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Feuilleton

"Jandls Texte sind mit Jandls Zunge genäht"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Wien Museum präsentiert eine äußerst sehenswerte Schau über den wortgewaltigen experimentellen Lyriker Ernst Jandl anlässlich seines 85. Geburts- und 10. Todestages.

"Die Welt ist laut - laut ist schön." Worte, Laute, Rhythmen, Videoscreens. Besucher der Ernst Jandl Show empfängt beim Betreten der Ausstellungsräume eine gewaltige Stimmen- und Geräuschkulisse, quasi ein multimedialer Soundtrack, der dem Autor und Vortragskünstler auf vielfältige und innovative Weise gerecht zu werden versucht. Ernst Jandls Werk ist untrennbar verbunden mit akustischer Performance, wie Franz Mon, einer seiner Weggefährten und Vertreter der konkreten Poesie, einmal treffend formuliert hat: "Jandls Texte sind mit Jandls Zunge genäht. Es gehört der stimmliche Vollzug, das Lautwerden und Hörbarmachen substanziell zu seinen Texten dazu."

Starke Vernetzung mit der Musik

Bereits zu Lebzeiten hat Jandl Teile seines umfangreichen Nachlasses dem Österreichischen Literaturarchiv zur Verfügung gestellt. Anhand einer Fülle von Materialien, zu denen auch Tondokumente und Videos samt berühmtem Jandl-Stuhl gehören, haben die Kuratoren Bernhard Fetz und Hannes Schweiger sein Leben und Werk in elf Stationen nachgezeichnet und intermedial verortet. Biografische Aspekte erhellen dabei penibel verfasste Einkaufs- oder Agenda-Listen, die als essenzieller Wortpool für Gedichte dienen und gewissermaßen Jandls Alltag in einer zunächst noch winzigen und anfangs geordneten Wohnung kartografieren, aber ebenso Schallplatten, Jazzbücher, Fotos von Auftritten mit Musikern und Covers am Boden. Sie sind ein untrügliches Zeichen für die starke Vernetzung der Musik mit seinem Schaffen.

"darstellen / als ganzes / läßt sich / ein menschliches Leben / nur durch sich / d. h. / indem es sich lebt", schreibt Jandl. Seine früh verstorbene, streng katholische Mutter verfasst religiöse Gedichte, als ihre Nervenkrankheit ausbricht. Auch in ihm erwacht bald der Wunsch, Lehrer und Schriftsteller zu werden.

Nach der Schule beginnt er, sich mittels sprachexperimenteller Verfahren intensiv mit den Themen Krieg und Verführung zu beschäftigen. Jandl ist als 13-Jähriger Ohrenzeuge des frenetischen Jubels am Heldenplatz. In seinem späteren Gedicht "wien: heldenplatz", das 1962 in der Sammlung "Laut und Luise" erscheint, offenbart sich in der Lautstruktur die Aggression der Verführung. Jandl reißt die Wörter auf und entlarvt durch die vorgenommene Zerstörung die Verdrängung der Vergangenheitsbewältigung. In seiner "Ode auf N" demontiert er paradigmatisch den Aggressor und größenwahnsinnigen Kaiser Napoleon. Eine Fernsehaufnahme zeigt dazu Jandls erfolgreichen Auftritt in der Londoner Royal Albert Hall, als er dieses Sprechgedicht einer tobenden, Beifall klatschenden Menge vorträgt.

Viele Jahre geht Jandl - wie Friederike Mayröcker - einem Brotberuf in der Schule nach und nimmt damit eine enorme Doppelbelastung auf sich. Er unterrichtet Deutsch und Englisch an der Stubenbastei - Stundenvorbereitungen und Dienstzeugnisse illustrieren seine Lehrtätigkeit. Breiter Raum gilt Jandls Auseinandersetzung mit der "klassischen Avantgarde". Dazu zählen Gertrude Stein ("die Stein-Zeit hat erst begonnen") oder die Dadaisten Schwitters, Arp, Ball, Hausmann und Vertreter der Wiener Gruppe. Das Experiment wird für Jandl zum Programm. Es entstehen visuelle und mehrsprachige Gedichte, Lautgedichte, während er sich zunehmend auch einer "heruntergekommenen, deformierten Sprache" bedient, sogar der Dialekt findet Eingang in seine Sprachwelt. Audiostationen, Partituren und Sprechtexte verdeutlichen variantenreich Jandls intermediales ?uvre.

Und dann gibt es noch die Schreib- und Lebensbeziehung zu Friederike Mayröcker. Das Kennenlernen bei der Jugendkulturwoche in Innsbruck, ein Foto, das die beiden in Rohrmoos zeigt, wo sie oft ihren Urlaub verbracht haben. Berührendes, auch sehr Privates gibt einen Blick frei auf ihr konträres Leben, das sie "als kommunizierende Gefäße" stets ohne gemeinsamen Haushalt geführt haben. - Jandl ist heute nach wie vor präsent. Seine "Gedichte zum Fertigstellen" ermöglichen eine kreative Rezeption gemäß dem Aufruf "Jandl für alle!". Autoren wie Mayröcker, Czernin oder Schmatz haben es schon gewagt.

