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Diagnose Hyperaktiv

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Ein strittiger Befund

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Ein strittiger Befund

Streitfall ADHS: Ursprung, Diagnose und Therapie bleiben umstritten. Ein Mädchen und seine Mutter berichten über das Leben mit dieser Störung.

Eigentlich will die 15-jährige Michaela nichts über ihre Krankheit erzählen. Die Diagnose sei nicht immer leicht zu akzeptieren, erklärt Mutter Brigitte P. für ihre Tochter. Michaela will erst einmal zuhören, was ihre Mutter über sie erzählt, doch schon stellt sich heraus, dass Innehalten ein Ding der Unmöglichkeit ist: Das Mädchen leidet an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und kommentiert alle Aussagen der Mutter. „Rededurchfall“ nennt Brigitte P. das. Mutter und Tochter lachen dann gemeinsam.

Wenn Brigitte P. sagt: „Ich gebe zu, ich war am Anfang überfordert, man sucht Hilfe, rennt von Pontius zu Pilatus“, unterbricht sie das Mädchen: „Pontius und Pilatus, das ist doch ein und dasselbe, wie von links nach rechts rennen.“ Den Lauf ins Leere kennt Brigitte P. tatsächlich gut: Dass ihre damals noch anderthalbjährige Tochter „anders“ sei, war bald klar: „Sie hat nicht ruhig sitzen können, hat keine Regeln akzeptiert und litt unter massiven Schlafstörungen. Als sie sich immer wieder verletzt hat, weil sie kein Gefahrenbewusstsein entwickelt hatte, bin ich zu einem Kinderarzt gegangen.“ Der Arzt aber erkennt kein ADHS. Er diagnostiziert Epilepsie und verschreibt Medikamente. „Ich war ein Versuchskaninchen“, wirft die Schülerin energisch ein – ein Satz, der wohl so stehenbleibt.

Doch Brigitte P. war misstrauisch, recherchierte im Internet und ließ ihre Tochter gezielt nach Kriterien der WHO und der Amerikanischen Psychiatriegesellschaft auf ADHS hin untersuchen. Bei Michaela wurde ADHS diagnostiziert.

Werde „Behinderte“ genannt

„In die Tests wurden Lehrer und Verwandte einbezogen“, erklärt Brigitte P. „Die haben die Verwandtschaft gefragt, ob die auch schon ein bisschen einen Schuss gehabt haben“, wirft die Teenagerin scherzhaft ein. Die Reaktion anderer auf ADHS kennt sie genau: „Heute in der Schule bin wieder Behinderte genannt worden.“

Alexandra Kutzelnigg von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie kennt die Symptome: „Die Kinder sind sehr leicht ablenkbar und abwesend, wenn man sie direkt anspricht, häufig passieren Flüchtigkeitsfehler, Dinge werden vergessen oder verloren und vieles mehr. Man versucht für die Tests so viele Informationsquellen wie möglich heranzuziehen, oft wird das Kind auch stationär beobachtet.“ Unruhe alleine lasse noch nicht auf die Ursache schließen und auch müsse die Symptomatik in mehreren Lebensbereichen auftreten, um eine Kontextbezogenheit ausschließen zu können.

Kutzelnigg selbst hat den Eindruck, dass österreichische Kinder- und Jugendpsychiater mit der Diagnose und auch mit dem Verschreiben von Medikamenten vorsichtig umgehen: „In der Erwachsenenbetreuung sehe ich eher das Gegenteil, nämlich dass Erwachsene kommen, die nicht diagnostiziert worden sind, weil ADHS früher kein wirkliches Thema war.“

ADHS-Kritiker sehen das anders. Sie vermuten hinter Verhaltensauffälligkeiten eine Wohlstandsvernachlässigung der Kinder und in ADHS eine Modediagnose, die leichtfertig gestellt wird, weil von den Kindern heute zu viel erwartet würde.

Christa Fumics hat als freischaffende Ergotherapeutin in Wolkersdorf (NÖ) in den letzten fünf bis zehn Jahren ebenfalls den Eindruck gewonnen, dass Kinder, die unangepasst sind, sehr leicht mit einer Verdachtsdiagnose abgestempelt werden, wenngleich Fumics die medizinische Diagnose akzeptiert: „Kinder werden heute von einem Event zum anderen gezerrt und haben kaum Ruhephasen. Sie ertragen es dann auch nicht, wenn einmal Ruhe ist“, gibt Fumics ihre Praxis-Erfahrungen mit größtenteils nichtdiagnostizierten Kindern wieder: „In der Erziehung verabsäumen es Eltern oft, Regeln und Grenzen festzusetzen“, sagt sie. Fumics trainiert in ihrer Therapie etwa den Umgang mit Emotionen, Aggressionsabbau, Rollenverhalten oder setzt auf Spiele, in denen Frustrationsgrenzen ausgetestet werden.

