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Feuilleton

Das sogenannte GUTE LEBEN

1945 1960 1980 2000 2020

Statt über das Sein, die Wahrheit oder das Ding an sich reflektieren Philosophen über die Lebenskunst, über Glück, Umgang mit Lüsten und Schmerzen, über Krankheit und Tod.

1945 1960 1980 2000 2020

Statt über das Sein, die Wahrheit oder das Ding an sich reflektieren Philosophen über die Lebenskunst, über Glück, Umgang mit Lüsten und Schmerzen, über Krankheit und Tod.

Philosophische Bücher über die Lebenskunst haben seit Jahren Konjunktur. Unter Lebenskunst wird dabei eine konkrete Auseinandersetzung mit den elementaren Erfahrungen der menschlichen Existenz verstanden. Das Nachdenken über ein gutes, erfülltes Leben ersetzt metaphysische Spekulationen über das Sein, die Wahrheit oder über das "Ding an sich". Stattdessen wird über das Glück, den Umgang mit Lüsten und Schmerzen, über Krankheit und Tod und über die Verantwortung für andere Menschen reflektiert. Philosophische Lebenskunst ist konkret: Jedes Individuum wird aufgefordert, sein eigenes Leben bewusst zu gestalten; im Sinne Friedrich Nietzsches, der dies in einer Maxime so formulierte: "Wozu die Menschen da sind, wozu der Mensch da ist, soll uns gar nicht kümmern. Aber wozu du da bist, das frage dich: und wenn du es nicht erfahren kannst, nun so stecke dir selber Ziele, hohe und edle Ziele." Im deutschsprachigen Bereich haben sich neben anderen Autoren vor allem Annemarie Pieper und Wilhelm Schmid mit der philosophischen Lebenskunst auseinandergesetzt. Dabei ging Schmid von den Überlegungen des französischen Philosophen Michel Foucault aus, der von der "Sorge um sich" sprach, die er mit der Formgebung des eigenen Lebens gleichsetzte. Die Gestaltung des individuellen Lebens ist ein Projekt, das sich gegen vorgegebene ideologische, politische oder religiöse Idealentwürfe stellt. Eine souveräne Persönlichkeit, die ihre Lebenskunst lebt, prüft kritisch dogmatische Normenkataloge der verschiedenen Philosophen und Ideologen, die immer schon wissen, wie zu leben sei. Diese Kritik ist jedoch nur der erste Schritt für eine Lebenskunst; es bedarf danach einer langwierigen Anstrengung, um der von Nietzsche erhobenen Maxime zu entsprechen.

Philosophische Lebenskunst

Im Zentrum der philosophischen Lebenskunst steht das sogenannte "gute Leben", das gleichbedeutend mit einem erfüllten, geglückten, intensiven Leben ist. Damit befasst sich die an der Universität Basel emeritierte Philosophin Annemarie Pieper, die zu den wichtigsten intellektuellen Persönlichkeiten im deutschsprachigen Bereich zählt. In ihrem Buch "Glückssache. Die Kunst gut zu leben", bezieht sie sich auf verschiedene Entwürfe zur Lebenskunst -von den antiken Autoren wie Aristoteles über Sören Kierkegaard und Friedrich Nietzsche bis zu Albert Camus. Über die Ausführungen dieser Autoren bezüglich der Lebenskunst sprach Pieper auch in einem Vortrag, den sie vor Kurzem am Philosophischen Institut der Universität Wien hielt.

