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Literatur

Odyssee im Netzzeitalter

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Für ihre literarischen Realitätsbesichtigungen greift Lisa Spalt auf Weggeworfenes ebenso zurück wie auf die Welt der Märchen oder die (Sprach-)Bilder für wirtschaftliches Handeln. Deshalb denkt man beim Titel ihres Buches "Die beiden Henriettas" sofort an Henrietta Lacks, jene Afroamerikanerin, der vor ihrem Tod und ohne ihr Wissen 1951 Zellen entnommen wurden, die, bis heute weitergezüchtet, zur Standardausrüstung jedes Biotech-Labors gehören.

Doch darum geht es ganz und gar nicht, sondern um ein Päckchen vergilbter Fotografien, sie zeigen entfernte Verwandte, die in die USA ausgewandert sind. Nutzte die Literatur derartiges Fundmaterial traditionell dazu, den realen Fotos fiktive Lebensläufe zu imaginieren, wird heute Google aufgerufen, um nach Spuren der verlorenen Lebensgeschichten im virtuellen Raum zu suchen. Dabei kommt vieles auf den Bildschirm; manches "verschimmelt am Gängelband toter Links", anderes verschwindet nach kurzem Auftauchen wieder, schließlich wird das einmal als herrschaftsfreier Pool gedachte Netz vom Prinzip des Algorithmus streng und letztlich autoritär regiert. Auf jeden Fall laden die vielen mitgelieferten Links zum Nachvollzug - oder auch zur Kontrolle - der Recherche-Odyssee ein.

Seitenpfade und Verwechslungen

Denn für die Geschichten und Mythen der europäischen Siedler, die lange Zeit das Westerngenre "verwaltete", fühlen sich heute zahllose Homepages zuständig, betreut von unterschiedlich orientierten Interessengruppen oder Einzelpersonen. Amerikanische Patrioten, Regionalhistoriker, Anwälte der Ureinwohner, Jesuitenmissionare, Verschwörungstheoretiker, Freimaurer - sie alle haben ihre je eigenen Archive und Websites. Viele ihrer Betreiber beantworteten die Anfragen der Autorin geduldig. Das hat viele Kontakte generiert und jede Menge Detailinformationen, freilich nicht unbedingt ein klares Bild der gesuchten Biografien. Widersprüche bleiben unauflösbar, viele Seitenpfade erweisen sich als interessant, aber kaum zweckdienlich. Dazu kommen kulturelle Missverständnisse und gängige Verwechslungen, Austria und Australia natürlich, Linz am Rhein und Linz an der Donau, der Wohnort der Autorin, aber auch das Städtchen Leavenworth im Bundesstaat Washington oder jenes in Kansas.

Das "historische Bild sucht sich den Menschen aus, den es als sein Ebenbild formen kann", heißt es zu Beginn des Buches überraschend verschwurbelt, denn eigentlich zersprengt Lisa Spalt in bewährter Manier Mythen und Verschleierungstechniken, mit denen sich die Zeitgenossen ihre Identitätsprobleme und die fundamentale Überforderung durch die Rasanz der Entwicklungen schönreden bzw. schön (ein-)geredet bekommen. Das beigegebene Bildmaterial setzt neben den Familienfotos weitere Links zu diesen und anderen Problemzonen.

Nervöse Zukunftsträume

Aufgesprengt ist auch die formale Gestalt des Buches. Der "Haupttext" - die versuchte Rekonstruktion von Henriettas Lebensgeschichte -wird auf den linken Seiten immer wieder von Einschüben durchbrochen, deren Fortsetzung man sich oft über einige Seiten zusammensuchen muss. Das wirkt hier nicht wirklich organisch aus der Logik des Buches kommend -möglicherweise war genau das die Intention. Nur, warum? Um das Taumeln von Link zu Link, von Gedankensprung zu Gedankensprung ins Seitenbild zu setzen?

Inhaltlich wie sprachlich ist auf beiden Textebenen Spannendes zu finden, vor allem was die Veränderung unseres Realitätsbezugs betrifft - schließlich kann heute schon ein Besuch in einem analogen Archiv zu einem exotischen Unternehmen geraten. Während die Vorstellungen von Leben und Level tendenziell verschwimmen, ist das Weiterleben der Avatare noch wenig erforscht, dafür hat jeder gelernt, den Spiele-Anweisungen zu folgen. Möglicherweise müsste man mitunter tatsächlich "nur an der Anweisung vorbeigehen, um zu gewinnen".

In einem "nervösen Traum" imaginiert die Autorin eine spezifische Techno-Diktatur. Da Einparteiensysteme langweilig sind und damit der Spielcharakter nicht ganz verloren geht, wird die gesamte Bevölkerung zwei User-Kategorien zugeteilt. Unerbittlich aber fahnden die Behörden nach den "Verbindern", die Apple wie Microsoft nutzen, was gesundheitsschädlich sein soll, in jedem Fall aber als staatsfeindlicher Akt gilt. Vielleicht ist es nicht Lisa Spalts bestes Buch, am Puls der Zeit ist es jedoch allemal.

WERK.GÄNGE: Lisa Spalt im Gespräch mit Brigitte Schwens-Harrant. 15.11.2018,19:00 Uhr Österreichische Gesellschaft für Literatur, 1010 Wien www.ogl.at

Die beiden Henriettas Eine Odyssee Von Lisa Spalt Czernin 2017 144 S., geb., € 18,90

Amerikanische Patrioten, Regionalhistoriker, Anwälte der Ureinwohner, Jesuitenmissionare, Verschwörungstheoretiker -sie alle haben ihre Archive und Websites.

