Scheidung unter Muslimen

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Scheidung und der Respekt für Frauen unter Muslimen.

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Scheidung und der Respekt für Frauen unter Muslimen.

Sozialarbeiter(innen) beobachten seit geraumer Zeit steigende Scheidungsraten innerhalb der muslimischen Bevölkerung in Österreich und Deutschland. Scheidung ist im Islam zwar erlaubt, aber der Prophet Mohammed sagte dazu: „Scheidung ist für Gott das übelste Erlaubte.“ Neben diesem religiösen Hintergrund ist auch ein sozialer Aspekt zentral. Oft wird die Scheidung den Frauen angelastet.

Bei einer Weiterbildung von muslimischen Sozialarbeiterinnen berichteten diese von vielen Fällen, vor allem unter den aus Syrien eingewanderten Flüchtlingen, in denen es meist die muslimischen Frauen sind, die die Scheidung einreichen, weil sie in Österreich und Deutschland vor allem in den Deutschkursen eine andere Wertvorstellung bezüglich der Stellung der Frau in der Gesellschaft kennenlernen. Sie fühlen sich als selbstbestimmte Subjekte gewürdigt und beginnen, selbstbewusster vor ihren Männern aufzutreten. Dies irritiert die Männer, die schnell von der Rebellion der Frauen sprechen, und nicht selten werden solche Deutschkurse als eine Art geistige Kolonialisierung durch den Westen kommuniziert.

Eine der Sozialarbeiterinnen merkte an, sie mache in der Beratung immer wieder die Erfahrung, dass auch muslimische Frauen, die mit muslimischen Männern verheiratet sind, die hier in Europa sozialisiert sind, sich mehr Räume der Entfaltung und Anerkennung in den Familien und weniger Kontrolle durch die Männer wünschen. Die Sozialarbeiterinnen diskutierten die spannende Beobachtung von Frauen, dass ihre Ex-Männer, wenn sie nichtmuslimische deutsche Frauen heiraten, plötzlich als moderne Männer voller Respekt gegenüber ihren Frauen auftreten. Eine der Teilnehmerinnen fragte: „Liegt es womöglich daran, dass muslimische Frauen lernen sollten, Männern gegenüber stärker und selbstbewusster zu handeln und ihre Rechte einfordern sollten?“

Der Autor leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Münster.

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