichen vor, das dadurch eine zusätzliche Sinnlichkeit und Rätselhaftigkeit bekommt. So wird hier ein geheimnisvoller, schwer fassbarer Maler präsentiert, der sich auch selbst als rätselhafte Figur inszenierte. Es ging ihm, wie Bonnard selbst sagte, „nicht darum, das Leben zu malen. Es geht darum, die Malerei lebendig zu machen.“

Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung

Bank Austria Kunstforum bis 12. Jänner 2020 Täglich 10–19 Uhr, Fr 10–21 Uhr www.kunstforumwien.at