Bewegung und Bewegtheit

Seine dritte Symphonie, "Kaddish“, hatte Bernstein dem Andenken des von ihm hoch verehrten Präsidenten John F. Kennedy gewidmet. Zur Eröffnung des John F. Kennedy Center of Performing Arts in Washington beauftragte dessen Witwe Jacqueline Bernstein ein Werk zu schreiben. Er entschied sich für "Mass. A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“. Die Schauplätze, Kirche und Theater, deuten bereits an, worum es geht: um eine subjektive Hinterfragung sakraler Inhalte. Konkret um die kritische Auseinandersetzung mit dem katholischen Messtext, der mit anderen liturgischen und freien englischen Texten zu einem 17-teiligen Opus zusammengefügt wird und rasch seines ursprünglichen liturgisches Kontextes verlustig geht.

Leicht hat es sich Bernstein mit diesem knapp zweistündigen Musiktheater nicht gemacht. Die Bedenken gegen das Stück waren so stark, dass der US-Geheimdienst Präsident Nixon riet, der Uraufführung fernzubleiben. Streng gläubige Katholiken sprachen angesichts dieser eigenwilligen Collage von Blasphemie, ziehen das auch hebräische Texte verwendende Stück des Synkretismus. Seinen Siegeszug konnte das nicht verhindern: Bereits 1973 war "Mass“ erstmals in Europa, nämlich im Wiener Konzerthaus, zu hören, 1980 acht Mal an der Wiener Staatsoper.

Zelebrant in Kaufhausatmosphäre

Bewegung und Bewegtheit sind die zentralen Themen dieses Sujets. Bei dieser Koproduktion von "Neue Oper Wien“ und "Osterklang“ im Semperdepot wird versucht, das Zusammentreffen des von seiner Mission unkritisch erfüllten Zelebranten (intensiv, aber zu undifferenziert-lautstark Alexander Kaimbacher) und der übrigen, engagierten Darsteller in einer Art Kaufhausatmosphäre (Bühne und Kostüme: Matthias Werner) zu zeigen.

Regisseur Henrik Müller setzt vornehmlich auf Tempo, lässt im Verlaufe des Geschehens die unterschiedlichen Auffassungen zwischen dem kompromisslos die Glaubenswahrheiten referierenden Zelebranten und den sich um ehrliche Diskussion mühenden Leuten von der Straße immer heftiger aufeinanderprallen. Er scheut nicht davor zurück, Aggressionen besonders deutlich herauszuarbeiten, allerdings ohne damit stets die nötige szenische Spannung zu erzielen.

Musikalisch, mit dem amadeus ensemble wien, dem Wiener Kammerchor, Mitgliedern der Opernschule der Wiener Staatsoper, den solistisch kompetent agierenden Street People und dem glockenhellen Knabensolisten Leonid Sushon unter Walter Kobéras kenntnisreich-animierender Leitung, hinterließ die Aufführung nachdrücklicheren Eindruck.

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