Dass ADHS nicht rein genetisch bedingt ist, sondern das soziale Umfeld und die Erziehung ebenfalls eine Rolle spielen, sagen auch die Mediziner. „In einer sehr medialisierten Welt kann es leichter zu einem Aufmerksamkeitsdefizit kommen“, so Kutzelnigg, „Aber das hat mit der Diagnose noch nichts zu tun.“ Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge spielt der Dopaminstoffwechsel bei ADHS-Patienten eine wichtige Rolle.

Gefährliche „Psychopillen“?

Selbst der Einsatz von Medikamenten wie Ritalin (Wirkstoff: Methylphenidat) wird heftig diskutiert, Kritiker warnen sogar vor „gefährlichen Psychopillen“, die starke Ähnlichkeiten mit Kokain hätten. Kinder würden ruhiggestellt, ohne dass man nach Ursachen für die Hyperaktivität fragt. Diesem Vergleich kann Harald Sitte, Pharmakologe an der Medizinischen Universität Wien, nichts abgewinnen. „Ritalin als gefährliche Psychopillen zu bezeichnen, ist eine vollkommene Übertreibung. Der Effekt ist zwar ähnlich wie bei Kokain, allerdings ist der zugrundeliegende Mechanismus unterschiedlich. Die Substanz hat einen nachweisbaren positiven Effekt, den Kindern geht es augenscheinlich besser, das zeigen auch Langzeituntersuchungen“.

Alexandra Kutzelnigg von der Psychiatrie führt aus: „Das Einzige, was man sagen kann ist, dass beide Substanzen über das Dopaminsystem wirken. Es ist ein großer Unterschied, ob man mit einer illegalen Droge mit erheblichen Abhängigkeitspotenzial wie Kokain zu tun hat oder mit einem Medikament wie Ritalin, das vom Arzt verschrieben wird.“

Michaela selbst meint, dass ihr Ritalin geholfen habe: „Ich bin ruhiger geworden.“ Im Abstand von drei bis vier Stunden nahm sie täglich eine Tablette, im Moment versucht sie ohne die Medikation auszukommen, weil sie die Einnahme nerve. „Aber schüchtern bin ich trotzdem noch“, sagt das Mädchen, das schlagfertig und pointiert alles ungefragt kommentiert, aber eigentlich nichts erzählen wollte. „ADHS ist keine Modediagnose. Als die Sonderbeschulung im Raum gestanden ist, haben wir uns für Methylphenidat entschieden und es hat geholfen. Tests haben gezeigt, dass Michaela in Teilbereichen sogar überdurchschnittlich begabt sei“, erklärt Brigitte P. „Sonderschule? Dann hätte mich jeder noch mehr gehänselt“, reagiert Michaela prompt.

Obwohl sie anfangs nicht über Einsamkeit sprechen wollte, wirft Michaela immer wieder ein, ihr sei soeben doch etwas eingefallen. Sie sprintet aus dem Zimmer, um Harry-Potter-Spielkarten zu holen, und zeigt letztlich auf die Figur des Draco Malfoy: „Ich hab keine Freunde gehabt und er ist auch ziemlich unbeliebt, weil er ein schlechter Mensch ist.“ Doch ist Michaela ein schlechter Mensch? „Jeder hat gute und schlechte Seiten“, sagt sie. „Einsame sind nicht sehr beliebt. Ich flüchte mich in die Fantasiewelt und mache mich selbst zu einer eigenartigen, bösen Figur. So kann ich in dieser Welt doch im Mittelpunkt stehen.“

Brigitte P. erklärt: „Weil man in der Fantasiewelt das Schlechte, also das Anderssein, ohne Konsequenzen ausleben kann.“ Die Mutter spielt darauf an, dass mit der Diagnose in der Realität häufig Möglichkeiten der Schul- oder Berufsausbildung einfach wegbrechen. „Ich wünsche mir, dass die Einstellung, ADHS gebe es nicht und sei ein Erziehungsfehler, abgelegt wird“, sagt Brigitte P. Michaela versucht, es locker zu sehen: „ADHS hat auch gute Seiten. Wenigstens brauche ich keinen Energydrink“.

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