Nobadi_thimfilm.jpg - © Thimfilm
Film

Filmische Tortur

1945 1960 1980 2000 2020

„Nobadi“: Karl Markovics neuer Film ist ein klaustrophobisches Kammerspiel über einen 93-jährigen Misanthropen und dessen ultimative Hilfe für einen afghanischen Flüchtling.

1945 1960 1980 2000 2020

„Nobadi“: Karl Markovics neuer Film ist ein klaustrophobisches Kammerspiel über einen 93-jährigen Misanthropen und dessen ultimative Hilfe für einen afghanischen Flüchtling.

„So sind wir nicht“: Auch wenn Ibiza und sein Video nun schon zwei Wahlgänge zurückliegen, klingen einem die Worte Alexander Van der Bellens, bekanntlich kein Proponent der rechten Reichshälfte, noch erleichterungsseufzerisch im Ohr. Doch es gibt ein Narrativ, das man mitunter doch leichtfertig über alle möglichen künstlerischen Zugänge zur Lage drüberstülpen kann und das mit „So sind wir doch“ zu überschreiben wäre.

Karl Markovics bedient sich letzteren Narrativs vom alten Nazi in seinem neuen Film „Nobadi“. Nun soll nicht bestritten werden, dass der braune Bodensatz im Land ein Thema ist, und dass – siehe die allerjüngste Vergangenheit – hier immer noch die Alarmglocken läuten müssen.

Aber dass der misanthrope Herr Österreicher des Films, der sein Mütchen unter anderem an Flüchtlingen im Land kühlen will, auch gleich ein NS-Täter war, geht sich altersmäßig eigentlich nicht mehr aus. Und so muss Markovics’ Protagonist Heinrich Senft auch schon 93 Jahre alt sein, damit er die Vorgaben des Plots erfüllen kann, nämlich irgendwie in die Todesmaschinerie vor 1945 verstrickt zu sein und sich gleichzeitig mit einem Flüchtling nach dem Jahr 2015 herumschlagen zu können.

Fiktion funktioniert auch nur, wenn sie sich nicht gänzlich von den Fakten befreit – außer, sie geht das Ganze à la Quentin Tarantino mit blutrünstig alternativer, satirisch überhöhter Geschichtsumschreibung an. Aber von Satire ist bei „Nobadi“ keine Rede, es handelt sich vielmehr um eine auf Spielfilmlänge ausgewalzte Beklemmung, die äußerst mitnehmend ist und zugleich ob der tiefernsten Übertreibung dann doch Gesellschaftskritik abprallen lässt.

Kreuzstich mit 93

Wer vermag zu glauben, dass der alte Schrebergärtner Senft mit seinen 93 Lenzen eine Spinalanästhesie („Kreuzstich“) auszuführen imstande ist, die er überdies vor mehr als 70 Jahren in seiner Sanitäterzeit bei der Wehrmacht erlernt haben soll? Um solche Ungereimtheiten kümmert sich Drehbuchautor und Regisseur Markovics nicht. Er will eine Parabel des Unglücks zweier ungleicher Zeitgenossen erzählen – des alten, mit sich und der Welt im Unreinen lebenden Senft, und von Adib, der aus Afghanistan geflohen ist und sich auf der Flucht eine entzündete Wunde zugezogen hat.

„So sind wir nicht“: Auch wenn Ibiza und sein Video nun schon zwei Wahlgänge zurückliegen, klingen einem die Worte Alexander Van der Bellens, bekanntlich kein Proponent der rechten Reichshälfte, noch erleichterungsseufzerisch im Ohr. Doch es gibt ein Narrativ, das man mitunter doch leichtfertig über alle möglichen künstlerischen Zugänge zur Lage drüberstülpen kann und das mit „So sind wir doch“ zu überschreiben wäre.

Karl Markovics bedient sich letzteren Narrativs vom alten Nazi in seinem neuen Film „Nobadi“. Nun soll nicht bestritten werden, dass der braune Bodensatz im Land ein Thema ist, und dass – siehe die allerjüngste Vergangenheit – hier immer noch die Alarmglocken läuten müssen.

