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Feuilleton

Der Aufstand der Pflanzen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Salzburger Museum der Moderne zeigt als große Sommerausstellung "Flowers & Mushrooms“ und thematisch passend in "Plants & Murders“ Neues von Hubert Scheibl.

In der Kulturgeschichte besteht eine stille Übereinkunft über Pflanzen und Pilze. Die Pflanze an sich gibt es nicht, sie ist das, was wir, Betrachter, Künstler und Betrachter von Kunst, daraus machen. Anders verhält es sich mit Pilzen. Sie haben das Zeug dazu, uns zu verändern, greifen, wenn wir sie konsumieren, ein in unsere Wahrnehmung, hebeln die Vernunft aus und schaffen einen Zugang zum Unbewussten. Wenn es ganz blöd zugeht, bringen sie, die Knollenblätterpilze, Fliegenpilze und wie sie alle heißen, uns um.

Wer sich "Flowers and Mushrooms“ im Salzburger Museum auf dem Berg ansieht, bekommt es weder mit Blümchensex noch mit Schwammerlragout zu tun, sondern kriegt es auf die harte Tour. Selten, dass Blumen allein ihrer Pracht wegen ins Bild gesetzt werden. Sie weisen über sich hinaus, wachsen in ein Bedeutungsfeld hinüber, das ihnen von Natur aus gar nicht angestammt ist. Früh fängt die Verwendung der Blume als Nutzpflanze im Garten der Geschichte an. Das lässt sich an fotografischen Arbeiten von Karl Blossfeldt aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts schon zeigen. Er bildet Bärenklau nicht nur ab, er vergrößert ihn überdeutlich und bringt ihn auf hellem Hintergrund nahezu zum Leuchten. Er fügt sich nicht ein in ein Gesamtes, auf ihn allein kommt es an. Und so, wie er sich in die Höhe reckt, nimmt er den Ausdruck einer kühnen Architektur an. Das passt gut in eine Zeit, in der sich die Menschen siegessicher die Natur unterwarfen. Pflanzen werden dank der leicht verfremdeten Darstellung und einer Aura der Künstlichkeit überhöht. Für Blossfeldt hatte es nichts Anrüchiges, einem Stück Natur das Wildwüchsige auszutreiben, auf dass es aussieht wie von Menschenhand verfertigt. Natur und Kunst nähern einander an, immerhin sind beide einem Schöpfungsprozess unterworfen.

Die 1953 in Brasilien geborene, heute in Deutschland lebende Luzia Simons arrangiert Tulpenblüten auf tiefschwarzem Hintergrund. In ihrer Üppigkeit bedrängen sie einander, sie quellen nahezu plastisch aus dem Bild. Man traut dem Anblick von Fülle nicht recht, Blütenblätter zeigen schon Zeichen des Verblühens und Absterbens. Man mag eine recht barock anmutende Botschaft von der Vergänglichkeit des Seins mitnehmen. Und doch weitet sich der Bedeutungshorizont noch nach dem Willen der Künstlerin. Die Tulpe hat im Verlauf der Geschichte ihre Unschuld verloren. Das muss man nicht wissen, um in einen Dialog mit dem Bild zu treten, kann aber helfen.

Ein Wald von überdimensionalen Pilzen

Die Kunst, wie sie sich in dieser klug ausgerichteten, opulenten Ausstellung, in der Arbeiten von 56 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen sind, präsentiert, bedarf in vielen Fällen der Hilfe von außen und eines kundigen Spurenlesers als Betrachter. Für sich allein gesehen mag jedes Objekt als außerordentliches ästhetisches Gebilde durchgehen, zu fassen bekommen wir es deshalb noch lange nicht.

Das heißt nicht, dass es deshalb fürchterlich ernst zugehen muss. Die Schweizerin Sylvie Fleury zeigt überdimensionale Pilze aus Fiberglas, mit Autolack aufgepeppt, dass sie im Raum stehen wie Kultobjekte einer Gesellschaft, der es auf den glatten Oberflächenreiz ankommt. Und wenn man durch den Wald aus überdimensionalen Pilzen von Carsten Höller schreitet, kommt man sich vor wie nach der großen Katastrophe. Selbst schrumpft man auf Zwergenmaß, während die Pilze als giftig-essbare Mischwesen merkwürdige Symbiosen eingehen. Höller ist der Künstler als Naturwissenschaftler, der die Strenge der Theorie gerne mit der Offenheit der Kunst tauscht.

Hubert Scheibl integriert sich mit "Plants & Murders“ vorzüglich in das Ganze. Seine großformatigen Gemälde und Arbeiten auf Papier zeigen den Künstler in einer wüsten Heftigkeit. Zeit nehmen, anschauen!

