Gegen Verteufelung und Vereinnahmung. Und warum Literatur kein politisches Manifest ist.

Wer die unsäglichen Schmähungen Elfriede Jelineks auf FPÖ-Plakaten noch vor Augen und die Krone-Reimereien von Wolf Martin gegen sie noch im Ohr hat, muss sich freuen über den Literaturnobelpreis für die Autorin. Doch wer möchte sich von dieser Gesellschaft seine Freude diktieren lassen? Elfriede Jelinek, die hochkomplexe Sprachartistin, ist ideologisch eine Meisterin der Schwarz-Weiß-Zeichnung, und so gelang es ihr auch, aus der zynischen Visage kulturloser Kulturverteidiger Aggressionen herauszureizen, die authentischer sind als deren Sonntagsreden.

"Daher sieht das Österreich, das der St. Pöltner Bischof Krenn zur Prozession wider die Moderne führt, dem Österreich zum Verwechseln ähnlich, das Elfriede Jelinek über den Kamm ihrer Verachtung schert", kommentierte Karl-Markus Gauß diese Korrespondenz 1998 in seinem Buch "Ins unentdeckte Österreich". Nun hat sich das Gewicht öffentlicher Bedeutung zwischen dem emeritierten Obskuranten und der Nobelpreisträgerin verschoben, aber Jelineks Österreich- und Weltbild kritisch zu befragen, muss bei allem Respekt vor ihrer literarischen Leistung (siehe die Würdigung auf Seite 14) erlaubt sein.

Auch der Unmut darüber, dass nicht Ilse Aichinger oder Friederike Mayröcker diese weltweit prestigeträchtigste literarische Weihe erhalten haben, reiht einen nicht in das Lager der Jelinek-Hasser ein. Doch man darf daran erinnern, dass der Nobelpreis auch schon mehrmals stille und zu wenig bekannte Autoren wie Seamus Heaney oder Wislawa Szymborska auf die literarische Weltbühne gehoben hat. Elias Canetti und Elfriede Jelinek als die beiden einzigen Nobelpreisträger der österreichischen Literatur: hier (wie auch anderswo) ist der Preis kein verlässlicher Gradmesser bleibender literarischer Bedeutung.

Die Vergabe des Literaturnobelpreises war oft eine politische Entscheidung (damit soll nicht das literarische Meuchelmordargument abgeschossen werden, Jelinek sei wegen ihrer politischen Position gewählt worden), und viele der Preisträger waren moralische Autoritäten, darunter die KZ-Überlebenden Jorge Semprún oder Imre Kertész. Besonders erinnert sei an Albert Camus, der gegen totalitäre Unterdrückung auch dort protestierte, wo es gegen sein eigenes politisches Lager ging - er rechnete sich zur Linken, "ihr und mir zum Trotz". Neben Camus sind auch andere ehemalige Mitglieder kommunistischer Parteien Literaturnobelpreisträger geworden. Elfriede Jelinek ist nicht durch ihre KP-Mitgliedschaft diskreditiert, die ihr besonders jene gerne unter die Nase reiben, die selbst keine Berührungsängste mit Nazi-Gedankengut haben, sondern dadurch, dass sie diese nicht genützt hat, um ihr Wort gegen die inhumanen Arbeitsbedingungen und Schikanen zu erheben, denen ihre schreibenden Kolleginnen und Kollegen in den kommunistischen Ländern ausgesetzt waren, während sie in Österreich 1974 bis 1991 ruhig Kommunistin sein konnte. Und dass sie über dieses Verhalten nie öffentlich nachgedacht hat. Gibt es Verdrängung der Geschichte und skandalöses Vergessen wirklich nur bei der politischen Rechten?

Während man diese Frage stellt, werden auf der Bühne der Öffentlichkeit groteske Rituale in Szene gesetzt: Viele von denen, die Jelinek schon immer ablehnten, ignorierten oder schlichtweg nicht kannten, sind gleich nach der Bekanntgabe des Preises angetreten, sie zu umarmen und zu vereinnahmen: für Österreich oder für die Steiermark, für die österreichische Literatur insgesamt oder gar für die Steuerzahler, die in Österreich Literatur fördern - und natürlich für die Frauen; um sie nicht noch aufzuwerten, seien die Urheber der unsäglichen Wortspenden hier verschwiegen.

Ist es gänzlich vermessen zu hoffen, dass die Literaturnobelpreisträgerin Erfriede Jelinek in Österreich endlich einen Lernprozess befördern könnte: Auch wenn sie sich als Staatsbürgerin und als Person der Öffentlichkeit politisch engagiert, sind ihre Prosa und ihre Stücke keine politischen Manifeste. Und wer ihre Position und ihre Person nicht mit der moralischen Autorität einer Nobelpreisträgerin ausgestattet wissen will, bestreitet deswegen keinesfalls die Qualität ihrer Literatur.

cornelius.hell@furche.at

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