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Feuilleton

Königin der Kerzen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Schillers "Maria Stuart" fast ganz klassisch am Burgtheater: trotz einiger Mängel packend.

Wir befinden uns im Jahre 1587. Alle englischen Damen tragen ihr Haar streng nach oben frisiert ... Alle Damen? Nein! Maria Stuart trägt das ihre wie eine (Fernseh-)Schauspielerin des späten 20. Jahrhunderts. Dieser Anachronismus steht in der Aufführung von Friedrich Schillers "Maria Stuart" am Wiener Burgtheater stellvertretend für einige inszenatorische Störungen, die einen durchschlagenden Erfolg vereitelten. Dabei standen die Vorzeichen gut: Nachdem die von vielen als nicht mehr zeitgemäß empfundenen Stücke des als "Moraltrompeters von Säckingen" Apostrophierten in den letzten 15 Jahren entweder arg zertrümmert oder ironisiert wurden, hat Regisseurin Andrea Breth dieses kanonische Drama wieder als Klassiker auf die Bühne gebracht. Will heißen: mit dem gebührenden Ernst, dem originalen Text folgend, in historischen Kostümen, im zeitlos-sachlichen Bühnenbild (Annette Murschetz). Aber eben nicht ganz.

Bei Maria Stuart ist es nicht nur die Frisur, die nicht passt. Die schottische Königin nämlich hat zwar Schillers Sympathien, aber nicht jene Breths. Corinna Kirchhoff bemüht sich um eine möglichst spröde, unsympathische und juristisch sowie moralisch alles andere als unschuldige Darstellung der Prätendentin auf den englischen Thron. Ist es das wächserne Spiel Kirchhoffs, oder die prinzipielle Unmöglichkeit, die Figur der gegen Schillers Strich zu bürsten? - schwer zu entscheiden, warum diese Maria Stuart nie berührt, nicht einmal in der verklärenden Gebetsszene inmitten brennender Kerzen. Sogar ihre Vertraute Hanna (Gertraud Jesserer), eigentlich nur Stichwortgeberin, hat mehr Ausstrahlung. Verzeichnet hat Breth auch die Figur des tollkühnen Stuart-Anhängers Mortimer (Nicholas Ofczarek), der unmotiviert auf der Bühne herumhopst, als wäre er einer Hollywood-Slapstick-Komödie entsprungen. Auch der tänzelnde Auftritt des französischen Gesandten Bellievre (Denis Petkovic) gehorcht der reinen Willkür: Ich habe "Der König tanzt" gesehen und fand den Film ganz toll!

Erstaunlich, dass trotz diesen gravierenden Mängel ein ungemein packender Abend herauskommt, dem man die Dauer von dreieinhalb Stunden ohne Uhr nicht abnehmen würde. Das liegt wohl zum einen an der überragenden Elisabeth Orth, der es im Gegensatz zu Kirchhoff ohne Abstriche gelingt, ihre Rolle konträr zu Schiller oder zumindest zur historischen Aufführungspraxis anzulegen: Ihre Elisabeth ist eine Pragmatikerin der Macht, die nichts Böses will und in ihrer naiven Eitelkeit eine gehörige Portion gewinnenden Charme an den Tag legt. Nicht etwaige Bosheit und Kälte, sondern der missglückte Versuch, ihr Gewissen zu entlasten, macht die englische Königin am Ende zur einsamen, von allen verlassenen Herrscherin.

Durchwegs großartig agieren die männlichen Protagonisten der Intrigen bei Hofe: Michael König als zaudernder Leicester, der bis zum Ende den Drahtseilakt vollbringt, auf zwei Hochzeiten zu tanzen; Martin Schwab als anständiger, aber von den anderen als alter Depp behandelter Shrewsbury; Gerd Böckmann als eiskalter Burleigh; oder Roland Koch als ahnungsloser Davison, an dessen Tod sich Elisabeth schließlich schuldig macht. Wären alle Figuren so überzeugend wie diese Herren, wäre dem Burgtheater ein ganz großer Wurf gelungen.