Flowers & Mushrooms (bis 27. Oktober)

Plants & Murders (bis 20. Oktober)

Museum der Moderne Mönchsberg, Salzburg Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr

www.museumdermoderne.at

Das Salzburger Museum der Moderne zeigt als große Sommerausstellung "Flowers & Mushrooms“ und thematisch passend in "Plants & Murders“ Neues von Hubert Scheibl.

In der Kulturgeschichte besteht eine stille Übereinkunft über Pflanzen und Pilze. Die Pflanze an sich gibt es nicht, sie ist das, was wir, Betrachter, Künstler und Betrachter von Kunst, daraus machen. Anders verhält es sich mit Pilzen. Sie haben das Zeug dazu, uns zu verändern, greifen, wenn wir sie konsumieren, ein in unsere Wahrnehmung, hebeln die Vernunft aus und schaffen einen Zugang zum Unbewussten. Wenn es ganz blöd zugeht, bringen sie, die Knollenblätterpilze, Fliegenpilze und wie sie alle heißen, uns um.

Wer sich "Flowers and Mushrooms“ im Salzburger Museum auf dem Berg ansieht, bekommt es weder mit Blümchensex noch mit Schwammerlragout zu tun, sondern kriegt es auf die harte Tour. Selten, dass Blumen allein ihrer Pracht wegen ins Bild gesetzt werden. Sie weisen über sich hinaus, wachsen in ein Bedeutungsfeld hinüber, das ihnen von Natur aus gar nicht angestammt ist. Früh fängt die Verwendung der Blume als Nutzpflanze im Garten der Geschichte an. Das lässt sich an fotografischen Arbeiten von Karl Blossfeldt aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts schon zeigen. Er bildet Bärenklau nicht nur ab, er vergrößert ihn überdeutlich und bringt ihn auf hellem Hintergrund nahezu zum Leuchten. Er fügt sich nicht ein in ein Gesamtes, auf ihn allein kommt es an. Und so, wie er sich in die Höhe reckt, nimmt er den Ausdruck einer kühnen Architektur an. Das passt gut in eine Zeit, in der sich die Menschen siegessicher die Natur unterwarfen. Pflanzen werden dank der leicht verfremdeten Darstellung und einer Aura der Künstlichkeit überhöht. Für Blossfeldt hatte es nichts Anrüchiges, einem Stück Natur das Wildwüchsige auszutreiben, auf dass es aussieht wie von Menschenhand verfertigt. Natur und Kunst nähern einander an, immerhin sind beide einem Schöpfungsprozess unterworfen.

Die 1953 in Brasilien geborene, heute in Deutschland lebende Luzia Simons arrangiert Tulpenblüten auf tiefschwarzem Hintergrund. In ihrer Üppigkeit bedrängen sie einander, sie quellen nahezu plastisch aus dem Bild. Man traut dem Anblick von Fülle nicht recht, Blütenblätter zeigen schon Zeichen des Verblühens und Absterbens. Man mag eine recht barock anmutende Botschaft von der Vergänglichkeit des Seins mitnehmen. Und doch weitet sich der Bedeutungshorizont noch nach dem Willen der Künstlerin. Die Tulpe hat im Verlauf der Geschichte ihre Unschuld verloren. Das muss man nicht wissen, um in einen Dialog mit dem Bild zu treten, kann aber helfen.

Ein Wald von überdimensionalen Pilzen

Die Kunst, wie sie sich in dieser klug ausgerichteten, opulenten Ausstellung, in der Arbeiten von 56 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen sind, präsentiert, bedarf in vielen Fällen der Hilfe von außen und eines kundigen Spurenlesers als Betrachter. Für sich allein gesehen mag jedes Objekt als außerordentliches ästhetisches Gebilde durchgehen, zu fassen bekommen wir es deshalb noch lange nicht.

Das heißt nicht, dass es deshalb fürchterlich ernst zugehen muss. Die Schweizerin Sylvie Fleury zeigt überdimensionale Pilze aus Fiberglas, mit Autolack aufgepeppt, dass sie im Raum stehen wie Kultobjekte einer Gesellschaft, der es auf den glatten Oberflächenreiz ankommt. Und wenn man durch den Wald aus überdimensionalen Pilzen von Carsten Höller schreitet, kommt man sich vor wie nach der großen Katastrophe. Selbst schrumpft man auf Zwergenmaß, während die Pilze als giftig-essbare Mischwesen merkwürdige Symbiosen eingehen. Höller ist der Künstler als Naturwissenschaftler, der die Strenge der Theorie gerne mit der Offenheit der Kunst tauscht.

Hubert Scheibl integriert sich mit "Plants & Murders“ vorzüglich in das Ganze. Seine großformatigen Gemälde und Arbeiten auf Papier zeigen den Künstler in einer wüsten Heftigkeit. Zeit nehmen, anschauen!

Flowers & Mushrooms (bis 27. Oktober)

Plants & Murders (bis 20. Oktober)

Museum der Moderne Mönchsberg, Salzburg Di-So 10-18, Mi bis 20 Uhr

www.museumdermoderne.at