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Kein Nobelpreis war so verdient

Als bekannt geworden war, die Europäische Union habe den Friedensnobelpreis erhalten, war auch bei vielen Smarthirnträgern der Teufel los. Hirngespinst und Selbstbetrug sei das sogenannte Friedensprojekt Europa, um nichts als Macht- und Interessenpolitik sei es von Anfang an gegangen, noch vor Kurzem sei auch in Südosteuropa Krieg geführt worden, und der Weltfinanzkrise stehe Brüssel hilflos gegenüber. Wer traut sich als Erster "Kehrt euch!“ zu kommandieren?

Es müssten Narren sein. Der Startschuss für die Integration Europas war eine geschichtsmächtige Tat. Jahrhundertelang hatten Visionäre ein solches Zusammenwachsen herbeigeträumt, -geredet und -geschrieben, tausendmal vergeblich, endlich mit Erfolg. Die noch rauchenden Trümmer des Megaverbrechens der Weltkriege bahnten der Vernunft eine Gasse.

Hätte man nicht besser mit einer Integration auf philosophisch-kultureller Ebene beginnen sollen? Nein, zweimal nein! Kultur, Kunst hat sich immer schon auch ohne große Verträge über Grenzen hinweg durchzusetzen gewusst. Kriege hat das leider nie verhindert. Die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) hat nicht einen "neuen Menschen“ anvisiert, an dem schon viele Ideologien gescheitert sind. Man hat wirtschaftliche Friedensstrukturen geschaffen. Staaten, die gleichen Zugang zur gemeinsamen Grundstoffindustrien haben, können gegenein-ander keine Kriege mehr führen.

Auf dem Gebiet der heutigen EU war seit 1945 kein Krieg mehr, und heute drängen auch alle Nachbarn in die Friedensregion hinein. Noch nie in der Geschichte Europas hat es eine so lange Friedensperiode gegeben. Kein Nobelpreis ist so verdient wie dieser. Die ihn am 10. Dezember in Oslo abholen werden, sind fleischgewordene Zeugen dafür, dass große Ideen, einmal in Gang gesetzt, später auch durch dürftige Mittelmäßigkeit nicht mehr zerstörbar sind.

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