Schillers "Maria Stuart" fast ganz klassisch am Burgtheater: trotz einiger Mängel packend.

Wir befinden uns im Jahre 1587. Alle englischen Damen tragen ihr Haar streng nach oben frisiert ... Alle Damen? Nein! Maria Stuart trägt das ihre wie eine (Fernseh-)Schauspielerin des späten 20. Jahrhunderts. Dieser Anachronismus steht in der Aufführung von Friedrich Schillers "Maria Stuart" am Wiener Burgtheater stellvertretend für einige inszenatorische Störungen, die einen durchschlagenden Erfolg vereitelten. Dabei standen die Vorzeichen gut: Nachdem die von vielen als nicht mehr zeitgemäß empfundenen Stücke des als "Moraltrompeters von Säckingen" Apostrophierten in den letzten 15 Jahren entweder arg zertrümmert oder ironisiert wurden, hat Regisseurin Andrea Breth dieses kanonische Drama wieder als Klassiker auf die Bühne gebracht. Will heißen: mit dem gebührenden Ernst, dem originalen Text folgend, in historischen Kostümen, im zeitlos-sachlichen Bühnenbild (Annette Murschetz). Aber eben nicht ganz.

Bei Maria Stuart ist es nicht nur die Frisur, die nicht passt. Die schottische Königin nämlich hat zwar Schillers Sympathien, aber nicht jene Breths. Corinna Kirchhoff bemüht sich um eine möglichst spröde, unsympathische und juristisch sowie moralisch alles andere als unschuldige Darstellung der Prätendentin auf den englischen Thron. Ist es das wächserne Spiel Kirchhoffs, oder die prinzipielle Unmöglichkeit, die Figur der gegen Schillers Strich zu bürsten? - schwer zu entscheiden, warum diese Maria Stuart nie berührt, nicht einmal in der verklärenden Gebetsszene inmitten brennender Kerzen. Sogar ihre Vertraute Hanna (Gertraud Jesserer), eigentlich nur Stichwortgeberin, hat mehr Ausstrahlung. Verzeichnet hat Breth auch die Figur des tollkühnen Stuart-Anhängers Mortimer (Nicholas Ofczarek), der unmotiviert auf der Bühne herumhopst, als wäre er einer Hollywood-Slapstick-Komödie entsprungen. Auch der tänzelnde Auftritt des französischen Gesandten Bellievre (Denis Petkovic) gehorcht der reinen Willkür: Ich habe "Der König tanzt" gesehen und fand den Film ganz toll!

Erstaunlich, dass trotz diesen gravierenden Mängel ein ungemein packender Abend herauskommt, dem man die Dauer von dreieinhalb Stunden ohne Uhr nicht abnehmen würde. Das liegt wohl zum einen an der überragenden Elisabeth Orth, der es im Gegensatz zu Kirchhoff ohne Abstriche gelingt, ihre Rolle konträr zu Schiller oder zumindest zur historischen Aufführungspraxis anzulegen: Ihre Elisabeth ist eine Pragmatikerin der Macht, die nichts Böses will und in ihrer naiven Eitelkeit eine gehörige Portion gewinnenden Charme an den Tag legt. Nicht etwaige Bosheit und Kälte, sondern der missglückte Versuch, ihr Gewissen zu entlasten, macht die englische Königin am Ende zur einsamen, von allen verlassenen Herrscherin.

Durchwegs großartig agieren die männlichen Protagonisten der Intrigen bei Hofe: Michael König als zaudernder Leicester, der bis zum Ende den Drahtseilakt vollbringt, auf zwei Hochzeiten zu tanzen; Martin Schwab als anständiger, aber von den anderen als alter Depp behandelter Shrewsbury; Gerd Böckmann als eiskalter Burleigh; oder Roland Koch als ahnungsloser Davison, an dessen Tod sich Elisabeth schließlich schuldig macht. Wären alle Figuren so überzeugend wie diese Herren, wäre dem Burgtheater ein ganz großer Wurf gelungen.