Verbindung von Lebenskunst und Glück

Für die Philosophin besteht dabei eine enge Verbindung von Lebenskunst und Glück. Das Nachdenken über menschliches Glück hat mit der Doppelbedeutung dieses Begriffes zu tun: einerseits verbindet man Glück mit einer Art Hochgefühl, einer Intensität, die man zeitweise, meist punktuell, erlebt. Dieses Glücksgefühl ist von verschiedenen Faktoren abhängig, die vom Individuum nicht gesteuert werden können -wie etwa ein Lottogewinn. Dieses momentane Glücksgefühl - "das Zufallsglück" - unterscheidet sich deutlich von jener Glückseligkeit, die das Gesamtkunstwerk eines gelingenden Lebens auszeichnet. Darüber hat bereits Aristoteles, der von 384 bis 322 vor Christus lebte, nachgedacht. Für ihn bildet die Welt einen sinnvoll geordneten Kosmos, in dem jedes Individuum eine spezifische Aufgabe zu erfüllen hat. So besteht zum Beispiel die Aufgabe des Kochs, gute Speisen zu bereiten, die Aufgabe des Winzers, qualitätvolle Weine herzustellen. Um nun ein reibungsloses Funktionieren der Gemeinschaft zu ermöglichen, ist es notwendig, dass jeder Einzelne seiner ihm zugedachten Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen nachgeht. Daraus erwächst ein Glücksgefühl, "ein Strebensglück" - welches sich der Einzelne selbst erarbeitet. Diese Form des Glücks resultiert aus der Bildung eines sittlichen Charakters - so Pieper - einer Formation der Persönlichkeit, die ein gutes Leben ermöglicht. Für das so verstandene Glück der menschlichen Seele ("eudaimonia") ist die Tugendhaftigkeit der Seele ausschlaggebend. Wesentlich ist nun, dass das Individuum sein Glücksbestreben mit anderen Individuen der Gemeinschaft übereinstimmt; mit Michel Foucault gesprochen, die "Sorge um sich" mit der "Sorge um andere" verbindet.

Eine andere Form der Lebenskunst ortet Pieper bei Friedrich Nietzsche. Er ist derjenige Denker, der -neben Sören Kierkegaard und Albert Camus -wesentliche Anstöße für ihre philosophische Tätigkeit gegeben hat. Nietzsches Anspruch besteht darin, das eigene Leben mit seinem philosophischen Diskurs in Übereinstimmung zu bringen. An die Stelle des bloß reflektierenden Subjekts tritt die Persönlichkeit, die ihr Leben experimentell führt.

Das Experimentieren darf jedoch nicht als wahllose Aneinanderreihung von Erlebnissen verstanden werden. Vielmehr bedarf es der Formgebung des eigenen Lebens; man muss an der langwierigen Ausbildung seines Lebensstils hart arbeiten, um "Herr zu werden über das Chaos, das man ist". Das Ziel der Gestaltung seiner Existenz besteht darin, "einen großen Stil" auszubilden, der die Voraussetzung für ein bedingungsloses "Ja-sagen zum Leben" ist. Der Mensch des "großen Stils" sollte sein Leben selbst in die Hand nehmen und sich aus dem Zustand des Geformt-Seins von gesellschaftlichen oder religiösen Institutionen befreien.

Die Entfaltung des "großen Stils", der dazu führt, dass das Leben -selbst unter der Prämisse der ewigen Wiederkehr -uneingeschränkt affimiert wird, ermöglicht eine intensive Lust am Dasein, das Nietzsche auch als dionysisches Glück bezeichnet. Im Erlebnis des Dionysischen werden die eng gesteckten Grenzen des zweckrationalen, individuellen Handelns überschritten und durch ein Gefühl des Ozeanischen ersetzt. "Unter dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und Mensch wieder zusammen", schreibt Nietzsche in seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik"."Auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohne, dem Menschen".

Das Leben entfesselt sich im Tanz

Eine elementare Manifestation des Dionysischen, von der sich Pieper besonders angetan zeigt, ist der Tanz. "Im Tanz entfesselt sich das Leben" - so schreibt die Philosophin in ihrem Buch "Glückssache" -"im Tanz sind alle Sinne des Menschen an dieser ausgelassenen Bewegung beteiligt". Nietzsche schildert euphorisch die Metamorphose, die sich im Tanz ereignet: "Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: Er hat das Gehen und das Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung". Es ist dies der Kulminationspunkt einer intensiven Lebensführung, die das "Grau in Grau des Alltagslebens" transzendiert; Lebenskunst wird dann als eine maximale Intensität, als "ein Sein im Optimum"(Leibniz) erlebt, in der sich dionysisches Glück ereignet.

"Philosophische Lebenskunst ist konkret: Jedes Individuum wird aufgefordert, sein eigenes Leben bewusst zu gestalten."

"Eine souveräne Persönlichkeit, die ihre Lebenskunst lebt, prüft kritisch dogmatische Normenkataloge der verschiedenen Philosophen und Ideologen, die immer schon wissen, wie zu leben sei."