Rotes Scherben-Klauben

Rückblickend bleibt von der kurzen Zeit Christian Kerns als SPÖ-Politiker kaum Positives übrig. Sein rhetorisches Talent war ebenso unbestritten wie seine relative Versiertheit in wirtschaftspolitischen Fragen. Doch strategisch hat es der Kurzzeit-Kanzler erstaunlich schwer vergeigt. Seine Wankelmütigkeit trug dazu ebenso bei wie seine fehlende Fähigkeit, einen Umgang mit Intrigen und Kritik von innerhalb wie außerhalb der Partei zu finden. Den von Kern hinterlassenen Scherbenhaufen aufzukehren, wird eine, gelinde gesagt, herausfordernde Aufgabe. Wie gut die Chancen der neuen Parteichefin auf ihre Bewältigung stehen, bleibt umstritten.

Pamela Rendi-Wagner ist in vielerlei Hinsicht die Fortsetzung der Kern-Linie. Auch sie verkörpert das urbanlinksliberale, das "Bobo"-Spektrum der SPÖ. Der Vorteil: Diese Fraktion hat Breitenwirksamkeit, denn mit ihrer Ausrichtung kann sie auch bei Grünen-,Pilz-,NEOS-und liberalen ÖVP-Wählern wildern - also in weiten Teilen der "bürgerlichen Mitte". Der Nachteil: Die mächtige Wiener "Außenbezirkler"-Fraktion um Michael Ludwig oder die "starken roten Männer" im Burgenland hat sie schon a priori zum Gegner. Die alte Steigerungsformel "Feind -Erzfeind - Parteifreund" ist heute SPÖ-Alltag. Rendi-Wagner ist in ihrer Partei noch schlechter verankert als ihr Vorgänger, umso mehr wird sie einen besseren Umgang mit Angriffen und Intrigen finden müssen.

Finden einer neuen Erzählung

Die zweite große Gefahr für die designierte SP-Vorsitzende liegt außerhalb der Parteigrenzen: Rendi-Wagner genießt noch den frischen Nimbus der politischen Quereinsteigerin. Sie wäre allerdings nicht die Erste, würde sie von parteiinternen Fehden und den Mühen täglicher Oppositionsarbeit schnell aufgerieben. Damit verknüpft ist die Frage nach ihrer Eignung als Oppositionsführerin. Denn das "Eindreschen mit dem Bihänder" liegt der neuen SP-Chefin ebenso wenig wie dem alten. Berechtigt ist allerdings die Frage, ob diese Eigenschaft für eine Oppositionspolitikerin tatsächlich zwingend ist. Ein klares Anforderungsprofil für diesen Job existiert nicht. Und auch ein sachlich-kompetenter Stil und differenziertes Argumentieren (beides klare Stärken Rendi-Wagners) könnten potenzielle Wähler überzeugen.

Dafür wäre freilich auch das Finden einer neuen sozialdemokratischen Erzählung nötig. Rendi-Wagner wird die SPÖ als weltoffene, bürgerlichlinksliberale Kraft positionieren. Eine klare Linie, die naturgemäß sowohl neue Wähler anziehen als auch alte verschrecken wird -und ein notwendiger Schritt für eine deutlichere Profilierung der Partei. Folgen müssten Strukturreformen und eine breite Debatte über sozialdemokratische Kernpositionen im 21. Jahrhundert, die in wenigen klar kommunizierten Anliegen resultiert. Um diese ohne ängstliches Schielen auf Meinungsumfragen zu vertreten, braucht es aber auch parteiinterne Disziplin und Geschlossenheit nach außen. Gibt der scharfe rote Gegenwind für Rendi-Wagner also einen Vorgeschmack auf die kommenden Monate, ist die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Erneuerungsprozess ziemlich gering.

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