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Heilige Unbegreiflichkeit

Ostern naht und damit eine Hinwendung zu den Festgedanken, die zum Kernbestand der Christenlehre zählen: Sinn von Leben und Leiden, Sterben und Auferstehen. Haben wir nicht oft genug gehört, katholische Christen sollten sich nicht mit "Strukturdebatten" und "Organisationsreformen" aufhalten, sondern über das Wesentliche im Menschenleben nachdenken: Woher? Wohin? Wozu? Der Sinn von Schöpfung und Geschichte nur zähle, Anfang und Ende, Auftrag und Ziel.

Bei näherem Hinsehen entdecken wir: Das Reden in Kirchen darüber ist gar nicht leicht! Oft ist es betulich, wortreich und oberflächlich - oder selten und karg. Wie viele Glaubensverkünder trauen sich noch, Gescheites etwa zur Erbsünde zu sagen? ("Fleisch gewordener Egoismus", hinterließ uns Bernhard Häring.) Sinn des Leidens: Die Tsunami-Katastrophe verschloss mehr Kirchenmünder als sie öffnete. Und: Warum musste Jesus ans Kreuz? Beten wir wirklich einen Gott Vater an, der ein blutiges Menschenopfer als Voraussetzung dafür verlangte, dass er die von ihm geschaffene, der Freiheit des Menschen mit anvertraute Welt rette? (Heutige Theologen schwanken.) Was heißt Auferstehung? Ewiges Leben? (Jedenfalls nicht Zeit ohne Ende, was ja schrecklich wäre.) Wie ist "Vollendung in Gott" zu verstehen?

Nicht Feigheit lässt immer mehr Theologen zögern. Von Karl Rahner ist ein Büchlein ("Von der Unbegreiflichkeit Gottes") hinterlassen, das man zur wichtigsten religiösen Jetztzeitliteratur zählen darf. Ihn bedrückte die Forschheit von Zunftkollegen, über Glaubensmysterien wortreich Auskunft zu geben, statt in Bescheidenheit auf die immer neu zu verstehende Gleichnis- und Bildersprache der Bibel zu verweisen. Seien Sie ihrem Pfarrer nicht böse, wenn er zu Ostern statt aufzutrumpfen demütig stammelt. Er könnte ein Rahner-Schüler sein.

Der Autor ist freier Publizist.

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