Für ihre literarischen Realitätsbesichtigungen greift Lisa Spalt auf Weggeworfenes ebenso zurück wie auf die Welt der Märchen oder die (Sprach-)Bilder für wirtschaftliches Handeln. Deshalb denkt man beim Titel ihres Buches "Die beiden Henriettas" sofort an Henrietta Lacks, jene Afroamerikanerin, der vor ihrem Tod und ohne ihr Wissen 1951 Zellen entnommen wurden, die, bis heute weitergezüchtet, zur Standardausrüstung jedes Biotech-Labors gehören.

Doch darum geht es ganz und gar nicht, sondern um ein Päckchen vergilbter Fotografien, sie zeigen entfernte Verwandte, die in die USA ausgewandert sind. Nutzte die Literatur derartiges Fundmaterial traditionell dazu, den realen Fotos fiktive Lebensläufe zu imaginieren, wird heute Google aufgerufen, um nach Spuren der verlorenen Lebensgeschichten im virtuellen Raum zu suchen. Dabei kommt vieles auf den Bildschirm; manches "verschimmelt am Gängelband toter Links", anderes verschwindet nach kurzem Auftauchen wieder, schließlich wird das einmal als herrschaftsfreier Pool gedachte Netz vom Prinzip des Algorithmus streng und letztlich autoritär regiert. Auf jeden Fall laden die vielen mitgelieferten Links zum Nachvollzug - oder auch zur Kontrolle - der Recherche-Odyssee ein.

Seitenpfade und Verwechslungen

Denn für die Geschichten und Mythen der europäischen Siedler, die lange Zeit das Westerngenre "verwaltete", fühlen sich heute zahllose Homepages zuständig, betreut von unterschiedlich orientierten Interessengruppen oder Einzelpersonen. Amerikanische Patrioten, Regionalhistoriker, Anwälte der Ureinwohner, Jesuitenmissionare, Verschwörungstheoretiker, Freimaurer - sie alle haben ihre je eigenen Archive und Websites. Viele ihrer Betreiber beantworteten die Anfragen der Autorin geduldig. Das hat viele Kontakte generiert und jede Menge Detailinformationen, freilich nicht unbedingt ein klares Bild der gesuchten Biografien. Widersprüche bleiben unauflösbar, viele Seitenpfade erweisen sich als interessant, aber kaum zweckdienlich. Dazu kommen kulturelle Missverständnisse und gängige Verwechslungen, Austria und Australia natürlich, Linz am Rhein und Linz an der Donau, der Wohnort der Autorin, aber auch das Städtchen Leavenworth im Bundesstaat Washington oder jenes in Kansas.

Das "historische Bild sucht sich den Menschen aus, den es als sein Ebenbild formen kann", heißt es zu Beginn des Buches überraschend verschwurbelt, denn eigentlich zersprengt Lisa Spalt in bewährter Manier Mythen und Verschleierungstechniken, mit denen sich die Zeitgenossen ihre Identitätsprobleme und die fundamentale Überforderung durch die Rasanz der Entwicklungen schönreden bzw. schön (ein-)geredet bekommen. Das beigegebene Bildmaterial setzt neben den Familienfotos weitere Links zu diesen und anderen Problemzonen.

Nervöse Zukunftsträume

Aufgesprengt ist auch die formale Gestalt des Buches. Der "Haupttext" - die versuchte Rekonstruktion von Henriettas Lebensgeschichte -wird auf den linken Seiten immer wieder von Einschüben durchbrochen, deren Fortsetzung man sich oft über einige Seiten zusammensuchen muss. Das wirkt hier nicht wirklich organisch aus der Logik des Buches kommend -möglicherweise war genau das die Intention. Nur, warum? Um das Taumeln von Link zu Link, von Gedankensprung zu Gedankensprung ins Seitenbild zu setzen?

Inhaltlich wie sprachlich ist auf beiden Textebenen Spannendes zu finden, vor allem was die Veränderung unseres Realitätsbezugs betrifft - schließlich kann heute schon ein Besuch in einem analogen Archiv zu einem exotischen Unternehmen geraten. Während die Vorstellungen von Leben und Level tendenziell verschwimmen, ist das Weiterleben der Avatare noch wenig erforscht, dafür hat jeder gelernt, den Spiele-Anweisungen zu folgen. Möglicherweise müsste man mitunter tatsächlich "nur an der Anweisung vorbeigehen, um zu gewinnen".

In einem "nervösen Traum" imaginiert die Autorin eine spezifische Techno-Diktatur. Da Einparteiensysteme langweilig sind und damit der Spielcharakter nicht ganz verloren geht, wird die gesamte Bevölkerung zwei User-Kategorien zugeteilt. Unerbittlich aber fahnden die Behörden nach den "Verbindern", die Apple wie Microsoft nutzen, was gesundheitsschädlich sein soll, in jedem Fall aber als staatsfeindlicher Akt gilt. Vielleicht ist es nicht Lisa Spalts bestes Buch, am Puls der Zeit ist es jedoch allemal.

WERK.GÄNGE: Lisa Spalt im Gespräch mit Brigitte Schwens-Harrant. 15.11.2018,19:00 Uhr Österreichische Gesellschaft für Literatur, 1010 Wien www.ogl.at

Die beiden Henriettas Eine Odyssee Von Lisa Spalt Czernin 2017 144 S., geb., € 18,90

Amerikanische Patrioten, Regionalhistoriker, Anwälte der Ureinwohner, Jesuitenmissionare, Verschwörungstheoretiker -sie alle haben ihre Archive und Websites.