Aber dass der misanthrope Herr Österreicher des Films, der sein Mütchen unter anderem an Flüchtlingen im Land kühlen will, auch gleich ein NS-Täter war, geht sich altersmäßig eigentlich nicht mehr aus. Und so muss Markovics’ Protagonist Heinrich Senft auch schon 93 Jahre alt sein, damit er die Vorgaben des Plots erfüllen kann, nämlich irgendwie in die Todesmaschinerie vor 1945 verstrickt zu sein und sich gleichzeitig mit einem Flüchtling nach dem Jahr 2015 herumschlagen zu können.

Fiktion funktioniert auch nur, wenn sie sich nicht gänzlich von den Fakten befreit – außer, sie geht das Ganze à la Quentin Tarantino mit blutrünstig alternativer, satirisch überhöhter Geschichtsumschreibung an. Aber von Satire ist bei „Nobadi“ keine Rede, es handelt sich vielmehr um eine auf Spielfilmlänge ausgewalzte Beklemmung, die äußerst mitnehmend ist und zugleich ob der tiefernsten Übertreibung dann doch Gesellschaftskritik abprallen lässt.

Kreuzstich mit 93

Wer vermag zu glauben, dass der alte Schrebergärtner Senft mit seinen 93 Lenzen eine Spinalanästhesie („Kreuzstich“) auszuführen imstande ist, die er überdies vor mehr als 70 Jahren in seiner Sanitäterzeit bei der Wehrmacht erlernt haben soll? Um solche Ungereimtheiten kümmert sich Drehbuchautor und Regisseur Markovics nicht. Er will eine Parabel des Unglücks zweier ungleicher Zeitgenossen erzählen – des alten, mit sich und der Welt im Unreinen lebenden Senft, und von Adib, der aus Afghanistan geflohen ist und sich auf der Flucht eine entzündete Wunde zugezogen hat.

Aber von Satire ist bei ‚Nobadi‘ keine Rede, es handelt sich vielmehr um eine auf Spielfilm­länge ausgewalzte Beklemmung.

Senft beschäftigt Adib um einen Hungerlohn, auf dass dieser den Hund des Alten in seinem Schrebergarten beerdigen hilft. Die Verletzung des Jungen verlangt nach empathischem Engagement des Alten, das sich dieser wohl selber nicht zugetraut hatte. Das heißt aber noch lange nicht, dass Markovics Gnade mit seinen Protagonisten oder seinen Zuschauern hätte.

Und dass auf dem Tor der Anlage auf der Wiener Schmelz das Wort „Zukunft“ prangt wie auf den Lagern des NS-Grauens der Slogan „Arbeit macht frei“, ist eine der ikonografischen Platitüden des Films. Ein Plot, der auch mit der Holzhammermethode arbeitet. Selbstredend, dass die Gewaltverstrickungen des Alten auch in seiner „Letzten Hilfe“ für den Flüchtling kein Ende kennen.

Nicht nur das Schrebergartenhäuschen, in dem sich das Kammerspiel zum Großteil abspielt, symbolisiert die klaustrophobische Enge, in der hier alle gefangen sind. Auch die Seelen sind eingeklemmt, scheinbar unentrinnbar verkrüppelt. Was „Nobadi“ – der Spitzname des Flüchtlings stellt eine Verballhornung des englischen „Niemand“ dar – auszeichnet, ist die inszenatorische Strenge, mit der der Film dieses moderne Gruselmärchen erzählt. Dazu kommt das Schauspiel der beiden Protagonisten: Heinz Trixner wächst darstellerisch in der Rolle des Heinrich Senft über sich hinaus. Und Borhanulddin Hassan Zadeh, der 2012 als afghanischer Flüchtling ins Land gekommen ist, glänzt in seinem ersten Spielfilmauftritt.

Als Adib in der Schlüsselszene des Films auf Afghanisch seine Familiengeschichte rezitiert, schnürt es im Zuschauerraum wohl viele Kehlen zusammen. Ob das aber reicht, um den Besuch dieser filmischen Tortur zu empfehlen, steht auf einem anderen Blatt.

NobadiPoster.jpg - © Thimfilm
© Thimfilm
Film

Nobadi

A 2019.

Regie: Karl Markovics.

Mit Heinz Trixner, Borhanulddin Hassan Zadeh, Maria Fliri.

Thimfilm. 89 Min