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Sehnsucht nach Übernatürlichem

1945 1960 1980 2000 2020

Am 2. Mai wird Pater Pio in Rom seliggesprochen. Während durch Italien eine Begeisterungswelle schwappt, sind in Österreich die Meinungen über den Kapuzinermönch geteilt.

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Am 2. Mai wird Pater Pio in Rom seliggesprochen. Während durch Italien eine Begeisterungswelle schwappt, sind in Österreich die Meinungen über den Kapuzinermönch geteilt.

Kein Papst hat so viele Menschen selig- und heiliggesprochen wie Johannes Paul II. Doch die Seligsprechung von Pater Pio am 2. Mai 1999 hat in Italien den Charakter eines Jahrhundertereignisses angenommen. Seit Monaten ist der Mönch im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Neben jubelnden Stimmen in der Bevölkerung ist aber auch die Sorge der römischen Stadtverwaltung zu hören, die den Ansturm von über einer halben Million Pilger "fürchtet".

Pater Pio (1887 - 1968) aus dem apulischen Pietrelcina, war eine umstrittene Figur. Aufsehen erregten die Wundmale an den Händen und Füßen sowie an der Seite, die der Kapuziner seit seinem 31. Lebensjahr trug sowie die zahlreichen Wunder, die ihm zugesagt wurden. Während er in Italien seit Jahrzehnten die Sympathien der breiten Masse genießt, hat sich der Vatikan erst in jüngster Zeit mit dem Mönch aus dem süditalienischen Gargano versöhnt. Jetzt hat die Begeisterung für Pater Pio die gesamte italienische Öffentlichkeit erfaßt.

Italienischer Jubel Zu den zahlreichen Audiokassetten und Heften über Leben und Werk des außerordentlichen Mönches kommt seit kurzem eine neue Dokumentation hinzu: das sogenannte pacchetto beatificazione - übersetzt "Paket Seligsprechung" - Video und Buch im Kombipack. Es wird von den Kapuzinern in einer Auflage von 150.000 Exemplaren produziert und soll das Wirken ihres Mitbruders erläutern. Den Vorwurf, damit kommerzielle Absichten zu verfolgen, lehnt der Orden allerdings entschieden ab. Die Einkünfte, so die Kapuziner, sollen ausschließlich dazu dienen, die Vollendung einer riesigen Kirche in San Giovanni Rotondo, dem Wirkungsort Pater Pios, zu finanzieren.

Der Bau, entworfen vom berühmten Architekten Renzo Piano, ist Pater Pio gewidmet und bietet 30.000 Menschen Platz - gar nicht so viel, wenn man bedenkt, daß San Giovanni Rotondo jährlich von rund 7 Millionen Pilgern aufgesucht wird. Wie auch immer die Initiative "Paket Seligsprechung" eingestuft wird, der Zeitpunkt für die Verbreitung des Pakets hätte nicht besser gewählt werden können. Mit einem "Wahrhaftigkeitssiegel" versehen, wird das Paket in allen Supermärkten, Trafiken, Tankstellen und selbstverständlich in allen Fachbuchhandlungen erhältlich sein.

Um den Hunderttausenden Pilgern, die am Tag der Seligsprechung nach Rom kommen wollen, gerecht zu werden, hat die römische Stadtverwaltung eine Reihe von Sondermaßnahmen getroffen, die ein Verkehrschaos verhindern sollen. Erstens wird der Petersplatz nur jenen 150.000 zugänglich sein, die sich rechtzeitig eine Zutrittskarte gesichert haben. Die Karten sind seit Monaten vergeben.

Zweitens soll die Zeremonie auf einem Riesenbildschirm am Platz vor der Lateranbasilika übertragen werden, wodurch weitere 170.000 Personen an der Seligsprechung teilnehmen können. Gewerkschaftsführer Sergio Cofferati hat versprochen, die gesamte technische Ausstattung zur Verfügung zu stellen, die am Vortag der Seligsprechung, dem 1. Mai, zur Feier des Tages der Arbeit eingesetzt wird. Außerdem sollen in der ewigen Stadt am 3. Mai alle Schulen geschlossen bleiben; sogar das Fußballmatch Roma-Inter wird von Sonntag auf Montag verschoben.

