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"Verzeih uns unsere Feigheit und Dummheit!"

Ob wir alles so schreiben können, wie sie es gesagt hat?" fragte ich Anna Politkowskaja, nachdem ich sie im Herbst 2001 für die Furche in Wien, wohin sie aus Sicherheitsgründen geschickt worden war, interviewt hatte. Sie winkte nur lässig mit der Hand, ganz so als ob die Frage nach Angst lächerlich wäre. Dabei war das, was sie sagte, so harmlos nicht - die russische Botschaft in Wien protestierte umgehend in der Furche-Redaktion gegen Passagen des Interviews.

Wenn man Unrecht, das sehr konkret von bestimmten Menschen getan wird, nicht so aufzeigt, dass diese Menschen die Strafe der Justiz oder die öffentliche Ächtung fürchten müssen, hat man seine Pflicht als Medium nicht erfüllt. Das hat sie so nicht gesagt, gearbeitet aber hat sie nach diesem Prinzip. All die Drohungen, die sie erhalten hat, konnten sie nicht stoppen. Erst vier Pistolenkugeln brachten eine der lautesten Kritikerin russischer Missstände zum Schweigen - Anna Politkowskaja starb letzten Samstag 48-jährig im Treppenhaus ihres Moskauer Wohnhauses.

War Putins Aufstieg mit dem zweiten Tschetschenienkrieg verbunden, so Politkowskajas Bekanntheit mit Putins Aufstieg. Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Ex-Spion hat sich zur fundamentalen Ablehnung seiner Politik gesteigert. Mit eigenen Augen hat sie gesehen, was russische Militärs in Tschetschenien anrichteten - aber auch dokumentiert, was tschetschenische Kämpfer an Verbrechen begingen. Zwischen den Kampflinien wurde sie zum journalistischen Anwalt der im Leid erstickenden Bevölkerung. Aber nicht nur mit Worten hat sie agiert: Vor dem Sturm Grosnys 1999 hat sie 89 Bewohner eines Altersheimes nach Russland gerettet, 2002 im Geiseldrama im Moskauer Theater Nord-Ost vermittelt, 2004 wollte sie bei der Geiselnahme in Beslan vermitteln, wurde aber durch eine Vergiftung gehindert.

Schon andere Morde der letzten Zeit deuteten an, dass es um Sicherheit und Stabilität doch nicht so gut bestellt ist, wie dies die Herolde der Putinschen Errungenschaft glauben machen wollen. Anna Politkowskaja hat dieses Klima im Staat angeekelt: Eine straffe Machtvertikale, die nichts von realer Gewaltenteilung, geschweige denn von freien Massenmedien wissen will; eine Justiz, die willfährig ist wie der Großteil der russischen Bevölkerung unterwürfig. Ein Zynismus, dem jeder Veränderungswille lächerlich erscheint. Ein Rassismus, der gegen alles Kaukasische gerichtet und instrumentalisierbar ist wie das Erdgas in der Außenpolitik. Allein die gegenwärtig in Russland exekutierte Menschenjagd auf Georgier als Antwort auf den jüngsten bilateralen Konflikt fördert ein Klima der Angst, in dem Morde wie die gegen Politkowskaja ein schützendes Umfeld finden. Den Nationalisten galt sie als Netzbeschmutzerin. Wer auch immer die Journalistin auf dem Gewissen hat, wird sich durch diesen Hass und durch dieses Klima indirekt bestärkt gefühlt haben.

"Verzeih uns unsere Feigheit und Dummheit", schrieb jemand ins Internet-Kondolenzbuch für Politkowskaja. Präsident Putin hat im Unterschied zu anderen Morden alle "notwendigen Anstrengungen" für eine "objektive" Untersuchung des "tragischen Todes" angekündigt. Wenige sind übrig, die ihm und seinen Behörden dabei in der Konsequenz einer Anna Politkowskaja auf die Finger schauen werden.Eduard Steiner/Moskau

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