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"Unterschiedliche Sichtweisen sind erlernt“

Im Juni startet die Katholische Sozialakademie Österreich (ksoe) den nächsten Lehrgang zum Thema "Geld und Leben. Wirtschaftskompetenz entwickeln“. Interessierte erfahren dort mehr über eine besondere Form der Ökonomie.

Die Furche: Frau Faltin, was macht die Feministische Ökonomie so wichtig, dass sie eigens in Ihrem Wirtschaftskompetenz-Lehrgang behandelt wird?

Ulrike Faltin: Feministische Ökonomie übt Kritik an herrschender ökonomischer Theorie und Wirtschaftspolitik. Sie macht sichtbar, was Frauen leisten und wie Frauen global von neoliberaler Wirtschaftspolitik betroffen sind. Sie entwickelt Theorien, die die Basis zur Entwicklung wirtschaftspolitischer Instrumente und Maßnahmen sind, die "ein gutes Leben für alle“ ermöglichen sollen.

Die Furche: Feministische Ökonomie ist die Benennung und Analyse ungleicher Geschlechterverhältnisse in Gesellschaft und Wirtschaft. Wo wird die Ungleichheit für Sie am evidentesten?

Ulrike Faltin: In der statistisch klar belegten Tatsache, dass Frauen den weitaus größeren Teil der gesellschaftlich notwendigen unbezahlten Arbeit (reproduktive Tätigkeiten, Care-Arbeit) übernehmen und im Alter ungefähr die Hälfte der durchschnittlichen Pension eines Mannes erhalten.

Die Furche: Was ist für Sie der logische nächste Schritt in der Herstellung gerechter Geschlechterverhältnisse?

Ulrike Faltin: Der nächste Schritt im Großen: die Schaffung gesellschaftlicher Strukturen, die es jedem Menschen unabhängig vom Geschlecht ermöglichen, die persönlichen Fähigkeiten und das eigene Wesen zum eigenen Wohl und zum Wohl der Gemeinschaft bestmöglich zu entwickeln. Dazu gehört für mich, dass Männer ebenso wie Frauen die Chance haben, einen wichtigen Teil ihrer Wesenheit in der tätigen Fürsorge für andere Menschen, für ihre Kinder, Eltern, Partner, Freundinnen und Freunde zu erfahren und zu entwickeln. Ob Frauen vermehrt bereit sind, Funktionen in Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft zu übernehmen, hängt auch von der Gestaltung der Arbeitsbedingungen in diesen Bereichen ab. Lässt sich ein Familienleben, ein soziales Leben, ein Privatleben, ein zivilgesellschaftliches Engagement damit verbinden? Diese Frage sollten sich auch Männer vermehrt stellen.

Die Furche: Ist die Frage nach einem integrierenden, zusammenfügenden Denken und Handeln, das auf einem breiten Horizont beruht und viele Einflussfaktoren berücksichtigt, das nicht isolierend und zerlegend ist, eine weibliche?

Ulrike Faltin: Ich gehe von einer grundlegenden Gleichheit der Geschlechter aus und bin skeptisch gegenüber Thesen einer natürlichen Geschlechterdifferenz. Meine alltäglichen Erfahrungen gehen aber dahin, dass Frauen und Männer durch die Sozialisation in einer kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft tendenziell unterschiedliche Sicht- und Handlungsweisen erlernen (müssen). Da den Frauen in unserer Gesellschaft noch immer die Hauptlast der reproduktiven und (ver)sorgenden Tätigkeiten überantwortet wird, und sie daher darauf ausgerichtet sind, andere Menschen, deren Lebensumwelt und Bedürfnisse, ins Blickfeld zu nehmen, würde ich diese Frage zur Zeit mit Ja beantworten.

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