Nußbaumers Welt

Wir sind das Volk ...

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Natürlich hat das auch mit dem Altern zu tun: Die Faszination für Jubiläen und Jahrestage aller Art. Dahinter verbirgt sich meist auch Stolz auf persönliche Erinnerungen – Schönes wie Tragisches. Als ein kleiner, wertvoller Bonus gegenüber allen Vorzügen der Jugend.

Das laufende Jahr 2019 ist randvoll mit Erinnerungen: an den Beginn des Zweiten Weltkriegs (1939); an die Mondlandung (1969), das Ende der Ost-West-Teilung (1989) und die Geburt des Euro (1999); an Wahlen, Revolutionen und Friedenskonferenzen – und an jede Menge prominenter Geburts- und Todestage. „History“-Sendungen boomen und präsentieren Zeitgeschichte als ein spannendes Kontinuum – trotz aller Mäander und Gegenläufigkeiten.
Nur ein Beispiel: Es war am 4. September 1989, also vor genau 30 Jahren, als sich Ostdeutsche zunächst in Leipzig, dann auch anderswo mit dem Ruf: „Wir sind das Volk!“ mutig gegen die KP-Führung erhoben. Unter dem Druck dieser „Montags-Demonstrationen“ zerbrach das DDR-Regime – und auch der Sowjet-Kommunismus verlor bald seine Unzerstörbarkeit. Mauern stürzten – und die Zweiteilung der Welt war vorbei.

Natürlich hat das auch mit dem Altern zu tun: Die Faszination für Jubiläen und Jahrestage aller Art. Dahinter verbirgt sich meist auch Stolz auf persönliche Erinnerungen – Schönes wie Tragisches. Als ein kleiner, wertvoller Bonus gegenüber allen Vorzügen der Jugend.

Das laufende Jahr 2019 ist randvoll mit Erinnerungen: an den Beginn des Zweiten Weltkriegs (1939); an die Mondlandung (1969), das Ende der Ost-West-Teilung (1989) und die Geburt des Euro (1999); an Wahlen, Revolutionen und Friedenskonferenzen – und an jede Menge prominenter Geburts- und Todestage. „History“-Sendungen boomen und präsentieren Zeitgeschichte als ein spannendes Kontinuum – trotz aller Mäander und Gegenläufigkeiten.
Nur ein Beispiel: Es war am 4. September 1989, also vor genau 30 Jahren, als sich Ostdeutsche zunächst in Leipzig, dann auch anderswo mit dem Ruf: „Wir sind das Volk!“ mutig gegen die KP-Führung erhoben. Unter dem Druck dieser „Montags-Demonstrationen“ zerbrach das DDR-Regime – und auch der Sowjet-Kommunismus verlor bald seine Unzerstörbarkeit. Mauern stürzten – und die Zweiteilung der Welt war vorbei.

Was ist da in 30 Jahren passiert? Was hat die Menschen so sehr gedemütigt – und die Fenster nach rechts weit aufgestoßen? Fragen, die weit über Deutschland hinausgehen.

Und eben jetzt, 30 Jahre später, war er plötzlich wieder da: dieser alte, legendäre Freiheitsruf „Wir sind das Volk“. Vieltausendfach klotzte er in Sachsen und Brandenburg von Plakaten und schallte von Wahl-Tribünen. Nur – er war in ganz neue politische Hände geraten: Die Rechtsaußen-„Alternative für Deutschland“ (AfD“) verpackte mit diesen vier Worten geschickt den Frust der Menschen in den „neuen Bundesländern“: Über unerfüllt gebliebene Versprechen der Kohl- und Merkel-Regierungen. Über ihr „Bürgertum 2. Klasse“ gegenüber den „Wessis“. Über ihre Industrie-Ruinen, ihre Arbeitslosen und die Abwanderung. Über eine „Politik offener Grenzen“ für Einwanderer und eine angeblich verhätschelte Migration. Und so weiter.

Tiefer getrennt als je zuvor

Seit Sonntag wissen wir vom erschreckenden Rechtsruck als Folge solch vielfacher Enttäuschungen und Demütigungen. Das große Deutschland sei, so heißt es, heute tiefer getrennt als je zuvor seit 1989. Politisch, geistig und emotionell.
Ich denke an unsere FURCHE-Leserreise vor zwei Jahren nach Weimar, Jena und zur Wartburg. Auch nach Leipzig, Dresden, Wittenberg. Zu Goethe, Schiller, Bach und Luther… An unsere Begeisterung über dieses so lange getrennte, auch verdrängte Kleinod gemeinsamer deutscher, österreichischer, europäischer Geistes- und Kulturgeschichte!
Umso brisanter die aktuellen Fragen: Was ist da in 30 Jahren unbemerkt passiert? Was genau hat die Menschen dort so sehr enttäuscht, gedemütigt – und am Ende die Fenster nach rechts weit aufgestoßen? Was macht „unsere“ demokratische Spielform für Hinzugekommene so unattraktiv und fragwürdig? Und wer trägt Mitschuld, dass „nicht zusammengewachsen ist, was doch zusammengehört“? Fragen, die weit über Deutschland hinausgehen.