Die Kapuziner geben sich gelassen. "Wir haben nie gedacht, daß aus einem Tag der Freude ein soziales Problem entstehen könnte", äußerte Paolo Maria Covini, Provinzial der Kapuziner von Sant'Angelo und Foggia, in einem Interview und wirft den Medien vor, auf der Suche nach Sensationen ungenaue Informationen über die Zahl der Pilger und deren Unterbringung verbreitet zu haben. Doch die wahre unbekannte Größe bleiben jene Gläubigen, die fernab jeder Organisation auf eigene Faust nach Rom fahren. "Gewiß wird es sie geben", räumt Pater Paolo ein: "Ich hoffe aber, daß es wenige sind." Auch der Vatikan ist bemüht, die Sorgen um den friedlichen Ansturm der Pilger, in Grenzen zu halten. "Rom hat viele Ereignisse gesehen", zitierte eine Tageszeitung Kardinal Camillo Ruini, den Generalvikar von Rom: "Und es wird auch die Seligsprechung von Pater Pio erleben".

Heilig? Neurotisch?

Während in Italien der Jubel um Pater Pio die kritischen Stimmen völlig überdeckt hat, werden in Österreich sehr unterschiedliche Ansichten über die Seligsprechung des Kapuziners vertreten.

Im konservativen Lager wird Pater Pio schon seit Jahren hoch geschätzt. Seine Glaubwürdigkeit steht außer Zweifel. 1998, anläßlich des 30. Todestages von Pater Pio, beschrieb ihn die Zeitschrift "Der 13." als einen "Mann, der deutlich wie kaum ein zweiter zeigte, daß Heiligkeit heute noch möglich ist, der ein personifiziertes Zeichen der weiter andauernden Nähe Gottes zu den Menschen ist, ein strahlendes Leuchtfeuer der Hoffnung in einer scheinbar dunklen, gottfernen Zeit."

Ganz andere Worte findet dagegen Rudolf Schermann, Chefredakteur von "kirche intern" im Gespräch mit der Furche: Er räumt zwar ein, daß Pater Pio über "eine bei normalen Menschen nicht auffindbare Sensibilität" verfügte, zögert aber nicht, ihn als "Neurotiker" zu bezeichnen. Eine Reihe von Wundern seien durch die Volksfrömmigkeit erklärt; dem "mündigen Christen aber genügt die Bibel". "Pater Pio hat sicherlich Positives geleistet, ich würde ihn aber nicht in den Himmel heben", bringt Schermann seine Meinung auf dem Punkt.

Mehr Mystik gefragt Die unterschiedlichen Standpunkte sind auch im Zusammenhang mit den Kriterien zu sehen, nach denen das Wirken eines Menschen wie Pater Pio beurteilt werden kann. Die einen scheinen eher an übernatürlichen Ereignissen interessiert; andere legen mehr Gewicht auf Personen, die sie als Vorbilder in der Menschlichkeit sehen.

"Mir fällt es schwer, die Dinge gegeneinander abzuwägen", meint Bernhard Körner, katholischer Dogmatik-Professor in Graz: "Man wird Pater Pio vorziehen, wenn man übernatürliche Ereignisse vor den Augen hat, wenn es dagegen um ein heroisches Zeichen der Nächstenliebe geht, dann wird man Mutter Teresa nennen, wenn man einen Akzent in Richtung Zivilcourage und Martyrium setzen will, dann wird man Franz Jägerstätter vorziehen: All das hängt von den Maßstäben ab, und da haben die verschiedenen Richtungen in der Kirche ihre Meinungen".

Der Theologe nimmt die Begeisterung der Millionen Anhänger Pater Pios aber sehr ernst: "Manche sagen, es sei Wundersucht - das kann es auch sein - aber man muß sehen, daß die Zeitumstände, in denen wir in der sogenannten Ersten Welt leben, eine Situation geschaffen haben, in der das alltägliche Leben klinisch rein von allem Übernatürlichen abläuft. Da gibt es nichts Wunderbares mehr. Ich glaube, religiös empfindende Menschen haben eine Sehnsucht nach Mystischem, auch nach Unerklärlichem." Die Einschätzung Pater Pios und seiner Seligsprechung hängt so - nach der Beurteilung von Körner - sehr von der Frage ab, welche Rolle Mystisches im Glauben heute spielen soll.

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