To the Night - Caleb Landry Jones spielt in Peter Brunners experimentellem Drama „To the Night“ den traumatisierten Künstler Norman. - © Stadtkino
Film

Radikale Antithese

1945 1960 1980 2000 2020
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Obwohl er bislang im zweiten Glied besetzt wurde, ist der 29-jährige US-Schauspieler Caleb Landy Jones kein Unbekannter. Er hatte seinen Anteil an „Get Out“, Jordan Peeles rassismuskritischem Horrorstreich, trug hinter Frances McDormand und Woody Harrelson zum Oscar-prämierten „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ bei, war in Sean Bakers „Florida Project“ zu sehen und in David Lynchs Fortsetzung von „Twin Peaks“. Auch in Jim Jarmuschs „The Dead Donʼt Die“ (vgl. Kritik oben), der ebenfalls diese Woche startet, spielt er eine Nebenrolle: den etwas intensiven Tankwart/Comicverkäufer, der qua Berufsbild am meisten Ahnung hat, was auf sein Städtchen anrollt.

Anderswo wird er allerdings zum Dreh- und Angelpunkt eines filmischen Kraftakts: Für das experimentelle Drama „To the Night“ schlüpft er in die Rolle des seelisch schwer gebeutelten Künstlers Norman. Aus der Vernissage, wo seine Skulpturen gut angenommen werden, zieht es ihn bald, und es zieht ihn auch aus seinem Heim, weg von seiner Lebensgefährtin und ihrem kleinen Sohn. Er fühlt, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen, sogar eine Gefahr für sie alle ist. Als Kind überlebte er als einziger aus seiner Familie den Brand des elterlichen Hauses. Dieser posttraumatische Stress packt ihn noch stärker, als er seinen fast blinden Freund Andi aus einer brennenden Wohnung rettet.

Norman sieht für sich nur einen Weg: ins Extrem, zurück zum Haus, in die Flammen. Jones vollführt in dieser Rolle einen Ausnahme-Grenzgang, körperlich, brüchig, ringend mit den Dämonen. Dabei mag einem Gus Van Sants „Last Days“ wieder einfallen, wo Michael Pitt mit ähnlichem Totaleinsatz das Ende von Kurt Cobain nachzeichnete.
Formal riskiert der österreichische Regisseur Peter Brunner mit seiner Arbeit aber noch mehr: Wie Normans Psyche formt auch er seine Erzählung aus Splittern, aus sehr intim gefilmten Momenten und emotionalen Zuständen. „To the Night“ ist forderndes, gnadenloses Kino, das sich an die Kippe zur bildenden Kunst begibt. Maßgeblich dafür zeichnet auch Klara von Veegh, Brunners langjährige Kollaboratorin und mit ihm Begründerin des Produktionskollektivs Cataract Vision. Wenngleich dieser Film letztlich eine „normale“ österreichisch-amerikanische Koproduktion wurde – und bis zur Realisierung den Gutteil eines Jahrzehnts brauchte – steht er in seinem Innersten für die Unzufriedenheit vieler junger Stimmen, ihre eigenen, radikalen Ansätze des Filmschaffens nicht in den herrschenden Strukturen realisieren zu können.

Wozu hierzulande auch die European Film Conspiracy zählt, unter deren Banner Daniel Hoesl „Soldate Jeanette“ drehte, oder in Deutschland Jakob Lass („Love Steaks“). Das mehrheitstaugliche Kino wird mit ihnen nie mitgehen können. Wenn vom Ewiggleichen die Rede ist, dann sollte es ihm jedoch klar sein, wohin es sich für die
Antithese wenden kann.

Obwohl er bislang im zweiten Glied besetzt wurde, ist der 29-jährige US-Schauspieler Caleb Landy Jones kein Unbekannter. Er hatte seinen Anteil an „Get Out“, Jordan Peeles rassismuskritischem Horrorstreich, trug hinter Frances McDormand und Woody Harrelson zum Oscar-prämierten „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ bei, war in Sean Bakers „Florida Project“ zu sehen und in David Lynchs Fortsetzung von „Twin Peaks“. Auch in Jim Jarmuschs „The Dead Donʼt Die“ (vgl. Kritik oben), der ebenfalls diese Woche startet, spielt er eine Nebenrolle: den etwas intensiven Tankwart/Comicverkäufer, der qua Berufsbild am meisten Ahnung hat, was auf sein Städtchen anrollt.

Anderswo wird er allerdings zum Dreh- und Angelpunkt eines filmischen Kraftakts: Für das experimentelle Drama „To the Night“ schlüpft er in die Rolle des seelisch schwer gebeutelten Künstlers Norman. Aus der Vernissage, wo seine Skulpturen gut angenommen werden, zieht es ihn bald, und es zieht ihn auch aus seinem Heim, weg von seiner Lebensgefährtin und ihrem kleinen Sohn. Er fühlt, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen, sogar eine Gefahr für sie alle ist. Als Kind überlebte er als einziger aus seiner Familie den Brand des elterlichen Hauses. Dieser posttraumatische Stress packt ihn noch stärker, als er seinen fast blinden Freund Andi aus einer brennenden Wohnung rettet.

Norman sieht für sich nur einen Weg: ins Extrem, zurück zum Haus, in die Flammen. Jones vollführt in dieser Rolle einen Ausnahme-Grenzgang, körperlich, brüchig, ringend mit den Dämonen. Dabei mag einem Gus Van Sants „Last Days“ wieder einfallen, wo Michael Pitt mit ähnlichem Totaleinsatz das Ende von Kurt Cobain nachzeichnete.
Formal riskiert der österreichische Regisseur Peter Brunner mit seiner Arbeit aber noch mehr: Wie Normans Psyche formt auch er seine Erzählung aus Splittern, aus sehr intim gefilmten Momenten und emotionalen Zuständen. „To the Night“ ist forderndes, gnadenloses Kino, das sich an die Kippe zur bildenden Kunst begibt. Maßgeblich dafür zeichnet auch Klara von Veegh, Brunners langjährige Kollaboratorin und mit ihm Begründerin des Produktionskollektivs Cataract Vision. Wenngleich dieser Film letztlich eine „normale“ österreichisch-amerikanische Koproduktion wurde – und bis zur Realisierung den Gutteil eines Jahrzehnts brauchte – steht er in seinem Innersten für die Unzufriedenheit vieler junger Stimmen, ihre eigenen, radikalen Ansätze des Filmschaffens nicht in den herrschenden Strukturen realisieren zu können.

Wozu hierzulande auch die European Film Conspiracy zählt, unter deren Banner Daniel Hoesl „Soldate Jeanette“ drehte, oder in Deutschland Jakob Lass („Love Steaks“). Das mehrheitstaugliche Kino wird mit ihnen nie mitgehen können. Wenn vom Ewiggleichen die Rede ist, dann sollte es ihm jedoch klar sein, wohin es sich für die
Antithese wenden kann.

Film

To the Night

A/USA 2018.

Regie: Peter Brunner.

Mit Caleb Landry Jones, Eleonore Hendricks.

Stadtkino. 102 Min.