Die Ernst Jandl Show

Wien Museum 1040 Wien, Karlsplatz

bis 13. 2. 2011, Di-So 10-18 Uhr

Das Wien Museum präsentiert eine äußerst sehenswerte Schau über den wortgewaltigen experimentellen Lyriker Ernst Jandl anlässlich seines 85. Geburts- und 10. Todestages.

"Die Welt ist laut - laut ist schön." Worte, Laute, Rhythmen, Videoscreens. Besucher der Ernst Jandl Show empfängt beim Betreten der Ausstellungsräume eine gewaltige Stimmen- und Geräuschkulisse, quasi ein multimedialer Soundtrack, der dem Autor und Vortragskünstler auf vielfältige und innovative Weise gerecht zu werden versucht. Ernst Jandls Werk ist untrennbar verbunden mit akustischer Performance, wie Franz Mon, einer seiner Weggefährten und Vertreter der konkreten Poesie, einmal treffend formuliert hat: "Jandls Texte sind mit Jandls Zunge genäht. Es gehört der stimmliche Vollzug, das Lautwerden und Hörbarmachen substanziell zu seinen Texten dazu."

Starke Vernetzung mit der Musik

Bereits zu Lebzeiten hat Jandl Teile seines umfangreichen Nachlasses dem Österreichischen Literaturarchiv zur Verfügung gestellt. Anhand einer Fülle von Materialien, zu denen auch Tondokumente und Videos samt berühmtem Jandl-Stuhl gehören, haben die Kuratoren Bernhard Fetz und Hannes Schweiger sein Leben und Werk in elf Stationen nachgezeichnet und intermedial verortet. Biografische Aspekte erhellen dabei penibel verfasste Einkaufs- oder Agenda-Listen, die als essenzieller Wortpool für Gedichte dienen und gewissermaßen Jandls Alltag in einer zunächst noch winzigen und anfangs geordneten Wohnung kartografieren, aber ebenso Schallplatten, Jazzbücher, Fotos von Auftritten mit Musikern und Covers am Boden. Sie sind ein untrügliches Zeichen für die starke Vernetzung der Musik mit seinem Schaffen.

"darstellen / als ganzes / läßt sich / ein menschliches Leben / nur durch sich / d. h. / indem es sich lebt", schreibt Jandl. Seine früh verstorbene, streng katholische Mutter verfasst religiöse Gedichte, als ihre Nervenkrankheit ausbricht. Auch in ihm erwacht bald der Wunsch, Lehrer und Schriftsteller zu werden.

Nach der Schule beginnt er, sich mittels sprachexperimenteller Verfahren intensiv mit den Themen Krieg und Verführung zu beschäftigen. Jandl ist als 13-Jähriger Ohrenzeuge des frenetischen Jubels am Heldenplatz. In seinem späteren Gedicht "wien: heldenplatz", das 1962 in der Sammlung "Laut und Luise" erscheint, offenbart sich in der Lautstruktur die Aggression der Verführung. Jandl reißt die Wörter auf und entlarvt durch die vorgenommene Zerstörung die Verdrängung der Vergangenheitsbewältigung. In seiner "Ode auf N" demontiert er paradigmatisch den Aggressor und größenwahnsinnigen Kaiser Napoleon. Eine Fernsehaufnahme zeigt dazu Jandls erfolgreichen Auftritt in der Londoner Royal Albert Hall, als er dieses Sprechgedicht einer tobenden, Beifall klatschenden Menge vorträgt.

Viele Jahre geht Jandl - wie Friederike Mayröcker - einem Brotberuf in der Schule nach und nimmt damit eine enorme Doppelbelastung auf sich. Er unterrichtet Deutsch und Englisch an der Stubenbastei - Stundenvorbereitungen und Dienstzeugnisse illustrieren seine Lehrtätigkeit. Breiter Raum gilt Jandls Auseinandersetzung mit der "klassischen Avantgarde". Dazu zählen Gertrude Stein ("die Stein-Zeit hat erst begonnen") oder die Dadaisten Schwitters, Arp, Ball, Hausmann und Vertreter der Wiener Gruppe. Das Experiment wird für Jandl zum Programm. Es entstehen visuelle und mehrsprachige Gedichte, Lautgedichte, während er sich zunehmend auch einer "heruntergekommenen, deformierten Sprache" bedient, sogar der Dialekt findet Eingang in seine Sprachwelt. Audiostationen, Partituren und Sprechtexte verdeutlichen variantenreich Jandls intermediales ?uvre.

Und dann gibt es noch die Schreib- und Lebensbeziehung zu Friederike Mayröcker. Das Kennenlernen bei der Jugendkulturwoche in Innsbruck, ein Foto, das die beiden in Rohrmoos zeigt, wo sie oft ihren Urlaub verbracht haben. Berührendes, auch sehr Privates gibt einen Blick frei auf ihr konträres Leben, das sie "als kommunizierende Gefäße" stets ohne gemeinsamen Haushalt geführt haben. - Jandl ist heute nach wie vor präsent. Seine "Gedichte zum Fertigstellen" ermöglichen eine kreative Rezeption gemäß dem Aufruf "Jandl für alle!". Autoren wie Mayröcker, Czernin oder Schmatz haben es schon gewagt.

Die Ernst Jandl Show

Wien Museum 1040 Wien, Karlsplatz

bis 13. 2. 2011, Di-So 10-18 Uhr