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Goethe, Luther - und Angela Merkel

Zu Gast bei Goethe und Luther" wollten wir sein - und es waren dann weit mehr Begegnungen als mit diesen beiden: Wieder einmal war ich auf FURCHE-Leserreise - zusammen mit den ersten 32 Interessierten, die sich angemeldet hatten; unterwegs in der Kulturlandschaft um Leipzig und Dresden, um Wittenberg und Meißen, Jena und Weimar, Erfurt, der Wartburg und in Kathedralen und Kirchen, großen Reformations-Ausstellungen und weit mehr Geburts- und Sterbehäusern großer Deutscher als je gedacht.

Es war eine Lektion für Menschen meiner Generation, die den Boden der einstigen DDR eher als Nebenschauplatz deutscher Geschichte gesehen hatten - aus emotioneller Distanz zum einstigen Regime.

Eine Lektion auch, wie sehr die KP-Herrschaft bis zum Mauerfall 1989 ihr Volk und deren Lebensumstände bedrängt hatte -und wie schwierig die "Heimkehr" in die Normalität war und ist. Grandioses ist beim geistig-materiellen Wiederaufbau schon gelungen, doch die Zeichen früherer Dunkelheit sind noch zu sehen: an der Peripherie der Städte und der Gesellschaft. Sie geben den rechten und linken Rändern auch im laufenden deutschen Wahlkampf noch mehr Chancen als anderswo. Hier muss Angela Merkel, die Pastorentochter aus dem Osten, bei Auftritten immer damit rechnen, angepöbelt und ausgepfiffen zu werden.

Und doch: Gemeinsam hat unsere Reisegruppe vor dem Fernsehschirm auch ihr "Duell" mit Herausforderer Martin Schulz verfolgt - und staunend bemerkt, dass die innerdeutschen Brüche und ihr Heilungsprozess kein Thema mehr sind. Mit den herandrängenden Muslimen ist Deutschland in eine ganz andere Bewährungsprobe geraten.

Selfies statt Andacht

Großartig, wie intensiv -trotz beispielloser Kommerzialisierung -Martin Luthers Heimat im heurigen Gedenkjahr mit dem Vermächtnis des großen Beters und Kirchenrebellen umgeht. "Er war die Folie, auf der sich Ängste und Ideale des Volks als Wunsch-und Zerrbild über fünf Jahrhunderte spiegelten", heißt es auf der Wartburg.

Und die andrängenden Menschenmassen zeigen, dass er, trotz manch berechtigter Kritik (Antijudaismus, Türkenhass, Bauern-Feindschaft...), noch immer das Potential besitzt, um als Publikumsmagnet inszeniert zu werden. Letztendlich bleibt das authentischste Lutherbild das eines gelehrten Mönchs, der vor 500 Jahren ein aus seiner Sicht dringliches theologisches Problem zur Diskussion gestellt hat - und der damit Entwicklungen auslöste, die die christliche Welt verändert haben.

Was mich unterwegs in Kirchen und Kathedralen im "Luther-Land" aber berührt hat: Dass wir auch dort, wo einst so intensiv um den rechten Glauben gerungen wurde, von Menschen umdrängt waren, die jeden Winkel -und sich selbst - fotografiert haben, kaum aber von andächtigen Christen.

Freilich: Diese Erfahrung verbindet heute alle christlichen Konfessionen Europas miteinander.

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