Klartext

100 Jahre Betriebsräte

1945 1960 1980 2000 2020
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Obwohl ermüdet von den Feiern zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik, ist es wichtig, der Weichenstellungen in deren erstem Jahr zu gedenken, weil sie zentral für das Verstehen unserer heutigen Gesellschaft sind. Innerstaatlich standen neben den Problemen der Nahrungsversorgung und Wohnraumschaffung grundlegende Entscheidungen in der Ausgestaltung des Gemeinwesens an: Diese Phase der jungen Republik wird meist als Geschichte des sozialen Fortschritts – und dabei als Kampf des „roten Wien“ gegen die „rückständigen Länder“ – gezeichnet; andere Politikfelder werden wenig beleuchtet.

Obwohl ermüdet von den Feiern zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik, ist es wichtig, der Weichenstellungen in deren erstem Jahr zu gedenken, weil sie zentral für das Verstehen unserer heutigen Gesellschaft sind. Innerstaatlich standen neben den Problemen der Nahrungsversorgung und Wohnraumschaffung grundlegende Entscheidungen in der Ausgestaltung des Gemeinwesens an: Diese Phase der jungen Republik wird meist als Geschichte des sozialen Fortschritts – und dabei als Kampf des „roten Wien“ gegen die „rückständigen Länder“ – gezeichnet; andere Politikfelder werden wenig beleuchtet.

Geradezu dramatische Unterschiede in Menschenbild und Gesellschaftsverständnis zeigten sich in der Schulpolitik, wo die Sozialdemokratie den Wunsch der Erziehung des „neuen Menschen“ verfolgte, und in der Wirtschaftspolitik, wo Otto Bauer eine „energische Vermögensbesteuerung“ und die „Sozialisierung“ weiter Teile der Wirtschaft anstrebte: Die Leitung von Unternehmen sollten paritätisch Vertreter lokaler Gebietskörperschaften als Eigentümervertreter, Arbeiter und Konsumenten übernehmen.

Das Betriebsrätegesetz vom 15. Mai 1919 wurde als erster Schritt zu dieser Sozialisierung gesehen. Bereits innerhalb des ersten Jahres erwiesen sich diese Vorstellungen jedoch als nicht mehrheitsfähig und wurde von der Idee Abstand genommen. Die Betriebsräte jedoch blieben als Instrument der Mitwirkung der Arbeitnehmer an betrieblichen Entscheidungen und sind heute zentral in der Sozialen Marktwirtschaft. Extremvorstellungen, nach denen Betriebsräte als Vorstufe von Arbeiterräten in sozialisierten Betrieben gedacht waren, hatte die österreichische Gesellschaft eine Absage erteilt; Arbeitnehmermitwirkung als Schnittmenge von Sozialdemokratie und christlich-sozialem Gedankengut konnte sich hingegen nachhaltig entwickeln.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung